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Unser Leseangebot

Heft 3/2012 - mit Sonderteil zur ARD Themenwoche "Leben mit dem Tod" 17.-23. November 2012

Aus dem Inhalt:

Zwischen Paradies und Nirwana. Stephan Schlensog über die Antworten der Weltreligionen auf die Grundfragen des Lebens.

Im Sterben Leben geben. Der Regisseur Christoph Schlingensief lebt in seinem afrikanischen Operndorf weiter.

Die Pest zu Frankfurt

Die Pest zu Frankfurt

Karl Wilhelm Ferdinand Enslin

Karl Wilhelm Ferdinand Enslin (1819-1875) fasste zunächst den Plan, historische Aufsätze über seine Heimatstadt Frankfurt zusammenzutragen und zu verfassen, welche die historischen Gegebenheiten der Stadt bekannt machen und Liebe zu seiner Vaterstadt hervorrufen sollten. Bald aber entwickelte sich das Buch durch Recherchen und seine Sammeltätigkeit zu einer Sammlung von hauptsächlich Sagen, Anekdoten, Liedern und Überlieferungen über die Stadt am Main.

Anna Hein

 

Die Pest zu Frankfurt

Jetzt kennt man in Deutschland die Pest nur vom Bücherlesen und Hörensagen und ist auch gar nicht verdrießlich darüber, daß sie weit weg bleibt und keine Reisen macht von Afrika nach Europa.
Früher aber war dies nicht so; da brach in Deutschland die Pest gar oft aus und raffte Tausende mit sich in Verderben und Tod.
Und auch in Frankfurt am Main kehrte sie gar häufig ein, und zwar allemal uneingeladen.
Aber die Frankfurter wissen schon mit solch schlimmen Gästen fertig zu werden.
Denn als die Schreckliche wieder einmal auf Besuch da war, und die Aerzte sich vergebens den Kopf zerbrachen, wie man ihr beikommen oder sie los werden könne, da trat ein weiser Mann zu der versammelten Bürgerschaft und sprach also:
„Aber die Sache ist ja doch so einfach, ihr lieben Leute! Wir mauern die Pest in die Stadtmauer! Da kann sie nicht heraus, und wir sind sie los!"
Das leuchtete allen Vernünftigen sehr ein; und mit feierlichen Zeichen und Sprüchen ward die Pest, die sich stets als ein blaues Flämmchen zeigte, in die alte Mauer festgebannt.
Seitdem wunderte sich Deutschland darüber, daß sie gar nicht mehr komme. Jetzt weiß man´s, wo sie hingekommen und wie sich die Stadt Frankfurt um das deutsche Reich verdient gemacht hat.
Freilich hätt´ es noch schlimm gehen können; denn als zu Zeiten des Fürsten Primas die Stadtmauer niedergerissen wurde, da hegte man große Furcht, die eingemauerte Pest möchte nun wieder herausschlüpfen. Sie kam aber nicht, und Niemand weiß, wohin sie gekommen, und ob sie - die Pest - nicht selbst an der Pest gestorben sei.
Damit jedoch ihre sehr hochunwohlgeborene Familie, deren Ahnen aus Asiens Urgeschichte stammen, nicht ganz aussterbe, hat sie ein Töchterlein hinterlassen, genannt: Cholera. Dieses mit großem Vernichtungstalente begabte Kind hat zwar bis jetzt Frankfurts Boden nicht seines Besuches gewürdigt und die Frankfurter haben es auch nicht zu sich eingeladen; solt´ es aber dennoch einmal auf seinen deutschen Reisen in die Mainstadt kommen, so wird sich wohl auch eine Mauer finden, in die man es bannt - und wär´ es jene zwischen Frankfurt und Eckenheim, zwischen welcher der ewige Friede (der große Frankfurter Friedhof) weilt.

 

 

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Textquelle: Karl Enslin: Frankfurter Sagenbuch. Sagen und sagenhafte Geschichten aus Frankfurt am Main. Neue Ausgabe. Frankfurt a. M., H. L. Brönner 1861, S. 128 f.

Bildquelle: Yersinia pestis im Fluoreszenz-Mikroskop mit Fluoreszenz-markiertem Antikörper gegen ein Kapsel-Antigen; gemeinfrei, wikipedia