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Heft 1

A |E | I | O | U … Hör gut zu!

Dieses Arbeitsheft beginnt mit einem Vorkurs zur “phonologischen Bewusstheit” und übt das Silbenglieder, das Anlauterfassen und das Reimwortfinden.

Liebfrauenkirche

Liebfrauenkirche

Sabine Gruber

„Der Weg nach der neuen Stadt, durch die neue Kräm, war immer aufheiternd und ergetzlich; nur verdroß es uns, daß neben der Liebfrauen-Kirche keine Straße nach der Seite zuging, und wir immer den großen Umweg durch die Hasengasse oder die Catharinenpforte machen mußten.“

So erinnerte sich Goethe in Dichtung und Wahrheit an die Spaziergänge, die er als Kind durch die Frankfurter Altstadt machte. Als der junge Goethe im 18. Jahrhundert seine Heimatstadt erkundete, war die Liebfrauenkirche wesentlich stärker zwischen zahlreichen Nachbargebäuden eingebaut als das heute der Fall ist: Der Straßendurchbruch, den sich schon Goethe und seine Eltern wünschten, erfolgte erst 1855 als auf der Westseite der Kirche die Liebfrauengasse angelegt wurde, über die man ab sofort von der Altstadt aus zur Zeil gehen konnte. Obwohl die Liebfrauengasse jetzt sehr breit und Teil der Fußgängerzone ist, scheint die Kirche auch heute noch unvermittelt zwischen ihren modernen Nachbarhäusern aufzutauchen, wenn man von der Zeil aus in Richtung Altstadt abbiegt, und nicht nur das: die Kirche ist außerdem eine Insel der Ruhe in der quirligen und lauten Innenstadt. Wenn man links vom Kirchenladen „i-Punkt“ in den Klosterhof geht, weist auch ein Schild darauf hin, dass dieser Ort ausschließlich der Stille und dem Gebet vorbehalten ist. Vor dem Marienbild im Klosterhof flackern hunderte Kerzen und einige Beter und Beterinnen harren davor aus. Durch eine kleine Pforte gelangt man in eine Kapelle, die ebenfalls für Betende reserviert ist. Einen Eingang zum Hauptschiff der Kirche findet man dagegen wenn man auf der rechten Seite des Kirchenladens in die Bleidengasse einbiegt.

Wie andere alte Frankfurter Kirchen entstand auch die Liebfrauenkirche aus einer Kapelle, die im Mittelalter von Privatleuten gestiftet worden war. Vor 1320 stiftete Wigel von Wanebach, dessen Grabplatte aus dem Jahr 1322 sich in der Kirche befindet, gemeinsam mit Verwandten am heutigen Liebfrauenberg eine der Gottesmutter Maria geweihte Kapelle, die bereits wenige Jahre später zur Stiftskirche erhoben und 1344 zu einem Hallenbau erweitert wurde. 1453 wurde ein Turm der Stadtbefestigung umgebaut und als Kirchturm in den Bau einbezogen. 1470 führte Jörg Österreicher die Schaufassade an der Südfront aus. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Kirche im Stil des Barock und des Rokoko umgestaltet.

Die Liebfrauenkirche war schon früh – möglicherweise schon im späten 13. Jahrhundert - eine Wallfahrtskirche. Ziel der Wallfahrer war damals eine stehende Marienfigur, die sich im Chor befand und die bei der Säkularisation 1802 aus der Kirche verschwand und nicht mehr auffindbar ist. Ein Marienbild, das noch heute verehrt wird, und das sich jetzt im rechten Nebenchor befindet, ist eine Pietà aus Steinguss vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Bei dieser Technik wurde ein aus gemahlenem Kalkstein gegossener, noch recht grober Block anschließend vom Bildhauer weiterbearbeitet und verfeinert. Seit 1750 war die Pietà Teil eines prächtigen Gnadenaltars aus Stuckmarmor, der vom Stiftsdekan Peter Ludwig von Habermann in Auftrag gegeben wurde. Wie viele alte Frankfurter Kirchen wurde auch die Liebfrauenkirche im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Unter anderem wurden die Kanzel, das Chorgestühl, die Orgel und neun Altäre zerstört, darunter auch der Gnadenaltar. Die aus der brennenden Kirche gerettete Pietà ist heute wieder Teil eines – wenn auch kleineren – Altars.

Liebfrauenkirche und -berg auf dem Faberschen Belagerungsplan 1552
Liebfrauenkirche und -berg auf dem Faberschen Belagerungsplan 1552

Ein besonderer kunsthistorischer Schatz der Liebfrauenkirche ist das Tympanonrelief mit den Heiligen drei Königen, das als „eines der schönsten Werke mittelrheinischer Bauplastik“ (Reclams Kunstführer Deutschland) eingestuft wird. Es befindet sich im Tympanon des Hauptportals zum Liebfrauenberg. Das Relief, das sich an niederländisch-burgundischen Vorbildern orientiert, entstand um 1425 und wird dem Frankfurter Baumeister Madern Gerthener zugeschrieben. Der Künstler orientierte sich nicht nur am Bibeltext, sondern versah die Figuren mit zusätzlichen symbolischen Akzenten. So stellen die Heiligen drei Könige die drei Lebensalter dar: Jugend, Reife und Alter. Darüber hinaus stehen sie für die drei zur damaligen Zeit bekannten Erdteile: Asien, Europa und Afrika. Ungewöhnlich ist, dass Joseph zu sehen ist, wie er außerhalb des Stalles schläft. Die Szene wird von einem geöffneten Maßwerkvorhang gerahmt.

Als der Orden der Kapuziner 1923 die Seelsorge der Liebfrauengemeinde übernahm, wurde direkt neben der Kirche ein Kloster errichtet (die Pforte befindet sich im Hof). Die Kapuziner, die immer noch mit der Seelsorge betraut sind, versorgen heute im „Franziskustreff“ Bedürftige mit Speisen. Der Kirchenladen „i-punkt“ an der Liebfrauengasse bietet Passanten Informationen und Beratung an. Wie zu Goethes Zeiten ist die Liebfrauenkirche eine Kirche mitten in der Stadt, die man nicht nur als Wallfahrer aufsucht, sondern an der man auch als Passant immer wieder vorbeikommt und sich gelegentlich vielleicht auch zum Verweilen eingeladen fühlt.


Adresse: Liebfrauen - Kirche und Kloster in der Stadt, Schärfengäßchen 3| 60311 Frankfurt am Main

Öffnungszeiten: (täglich von 5.30-21.00 Uhr geöffnet; Stand: Oktober 2016).




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Bildquellen:

Vorschaubild, Liebfrauenkirche Frankfurt am Main, Urheber: Filius humanitas via Wikimedia Commons GFDL

Liebfrauenkirche und -berg auf dem Faberschen Belagerungsplan 1552, gemeinfrei

Textquellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Liebfrauenkirche_(Frankfurt_am_Main) aufgerufen am 22.10.2016

Goethe's Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Bd. 24. Stuttgart/Tübingen 1829, S. 23 (einführendes Zitat)

Hessen. Kunstdenkmäler und Museen. Von Dieter Großmann, G. Ulrich Großmann, Gerhard Bott und Erich Herzog. 6. Aufl. Stuttgart 1987 (= Reclams Kunstführer Deutschland Bd. 4).

Matthias Theodor Kloft: Die Marienbilder in der Liebfrauenkirche Frankfurt am Main. Lindenberg 1999


Liebfrauenkirche

Liebfrauenkirche
60313 Frankfurt am Main

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