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Goethe hat ihn bewundert.
Goethes Begegnungen mit Felix Mendelssohn Bartholdy.

Horst Nalewski


Der Musikkenner und international geachtete Literaturwissenschaftler Horst Nalewski erzählt anhand fünf ausgewählter Beispiele von dem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen und Zusammenwirken zweier Künstler. Eine CD mit den Musikstücken liegt diesem Büchlein bei.

Im Herbst 1775

Im Herbst 1775

Johann Wolfgang von Goethe

Die hier abgedruckte frühe Fassung des Gedichtes spiegelt Goethes Abschied von der Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann wider. Der junge Dichter hatte die 16-Jährige bei einem Konzert im Hause ihrer Eltern kennengelernt. Beide verliebten sich innig ineinander, verlobten sich trotz Bedenken von Vater und Mutter im Frühjahr 1775. Doch Johann Wolfgang Goethe fühlte sich bisweilen nicht nur eingeengt in den Gesellschaftskreisen, denen Lili angehörte, sondern hatte auch Zweifel an einer Ehe. Sein Bedürfnis nach einem freiheitlichen Leben siegte schließlich. Schon im Herbst desselben Jahres löste er die Verbindung und richtete seinen Blick gen Weimar. Noch im hohen Alter erinnerte sich der Dichter gern und teils mit Wehmut an Lili Schönemann: "Sie war in der Tat die Erste, die ich tief und wahrhaft liebte. Auch kann ich sagen, daß sie die Letzte gewesen."

Ulrike Unger

Im Herbst 1775

 

Fetter grüne du Laub
Am Rebengeländer
Hier mein Fenster herauf
Gedrängter quillet
Zwillingsbeeren, und reifet
Schneller und glänzend voller
Euch brütet der Mutter Sonne
Scheideblick, euch umsäuselt
Des holden Himmels
Fruchtende Fülle.
Euch kühlet des Monds
Freundlicher Zauberhauch
Und euch betauen, Ach!
Aus diesen Augen
Der ewig belebenden Liebe
Vollschwellende Tränen.

 

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Textquelle:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Bd. 1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987. S. 174-175.

Vorschaubild: Rita Dadder