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Fritz und Sophie Schlosser

Fritz und Sophie Schlosser

Sabine Gruber

Den „hölzernen Fritz“ nannte ihn wenig schmeichelhaft der spottlustige Clemens Brentano und tatsächlich muss Johann Friedrich Heinrich, genannt „Fritz“ Schlosser im Gegensatz zu seiner weltgewandten und parkettsicheren Frau etwas schüchtern gewesen sein. Dennoch vertraute Goethe stets auf den juristischen Rat seines jungen Verwandten und auch die Familie Brentano, die es sich selbst nicht zutraute, dem verzweifelten Clemens Brentano nach dem Tod seiner ersten Frau in Richtung Heidelberg entgegen zu reisen, schickte Fritz Schlosser auf die heikle Mission. Schlosser muss also trotz oder gerade wegen seines zurückhaltenden Wesens über großes Einfühlungsvermögen verfügt haben.

Johann Friedrich Heinrich Schlosser wurde am 30. Dezember 1780 als Sohn des Juristen und Ratsherrn Hieronymus Peter Schlosser, des älteren Bruders von Goethes Schwager, und seiner Frau Margaretha Rebecca Elisabetha in Frankfurt am Main geboren. Von 1799 bis 1803 studierte er Jura, zunächst in Halle, später in Jena, hörte aber auch Vorlesungen anderer Fakultäten. 1803 wurde er an der Universität Göttingen promoviert und kehrte in seine Heimatstadt zurück, wo er als Advokat arbeitete. Für seinen Verwandten Goethe übernahm Schlosser wichtige juristische Mandate. So besorgte er nach dem Tod von Goethes Mutter 1808 die Erbschaftsangelegenheiten seines Verwandten und wuchs damit mehr und mehr in die Rolle von Goethes Frankfurter Vermögensverwalter hinein. Auch um die komplexen Fragen im Zusammenhang mit der von Goethe angestrebten Entlassung aus der Frankfurter Bürgerschaft kümmerte er sich vorbildlich. Bereits als Jenaer Student lernte Schlosser Clemens Brentano kennen, der dort ein Medizinstudium begonnen hatte. Obwohl Brentano sich immer wieder spöttisch über den aus seiner Sicht ungelenken Schlosser äußerte, wusste er ihn doch zu schätzen und machte ihn mit seiner Frankfurter Familie bekannt. Mit einigen Familienangehörigen wie Clemens' älterem Bruder Georg Brentano hatte Schlosser jahrzehntelangen Kontakt.

Neben seiner Arbeit als Jurist fand der vielseitig interessierte und begabte Schlosser immer noch genügend Zeit für eigene Dichtungen, vor allem aber für Übersetzungen aus zahlreichen Sprachen und für das Anlegen einer für die damalige Zeit, in der Bücher immer noch etwas Kostbares waren, überaus umfangreichen Bibliothek. Durch seine Aufzeichnungen und seinen Bücherschatz konnte Schlosser auch Recherchen für Goethes „Dichtung und Wahrheit“ übernehmen. Sein jüngerer Bruder Christian Friedrich und die Brüder Boisserée machten Schlosser mit der Malerei der Nazarener bekannt und er wurde ein früher und wichtiger Sammler von deren Bildern.

Obwohl die Frankfurter höhere Gesellschaft nicht gerade arm an gebildeten jungen Frauen war, war es für Schlosser, auch aufgrund seines zurückhaltenden Wesens, nicht leicht, eine ebenbürtige Frau zu finden. Zeitweise soll er in Bettine Brentano, der er Italienischunterricht erteilte, unglücklich verliebt gewesen sein, Gefühle, die die quirlige und extrovertierte Bettine nicht erwiderte. Im Dezember 1808 verlobte er sich mit Sophie Du Fay, einer selbstbewussten jungen Frau, die wie er mehrere moderne Fremdsprachen beherrschte – sie sprach fließend Französisch, Englisch und Italienisch – hochgebildet war und sein Interesse für Kunst und Literatur teilte. Sophie Du Fay stammte aus einer seit dem 16. Jahrhundert in Frankfurt ansässigen Hugenottenfamilie. Ihr Vater, Jean Noé Du Fay, war ein reicher Kaufmann. Bereits im Februar 1809 heirateten Fritz und Sophie Schlosser.

