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Roland Opitz
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Das Leben Dostojewskis glich einer Achterbahnfahrt: stetig pendelnd zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen Erfolg, Spielsucht und Geldnot. Mit 28 Jahren wurde er wegen revolutionärer Gedanken des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, landet dann aber im sibirischen Arbeitslager.
Er gilt als Psychologe unter den Schriftstellern, derjenige der hinab schauen kann in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Biografie ist gespickt mit Auszügen aus seinen Meisterwerken sowie mit einigen seiner Briefe, die einen offenherzigen Menschen zeigen.

Judenschlacht

Judenschlacht

Karl Wilhelm Ferdinand Enslin

Karl Wilhelm Ferdinand Enslin (1819-1875) fasste zunächst den Plan, historische Aufsätze über seine Heimatstadt Frankfurt zusammenzutragen und zu verfassen, die sich an ein größeres Publikum richten, die historischen Gegebenheiten bekannt machen und Liebe zu seiner Vaterstadt hervorrufen sollten. Bald aber entwickelte sich das Buch durch Recherchen und Sammeltätigkeit zu einer Sammlung von hauptsächlich Sagen, Bräuchen und geschichtlichen Ereignissen. Enslin beschloss, ein Frankfurter Sagenbuch herauszugeben, das es bisher noch nicht gab. Er bediente sich verschiedener Quellen, hauptsächlich Sagensammlungen (auch der der Brüder Grimm) und Geschichtsbüchern über Frankfurt, die er bearbeitete.
In seiner Sammlung berichtet er auch mehrfach über die Judenschlacht. Bei der sogenannten „ersten Frankfurter Judenschlacht" 1241 kam fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt ums Leben. Im Jahr 1349 wurden in Köln, Bonn, Frankfurt und anderen Städten weitere Pogrome durchgeführt und die Juden auf grausame Weise ermordet.

Anna Hein

 

Judenschlacht


Schon im Jahre 1241 war in Frankfurt eine Judenverfolgung, die man die erste Judenschlacht nannte.
Der Sohn eines Juden wollte Christ werden, wurde jedoch von seinen Verwandten und Freunden daran verhindert. Darüber entstand Streit zwischen den Christen und Juden, wobei einige Christen getödtet wurden. Und nun kam es zu einem gräßlichen Blutbade, wobei 180 Juden ums Leben kamen. In der Verzweiflung zündeten die Juden ihre Häuser an, weil sie lieber sich und ihre Habseligkeiten im Feuer umkommen sehen wollten, als in der Feinde Hände fallen. Während nun die Christen sich rasender Mordlust überließen, griff das Feuer immer weiter um sich und verzehrte fast den halben Theil der Stadt. Die noch übrigen Juden, etwa 24, worunter auch ihr Rabbiner, ließen sich darauf in der Todesangst taufen.

Noch schlimmer ging es zu im Jahre 1349, bei der sogenannten zweiten Judenschlacht. Der Haß gegen die Juden und die Lust nach ihren Geldsäckeln erfanden die Sage, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und sie seien Schuld an der Pest, die Deutschland verwüstete.
Nun waren gerade die Geißler in Frankfurt, die das Volk, das ohnehin schon erbittert gegen die Juden war, noch mehr gegen dieselben anreizten.
Damals war das Judenquartier noch in der Nähe des Doms, woselbst auch das Rathhaus stand.
Als nun die auf Raub ausgehenden Geißler nicht anders zu den Geldkasten der Juden gelangen konnten, legten sie Feuer in der Judengasse an, und verführten ein Geschrei, als seien sie von den Juden angetastet worden. Ehe es aber zu thätlichen Angriffen kam, sah man mit Schrecken aus den hölzernen, schindelbedeckten Häusern die Flammen emporschlagen, die rasch um sich griffen und einen großen Theil der südlichen Stadt nach dem Main zu in ein Feuermeer verwandelten.
Nun flohen die Geißler mit Geheul durch die Straßen und verbreiteten die Sage: ein reicher Jude, Namens Storck, der dem Rathhaus gegenüber gewohnt, habe einen feurigen Pfeil in das Rathhaus abgeschossen, wodurch der Brand entstanden sei.
Man griff wohl zu Lösch- und Rettungsgeräten, aber auch zu den Waffen. Der Anblick der brennenden Häuser und der jammernden Juden trieb die Wuth auf´s Äußerste. Ohne Mitleid wurden diese, Männer, Weiber und Kinder, niedergestoßen, in die Flammen gejagt - oder stürzten sie sich auch selbst hinein.
Die Geißler aber benutzten die allgemeine Verwirrung und plünderten.
Das Haus - der Südseite der Domkirche gegenüber - worin jener Jude Storck gewohnt haben soll, ist gegenwärtig ein Wirtshaus und führt den Namen „zum Storch" - erinnernd an jenes Bild aus der „guten alten Zeit".

 

 

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Textquelle: Karl Enslin: Frankfurter Sagenbuch. Sagen und sagenhafte Geschichten aus Frankfurt am Main. Neue Ausgabe. Frankfurt a. M., H. L. Brönner 1861, S. 45 f.

Bildquelle: Judengasse und Dominikanerkloster aus Matthäus Merians "Merianplan. Vogelschauplan von Frankfurt am Main" 1628. gemeinfrei, wikipedia