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N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Holzhausenschlösschen

Holzhausenschlösschen

Ralph Zade

Viele historische Frankfurter Bauten fielen im Zweiten Weltkrieg Bombenangriffen zum Opfer, die große Teile des historischen Stadtzentrums verwüsteten. In den äußeren Stadtteilen waren die Schäden weniger gravierend. So wurde zwar die Zugangsbrücke zum Holzhausenschlösschen zerstört, das Schlösschen selbst aber blieb im Wesentlichen unversehrt und bildet mit dem es umgebenden Park heute noch ein historisches Ensemble, selbst wenn heute nicht mehr alles so ist, wie es früher einmal war. Dass der Holzhausenpark mit dem Schlösschen heute eine grüne Oase ist, ist eine Ironie der Geschichte, denn früher einmal wurde das Terrain als „Große Oede“ bezeichnet (was allerdings wohl weniger im heutigen Sinne von „öde“ als im Sinne von „einsam“ gemeint war).

In den Jahrhunderten vorher war der Ort nicht immer von schlimmeren kriegerischen Einwirkungen verschont geblieben. Ehemals stand an derselben Stelle ein befestigter Gutshof. Dieser ging bei der Belagerung Frankfurts 1552 (Frankfurt war zwar protestantisch, stand aber im Krieg gegen die protestantischen Reichsfürsten um Moritz von Sachsen treu zum Kaiser) in Flammen auf, wie man auf dem sogenannten Belagerungsplan, auf dem der Zeitgenosse Conrad Faber von Kreuznach die Ereignisse wiedergab, erkennen kann, und wurde dann wieder aufgebaut. Im Dreißigjährigen Krieg (in den Jahren 1634, 1635 und 1636) kam es zu Plünderungen und Beschädigungen durch französische, aber auch durch kaiserliche Truppen.

Ansicht von Osten
Ansicht von Osten

Einen Aufschwung nahm die Örtlichkeit dann mit dem Neubau des heute noch stehenden Schlösschens in den Jahren 1727 bis 1729 auf den Fundamenten des ehemaligen gotischen Baus. Bauherr war Johann Hieronymus von Holzhausen (1674-1736), ein Vertreter der Frankfurter Patrizierfamilie, die das Terrain seit dem 15. Jahrhundert ihr eigen nannte und Namensgeberin des Schlösschens ist – nicht nur des Schlösschens, sondern auch des dieses umgebenden Parks und des heutigen Holzhausenviertels. Johann Hieronymus von Holzhausen hatte teils hohe Ämter in der Stadt inne (z.B. 1722 das des Jüngeren Bürgermeisters und 1733 das des Älteren Bürgermeisters). Was er bauen wollte, war ein Lustschlösschen – ihren Hauptwohnsitz hatte die Familie innerhalb der Stadtmauern.

Der soziale Rang des Bauherrn zeigte sich auch in der Auswahl des Architekten. Louis Rémy de la Fosse (1659-1726) war zwar Franzose, wirkte aber überwiegend in Deutschland, wo er an verschiedenen repräsentativen Schlossbauten beteiligt war (u.a. erstellte er einen – dann so nicht realisierten – Plan für den Bau des Schlosses Charlottenburg in Berlin). Das Holzhausenschlösschen als eher kleines Projekt stellt eine Ausnahme in seinem Schaffen dar. Dass er für Johann Hieronymus von Holzhausen tätig wurde, zeigt, dass dieser gute Beziehungen zum Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt (1678-1739) hatte, denn in dessen Diensten stand de la Fosse als Oberbaumeister. Die Kosten für den Bau des Schlösschens waren beträchtlich. Sie belasteten nicht nur den Bauherrn, sondern auch noch seine Erben. Im 18. Jahrhundert wurde das Gebäude lange Zeit nicht von der Familie selbst bewohnt, sondern vermietet, um Einnahmen zu erzielen.

Allerdings war das entstandene Gebäude auch ein Schmuckstück. Das Schlösschen, ein an sich schlichter viergeschossiger rechteckiger Bau mit Mansarddach gewinnt seinen ganzen Charme erst in Zusammenschau mit dem Teich und dem das Ensemble umgebenden Park. Der Bau traf einen Nerv der Zeit – viele reiche Frankfurter Familien nahmen sich an dem Bautypus ein Beispiel und schufen sich in der Folgezeit Refugien außerhalb der engen und stickigen Innenstadt. Die in der Aufklärung aufkommende Wertschätzung der Natur trug ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Allerdings ist von den Nachahmerbauten nichts erhalten und das Holzhausenschlösschen war insofern nicht nur das erste Herrenhaus seiner Art in Frankfurt, sondern ist heute gleichzeitig auch das letzte.