 Ansicht von Stift Neuburg
Ansicht von Stift Neuburg

Als Schlosser 1814 Frankfurt auf dem Wiener Kongress vertrat, lernte das Ehepaar dort Klemens Maria Hofbauer kennen, der einen Kreis von katholischen Intellektuellen und Künstlern um sich scharte. Unter seinem Einfluss traten sie noch im selben Jahr – für ihre Frankfurter Freunde und Verwandten überraschend und schockierend – gemeinsam zum katholischen Glauben über. Das Verhältnis zu Goethe kühlte danach merklich ab und die Kontakte wurden seltener, blieben aber bestehen. Goethe hätte auf die Hilfe seines jungen Verwandten wohl kaum verzichten können. Nach Goethes Tod wurde Schlosser mit seiner umfangreichen Goethe-Sammlung, die er im Laufe der Jahre angelegt hatte, ein wichtiger Vermittler von dessen Werken. 1825 kauften Fritz und Sophie Schlosser das idyllisch auf einem Hügel vor den Toren Heidelbergs gelegene Stift Neuburg, ein ehemaliges Kloster, das heute wieder als solches genutzt wird. Seitdem verbrachten sie die Sommermonate zwar überwiegend dort, blieben aber dennoch ein wichtiger Teil der Frankfurter Gesellschaft. Wer in Frankfurt Rang und Namen hatte, ging bei ihnen ein und aus, und zahlreiche Frankfurter Künstler verdankten den beiden Schlossers Aufträge und finanzielle Unterstützung. Die Gesellschaften, die die Schlossers auf ihrem „Musenhof“ Stift Neuburg gaben, wurden auch von Frankfurtern gern besucht. Konfessionelle Unterschiede spielten dort zu Lebzeiten Schlossers keine Rolle.

Fritz Schlosser starb am 22. Januar 1851 in seiner Geburtsstadt Frankfurt. Er wurde auf dem 1828 neu angelegten Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. Sein Grab befindet sich dort noch heute im Gewann D 211. Das Grabdenkmal ist allerdings renovierungsbedürftig. Sophie Schlosser überlebte ihren Mann um vierzehn Jahre. Nach seinem Tod zog sie sich weitgehend nach Stift Neuburg zurück, wo sie – als gewandte und unterhaltsame Gastgeberin – weiterhin Künstler und Gelehrte empfing, dabei aber neue Akzente setzte. Der „Musenhof“ erhielt jetzt eine dezidiert katholische Richtung und die Bischöfe von Speyer, Mainz und Rottenburg waren häufig gesehene Gäste. Von seinen dichterischen Arbeiten hatte der bescheidene Schlosser zu Lebzeiten kaum etwas veröffentlicht. Das holte seine Witwe jetzt nach: 1851 veröffentlichte sie seine Sammlung „Die Kirche in ihren Liedern durch alle Jahrhunderte“ und von 1856 bis 1859 eine vierbändige Ausgabe seiner literarischen Werke. Einige Jahre vor ihrem Tod hatte Sophie Schlosser den größten Teil der Bibliothek dem Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler vermacht. Noch heute befindet sich dieser Teil des Schlosser-Nachlasses in der Mainzer Martinus-Bibliothek. Sophie Schlosser starb am 24. Mai 1865 in Stift Neuburg und wurde im Grab ihres Mannes auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt.

Textquellen

Helmut Hinkel: Schlosser, Fritz. In: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 102f.

Helmut Hinkel (Hrsg.): Goethekult und katholische Romantik. Fritz Schlosser (1780-1851). Mainz 2002. (darin die Beiträge: Johannes Saltzwedel: Anwaltliche Pietät. Johann Friedrich Heinrich Schlosser als Treuhänder und Verehrer Goethes; Renate Moering: Fritz Schlosser und die Brentanos. Mit unbekannten Handschriften; Thomas Berger: Fritz Schlosser und Stift Neuburg bei Heidelberg; Sabine Gruber: „Eine unverstandne und unbefriedigte Sehnsucht bliebt immer wach im Herzen“ – Sophie Schlosser, geb. Du Fay; Norbert Suhr: Friedrich Schlosser als Förderer der Künstler)

https://dcms.bistummainz.de/bm/dcms/sites/einrichtungen/martinus-bibliothek/Bestand/Schlosser-Bibliothek.html (letzter Zugriff: 25.3.2017)

http://www.frankfurter-hauptfriedhof.de (letzter Zugriff: 25.3.2017)

Bildquellen:

Kloster Stift Neuburg über dem Neckartal in Heidelberg-Ziegelhausen gelegen Von Eichbaum aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32...

ine von sechs zeitgenössischen Lithographien mit einer Ansicht von Stift Neuburg von Ernst Fries, gemeinfrei