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N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Fettmilch-Aufstand

Fettmilch-Aufstand

Ralph Zade

Vinzenz Fettmilch, Conrad Gerngroß und Conrad Schopp, die Anführer des Fettmilchaufstandes, auf einem Stich aus dem Jahr 1614
Vinzenz Fettmilch, Conrad Gerngroß und Conrad Schopp, die Anführer des Fettmilchaufstandes, auf einem Stich aus dem Jahr 1614

Am 28.2.1616 regnete es in Strömen. Auf dem Rossmarkt hatten sich schon seit 3 Uhr morgens Menschen versammelt, um sich bei der Hinrichtung einen guten Zuschauerplatz zu sichern. Gegen 5 Uhr trafen im Licht von Fackeln Ratsherren und Beamte ein. Zwei Stunden später dann wurden, gefesselt auf offenen Wagen, die Verurteilten zur Richtstätte gefahren. Die Exekution nahm wegen der Verlesung der Urteile mehrere Stunden in Anspruch. Zuerst schlug der Henker Fettmilch die beiden Schwurfinger der rechten Hand ab. Dann wurde Vincenz Fettmilch enthauptet, sein Körper gevierteilt. Die Teile seines Körpers wurden an vier Landstraßen vor der Stadt zur Schau gestellt. Sein Kopf wurde – wie die Köpfe der Mitverurteilten Ebel, Gerngroß und Schopp – aufgespießt und an der Südseite des Brückenturms auf der rechten Mainseite ausgestellt. Fettmilchs Haus in der Töngesgasse wurde niedergerissen. Auf dem Grundstück erbaute man 1617 eine Schandsäule, mit der Aufschrift „Daß dieser Platz bleibt öd und wüst, dran Vincenz Fettmilch schuldig ist.“ Fettmilchs Vermögen wurde durch den kaiserlichen Fiskus beschlagnahmt. Seine Frau und seine Kinder mussten Frankfurt auf Lebenszeit verlassen.

Noch im folgenden Jahrhundert erinnerte sich Goethe: „Unter den altertümlichen Resten war mir, von Kindheit an, der auf dem Brückenturm aufgesteckte Schädel eines Staatsverbrechers merkwürdig gewesen, der von dreien oder vieren, wie die leeren eisernen Spitzen auswiesen, seit 1616 sich durch alle Unbilden der Zeit und Witterung erhalten hatte.“ Ob dieser Schädel der Vincenz Fettmilchs war, oder der eines der mit ihm getöteten Unglücklichen, lässt sich nicht mehr klären. Jedenfalls hing er dort 185 Jahre lang, bis der Turm 1801 abgerissen wurde.

Die Plünderung der Frankfurter Judengasse während des Fettmilch-Aufstands; Stich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1628
Die Plünderung der Frankfurter Judengasse während des Fettmilch-Aufstands; Stich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1628

Knapp vier Jahre vor der Hinrichtung, im Mai 1612, hatte Frankfurt ein freundlicheres Gesicht gezeigt; die Wahl und Krönung von Kaiser Matthias wurde vollzogen und gefeiert, mit dem angemessenen Prunk und Pomp. Schon damals war es allerdings so, dass Prachtentfaltung der Mächtigen Teilen der Bevölkerung missfiel. Und so wurde die Krönung zum Ausgangspunkt einer Protestbewegung Frankfurter Bürger, die sich nicht gegen den Kaiser, sondern gegen die kleine patrizische Frankfurter Stadtelite wandte, gegen Korruption und aus öffentlichen Ämtern gezogene Vorteile, aber auch gegen die jüdische Bevölkerung der Stadt.

Anfang des 17. Jahrhunderts hatte Frankfurt 20.000 Einwohner, von denen mehr als 2000 Juden waren. Seit dem 15. Jahrhundert mussten diese im Ghetto in der Judengasse leben. Was aus heutiger Sicht als unerträgliche Diskriminierung empfunden werden muss, war zur damaligen Zeit nicht nur negativ: Zwar durften Juden in Frankfurt nicht außerhalb des Ghettos wohnen, aber im Ghetto standen sie unter dem Schutz des Kaisers und wurden nicht – wie in anderen Städten der Fall – vertrieben. Ein kleiner Teil der Juden, nämlich der, der als Geldverleiher tätig war, hatte zudem eine wichtige Funktion für die in der Stadt Herrschenden. Infolgedessen wurden Juden von Teilen der Bevölkerung als mit der Obrigkeit verbunden angesehen und zogen Hass auf sich – hier spielte auch das bis heute existierende Phänomen eine Rolle, nach dem an sich berechtigte Anliegen zur Ablehnung von Minderheiten führen, denen man die Schuld an den Verhältnissen gibt, was eine simple Erklärungsmöglichkeit bietet und die Auseinandersetzung mit den wahren Problemursachen, die wesentlich komplexer sind, überflüssig macht.