Das Schlösschen fand nicht nur in seiner Erbauungszeit, sondern auch danach viele Bewunderer. Einer der berühmtesten war der Maler Hans Thoma (1839-1924). Er bezog 1877 eine Wohnung in der Lersnerstr. 20 mit Blick auf den Holzhausenpark und malte diesen mit dem Schlösschen von 1879-83 vier Mal, teils mit dem Fenster seiner Wohnung als Rahmen und Gegenständen aus seiner Wohnung im Vordergrund (einem Buch bzw. einer Bibel und Vasen). Zwei dieser Bilder befinden sich heute im Besitz des Städel, wo 2013 eine große Thoma-Werkschau stattfand.

Die brennende Holzhausen-Oede auf dem Plan des Conrad Faber von Kreuznach 1552.
Die brennende Holzhausen-Oede auf dem Plan des Conrad Faber von Kreuznach 1552.

Adolph von Holzhausen (1866-1923), der letzte der Holzhausens, schenkte Schlösschen und Park schließlich der Stadt. Zu dieser Zeit war der Park schon nicht mehr im Originalzustand erhalten – er war in der Gründerzeit verkleinert worden, was die Gesamterscheinung des Parks deutlich beeinträchtigte; nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er nochmals umgestaltet; auch der Teich ist nicht mehr so groß wie früher. Das alles hängt natürlich auch damit zusammen, dass das Nordend, von dem das Holzhausenviertel einen Teil bildet, heute anders als früher dicht bebaut ist und zum Stadtbereich im engeren Sinne gehört. 200 m vom Schloss entfernt befindet sich ein eisernes Tor mit Sandsteinpfosten aus dem 18. Jahrhundert, das einen Eindruck vom früheren Zugang und den entsprechenden Dimensionen vermittelt. Die Kastanien, die dahinter eine Allee bilden, sind allerdings neueren Datums – sie stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Auch das Innere des Gebäudes ist heute weit vom Originalzustand entfernt. Das liegt u. a. daran, dass der Bau verschiedensten Nutzern gedient hat. Seit 1912 hatte der später berühmte Architekt Ernst May seinen Geschäftssitz im Schlösschen und wohnte auch hier. Die Stadt Frankfurt brachte hier den Frankfurter Teil des Reichsarchivs unter. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schlösschen kurzzeitig von den Amerikanern genutzt, von 1953-88 dann als Museum für Vor- und Frühgeschichte. Seit 1989 ist es nun Sitz der Frankfurter Bürgerstiftung. 2014 wurde das Innere letztmalig renoviert.

Das Holzhausenviertel ist heute eines der begehrtesten Wohnviertel in Frankfurt. Insofern könnte man sagen, dass hier die Frankfurter Patrizier von heute wohnen – allerdings in Gründerzeithäusern, die nicht annähernd so schön sind, wie das Herrenhaus von Johann Hieronymus von Holzhausen, das bei den von der Bürgerstiftung dort regelmäßig organisierten Kulturveranstaltungen auch weniger betuchten Zeitgenossen offen steht.



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Literatur:

Hannelore Limberg: Holzhausenschlösschen. (Reihe: Frankfurter Architektur und Geschichte, Publikationen der Frankfurter Bürgerstiftung und der Cronstett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung, hg. von Clemens Greve) Deutscher Kunstverlag, Berlin, München 2015

Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen II, bearbeitet von Folkhard Cremer u.a., Deutscher Kunstverlag, Berlin, München, 2008, S. 281 f.

Webseite der Frankfurter Bürgerstiftung (zuletzt abgerufen am 29.9.2016):

http://www.frankfurter-buergerstiftung.de/

Bildquellen:

Vorschaubild, Holzhausenschlösschen in Frankfurt a.M., Ansicht von Südsüdwesten.Urheber: Lumpeseggl via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Holzhausenschlösschen in Frankfurt a.M., Ansicht von Osten. Urheber: Lumpeseggl via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Fabers Belagerungsplan von Frankfurt am Main, Darstellung der Stadt, ihrer Umgebung, und der Belagerung durch protestantische Fürsten vom 17. Juli bis 8. August 1552, gemeinfrei

Holzhausenschlösschen

Justinianstraße 5
60322 Frankfurt am Main

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