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Der Kühhornshof

Der Kühhornshof

Sabine Gruber

Ansicht auf einer Tuschezeichnung von Johann Wolfgang von Goethe, 1775
Ansicht auf einer Tuschezeichnung von Johann Wolfgang von Goethe, 1775

Als Johann Wolfgang Goethe 1775 eine Tuschzeichnung des Kühhornshofs anfertigte, lag das befestigte Gehöft noch ein gutes Stück von Frankfurt entfernt in sehr idyllischer Umgebung und war von einem breiten Wassergraben umgeben, auf dem Goethe in seinem Bild einen Kahn treiben ließ. Heute befindet sich der als einziges Gebäude noch erhaltene Wehrturm dagegen mitten in der Stadt auf dem Gelände des Hessischen Rundfunks im Frankfurter Stadtteil Nordend. Darüber hinaus erinnert die Kühhornshofstraße, die von der Feldgerichtstraße zur Eckenheimer Landstraße am Frankfurter Hauptfriedhof führt, an das Gehöft, das einst ein wichtiger Bestandteil der Frankfurter Stadtbefestigung und ein begehrter Besitz war.

Goethe zeichnete im 18. Jahrhundert ein schon sehr altes Gut, dessen Ursprünge bis in die Stauferzeit zurückreichen. Im 14. Jahrhundert führte es noch den Namen’Knoblauchshof‘. Die ursprüngliche Gestalt dieses Knoblauchshofs ging verloren als die Truppen Moritz von Sachsens bei der Belagerung Frankfurts im Jahr 1552 das Gut niederbrannten. Größere Teile der späteren Anlage wie das Herrenhaus und die Nebengebäude entstanden wohl erst nach dem dadurch nötig gewordenen Wiederaufbau im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts. Auch der Wehrturm musste nach einem Einsturz wiederaufgebaut werden. Die Tatsache, dass die heutige Kühhornshofstraße von der Feldgerichtstraße ausgeht, erinnert noch daran, dass in der Nähe des Kühhornshofs das Feldgericht stattfand: ein Gericht zur Aburteilung derjenigen, die sich eines so genannten Feldfrevels schuldig gemacht hatten, nach dem Adelungschen Wörterbuch „Eine Art niederer Gerichte, welche sich über die Grenzen, Felddiebereyen und andere Feldsachen erstrecket, und ehedem im freyen Felde gehalten wurde, […].“

Der Kühhornshof
Der Kühhornshof

Der ursprünglich namensgebende Besitzer des Hofes, der angesehene Frankfurter Patrizier Jakob Knoblauch, hatte das Gut im Jahr 1323 erworben. Durch den Ankauf angrenzender Grundstücke hatte er seinen Besitz im Laufe der folgenden Jahre vergrößert. Der Hof blieb allerdings nicht sehr lange im Besitz der Familie Knoblauch: Der Sohn Jakob Knoblauchs verkaufte ihn bereits 1396 wieder. Neuer Besitzer war zunächst die Stadt Frankfurt, die das Gut in die städtischen Verteidigungsanlagen einbezog. 1413 erwarb ein gewisser Rudolf zum Humbrecht den Hof, musste jedoch zahlreiche Auflagen beachten, die die Stadt ihm aufgrund der strategisch wichtigen Lage des Hofes gemacht hatte. Im 16. Jahrhundert erhielt das Gut einen neuen und noch heute verwendeten Namen nachdem Bernhard Kuhhorn es erworben hatte. Nach einem späteren Besitzer, Heinrich von Bertram, der den Hof 1660 kaufte, wurde er auch als ‚Bertramshof‘ bezeichnet. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte das Gut mehrfach seine Besitzer. Manchmal kam es dabei auch zu Erbschaftsstreitigkeiten, wie eine 1823 erschienene Anzeige nahelegt.

Am 19. April 1823 veröffentlichte die Neckar-Zeitung (und wohl auch andere Zeitungen im weiteren Umfeld von Frankfurt) eine Anzeige, die auf die bevorstehende Versteigerung des Gutes aufmerksam machte, und heute einen Einblick in den damaligen Zustand des Areals erlaubt: „Montag den 16. Juni l. J., Nachmittags um zwei Uhr, wird das eine halbe Stunde von Frankfurt gelegene Landgut, Bertrams- ehemals Kühhornshof genannt, bestehend aus ungefähr 184 Morgen Land […] Wiesen, Gärten und Baumstücken, welche sämmtliche Ländereien den Hof umschließen, zwei Wohnhäusern, einem Oekonomie-Gebäude, Scheunen, Stallungen u. s. w., auf dem Gute selbst, wegen Erbauseinandersetzung öffentlich an den Meistbietenden verkauft.“

Ob die Frankfurter Familie Rothschild das Gut und die dazu gehörigen Ländereien schon 1823 bei der genannten Versteigerung erwarb, oder doch erst „um 1840“ wie in der Literatur über den Kühhornshof zu lesen ist, ist unklar. Jedenfalls befanden sich Hof und Ländereien nach einem Bericht der Regensburger Zeitung vom November 1840 bereits „seit einiger Zeit“ im Besitz der Familie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfielen die Hofgebäude mehr und mehr, ob durch Alter oder mangelnde Pflege ist nicht sicher. Jedenfalls war ihr Zustand in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts so schlecht geworden, dass weite Teile der Gebäude abgerissen werden mussten. Der Jahrhunderte alte Turm war dagegen so fest gebaut, dass er bis heute stehen geblieben ist und zwischen modernen Zweckbauten immer noch an das alte Frankfurt erinnert. Als Ersatz für die abgerissenen Gebäude ließ Luise von Rothschild im späten 19. Jahrhundert neue Hofgebäude errichten, die sich wie der alte Wehrturm bis heute auf dem Gelände des Hessischen Rundfunks erhalten haben. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurden die Ländereien des Kühhornshofs als Bauland genutzt und nach und nach verschwand der dörfliche Charakter der Umgebung und das Land wurde in die Stadt integriert. Dabei war nicht zuletzt der Frankfurter Stadtbaurat und Architekt Ernst May beteiligt, dem die Stadt Frankfurt eine ganze Reihe architektonisch interessanter Siedlungen verdankt, die noch heute bestehen.

Textquellen

Hans Pehl: Als sie einst die Stadt schützten. Frankfurts befestigte Gutshöfe. Frankfurt am Main 1978.

Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. 2. Teil. F-L. Wien 1808, Sp. 94f.

Neckar-Zeitung. Nr. 103. 19. April 1823, S. 434.

Regensburger Zeitung Nr. 279. 21. November 1840, S. 1 (Rubrik „Auswärtiges“)

https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BChhornshof (zuletzt aufgerufen am: 31.05.2017)


Bildquellen:

Kühhornshof von Norden. Zeichnung von Peter Becker, 1872, gemeinfrei

Ansicht auf einer Tuschezeichnung von Johann Wolfgang von Goethe, 1775, gemeinfrei

Kühhornshof in Resten der Landwehr von Süden. Zeichnung von Peter Becker, 1872, gemeinfrei