Vincenz Fettmilch, dem durch spektakuläre Auftritte bald Prominenz in der Bürgerbewegung zuwuchs, war ursprünglich Soldat gewesen und hatte es bis zum Unteroffizier gebracht. Nach dem Ausscheiden aus dem Militär wurde er Schreiber. Dank der Heirat mit einer Frankfurter Bürgerstochter erlangte er 1593 das Bürgerrecht der Stadt. Da sich die Hoffnung auf eine lukrative Schreiberstelle zerschlug, wechselte Fettmilch den Beruf und wurde Lebkuchenbäcker – sein Schwiegervater nahm ihn in seine Bäckerei auf. Als solcher wurde er auch Mitglied der Frankfurter Zunft der Fettkrämer. Das war für die nachfolgenden Ereignisse insofern wichtig, als die Zünfte dabei eine zentrale Rolle spielten und die Gespräche mit der Stadtobrigkeit prägten – es waren keineswegs in erster Linie die Ärmsten in der Stadt, die rebellierten, sondern federführend war ein Teil der Bevölkerung, der durchaus über Geld verfügte, dem aber keine entsprechende Stellung in der Stadtgesellschaft zukam. Fettmilch, der mit seiner Frau zehn Kinder hatte, inszenierte sich gern selbst, was sich auch in extravaganter Kleidung ausdrückte, und hatte einen Hang zu spektakulären Auftritten. Deshalb wurde er bald als Führungspersönlichkeit der Bürgerbewegung wahrgenommen. Ob er wirklich der vorrangige Anführer der Protestierenden war, wird in der neueren Forschung teils kontrovers diskutiert. Jedenfalls war seine Rolle so hervorstechend, dass die folgenden Ereignisse als „Fettmilch-Aufstand“ in die Frankfurter Stadtgeschichte eingingen.

Im Dezember 1612 wurde durch Vermittlung des Landgrafen von Hessen-Darmstadt und des Mainzer Erzbischofs, die Kaiser Matthias eingesetzt hatte, zunächst eine Zwischenlösung erzielt, der sogenannte Bürgervertrag, der eine Neustrukturierung des Stadtrats, eine Einsicht in die städtischen Privilegien und eine Kontrolle über die städtischen Finanzen vorsah. Dieser brachte jedoch keine dauerhafte Lösung des Konflikts, sodass es 1614 zu einer Eskalation der Situation kam. Vom 5. bis 8.5. 1614 besetzten Aufständische die Ratsstube und hielten die Ratsherren dort fest. Am 22.8. schließlich wurde die Judengasse geplündert, die dort noch ausharrenden Juden – ein Teil der jüdischen Bevölkerung war schon vorher zum Verlassen der Stadt gezwungen worden oder hatte Frankfurt in Vorahnung der Ereignisse verlassen – wurden aus Frankfurt ausgewiesen, nachdem sie vorher auf dem jüdischen Friedhof zusammengetrieben worden waren.

Hinrichtung von Vincent Fettmilch
Hinrichtung von Vincent Fettmilch

Diese Verletzung des kaiserlichen Schutzes der Juden konnte nicht hingenommen werden. Im September 1614 verhängte der Kaiser die Reichsacht über Fettmilch sowie die später mit ihm hingerichteten Konrad Gerngroß und Konrad Schopp. Der Aufstand brach zusammen. Ende November wurde Fettmilch verhaftet. Es gelang ihm zwar vorübergehend die Flucht, als der Einsatz von Artillerie gegen sein Wohnhaus, in dem er sich verschanzt hatte, angedroht wurde, gab er jedoch auf.

Am Tag der Hinrichtung zogen die vertriebenen Frankfurter Juden in einer Prozession wieder ins Ghetto ein. An den Eingängen des Ghettos wurde zum Zeichen des Schutzes der kaiserliche Wappenadler angebracht. Zur Erinnerung an ihre Vertreibung und Wiederaufnahme feierten die Frankfurter Juden fortan das Fest „Purim Vinz“, bei dem ein jiddisches Lied in mehr als 100 Strophen vorgetragen wurde, das die Ereignisse schilderte.



Literatur (Webseiten zuletzt aufgerufen am 30.4.2017):

Christopher R. Friedrichs: Fettmilch-Aufstand, in: Dan Diner (Hrsg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Band 2 Co-Ha, Stuttgart, Weimar 2012, S. 333 ff.

Fritz Backhaus, Raphael Gross, Sabine Kößling, Mirjam Wenzel (Hrsg.): Die Frankfurter Judengasse. Geschichte, Politik, Kultur, München, C.H. Beck 2016, S. 30 ff.

Vincenz Fettmilch im Frankfurter Personenlexikon:

http://frankfurter-personenlexikon.de/node/2169

Seite zum Fettmilch-Aufstand auf frankfurt.de:

https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2923&_ffmpar%5B_id_inhalt%5D=30352223&template=nav_spez_ohne_nav

Goethe-Zitat aus: „Dichtung und Wahrheit“, Goethes Werke in sechs Bänden, Frankfurt 1949 ff., Bd. 5, S. 113.

Bildquellen:

Die in der Töngesgasse anstelle von Fettmilchs Haus errichtete Schandsäule, gemeinfrei

Vinzenz Fettmilch, Conrad Gerngroß und Conrad Schopp, die Anführer des Fettmilchaufstandes, auf einem Stich aus dem Jahr 1614 Von Unbekannt - Historisches Museum der Stadt Frankfurt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73...

Die Plünderung der Frankfurter Judengasse während des Fettmilch-Aufstands; Stich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1628, gemeinfrei

Fettmilch-Aufstand: Hinrichtung von Vincent Fettmilch, Konrad Gerngroß, Konrad Schopp und Georg Ebel am 28. Februar 1616 auf dem Frankfurter Roßmarkt, gemeinfrei