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Irmgard Keuns Roman

Irmgard Keuns Roman "Nach Mitternacht"

Sabine Gruber

Frankfurt in der Nazizeit

Der Frankfurter Opernplatz Mitte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Überall stehen aufgeregte Menschen, immer neue drängen hinzu. SS-Männer patrouillieren. Fahrzeuge werden gestoppt, Straßen gesperrt. Selbst Fußgänger werden nur noch zeitweise durchgelassen. Die gespannte Menschenmenge wartet auf einen Besuch Hitlers in Frankfurt. Mittendrin: die junge Susanne Moder, von allen „Sanna“ genannt, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, und deren Freundin Gerti, die heimlich in Dieter Aaron verliebt ist, sich aber zum Schein mit ihrem Verehrer, dem Nazi Kurt Pielmann, treffen muss. Eigentlich wollten sie nur nach einem Geschäftsbummel in der Goethestraße und auf der Zeil und einem Besuch in ihrem Lieblingscafé am Roßmarkt nach Hause gehen, aber dann kommen sie nicht weiter und landen auf dem Balkon des Café Esplanade (ein nicht mehr existierendes Café an der Taunusanlage), von wo aus sie das Geschehen genau beobachten können: „Dann glitten auf einmal Autos über die Straße – so weich und eilig wie fliegende Daunenfedern. Und so schön! Nie in meinem Leben habe ich so wunderbare Autos gesehen. Und so viele Autos kamen, so viele! Alle Gauleiter und zugehörigen hohen Parteimänner fuhren in solchen Autos. Die sind sicherlich alle furchtbar reich. Denn wenn ich an Franz denke und mir ausmale, er würde noch hundert Jahre leben und von morgens bis abends arbeiten – wenn er immer Arbeit hätte – und würde hundert Jahre nichts trinken und kein bißchen rauchen, und nichts tun als sparen, sparen, sparen – dann könnte er sich in hundert Jahren noch immer nicht so ein Auto kaufen.“

Susanne lebt in Frankfurt bei ihrem Halbbruder Algin, der eigentlich Alois heißt, einem Schriftsteller und dessen Frau Liska, einer Kunstgewerblerin. Eigentlich stammt Susanne aus dem kleinen Lappesheim an der Mosel. Das hat sie aber schon früh verlassen, nachdem ihr Vater zum dritten Mal geheiratet hatte und zu ihrem Leidwesen eine Frau, die sie nicht mochte. Überhaupt war ihr die dörfliche Atmosphäre an der Mosel mit der Zeit zu eng geworden. Susanne zog deshalb nach Köln zu ihrer Tante Adelheid (im Roman nur als „Tant Adelheid“ bezeichnet) und deren Sohn Franz, in den sie sich bald verliebte. Tante Adelheid, die ihrem Sohn in einer Art Haßliebe zugetan ist, war damit überhaupt nicht einverstanden. Als Susanne in ihrer jugendlichen Naivität scheinbar kritische Äußerungen über Nazigrößen machte, die ihre Tante oder jemand aus der Nachbarschaft weitergegeben hatte, musste sie zum Verhör zur Gestapo, entging aber einer Festnahme. Vor ihrem Verhör beobachtete sie auf dem Flur schlimme Szenen: „Und immer mehr Menschen strömen herbei, das Gestapo-Zimmer scheint die reinste Wallfahrtsstätte. Mütter zeigen ihre Schwiegertöchter an, Töchter ihre Schwiegerväter, Brüder ihre Schwestern, Schwestern ihre Brüder, Freunde ihre Freunde, Stammtischgenossen ihre Stammtischgenossen, Nachbarn ihre Nachbarn“.

Susanne hat nur einen Wunsch: endlich in einer Umgebung leben zu dürfen, in der sie keine Angst mehr haben muss und sich frei äußern kann, aber der erfüllt sich auch später in Frankfurt nicht. Erst als Susanne am Ende des Romans gemeinsam mit ihrem geliebten Franz Deutschland verlässt, schöpft sie wieder Hoffnung. Wie es ausgeht bleibt offen, aber die letzten Zeilen des Romans lassen eine bessere Zukunft möglich erscheinen. Der Roman zeigt vertraute Orte in Frankfurt, die jedoch erschreckend unvertraut wirken. Überall lässt sich Irritierendes beobachten. Die junge Protagonistin bewegt sich in einer Gesellschaft von Künstlern und Akademikern, die versuchen, sich den Repressalien der Nazis so gut es geht, zu entziehen und ihr eigenes Leben zu führen, oft, „nach Mitternacht“ wo sie in wechselnden Frankfurter Kneipen und Restaurants die Nacht zum Tage machen. Das gelingt ihnen aber nicht, und schon das Erwachen am nächsten Tag bringt meist eine Desillusionierung. Der Kunstgriff, dies alles von einer jungen Erzählerfigur mit einem unverstellten und naiv-gutmütigen Blick auf die Welt erzählen zu lassen, macht den Blick auf den von Repressalien und Schikanen beschränkten Alltag noch eindrücklicher. Es bleibt oft den Lesern überlassen, das Gelesene zu bewerten und einzuordnen.

Die Autorin Irmgard Keun wurde 1905 in Berlin geboren und wuchs später in Köln auf. Sie begann dort eine Ausbildung an der Schauspielschule und erhielt erste Engagements. 1931 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Gilgi, eine von uns“ und schon ein Jahr später ihren zweiten Roman „Das kunstseidene Mädchen“, Bücher, die sie berühmt machten. „Nach Mitternacht“ ist ihr erster Roman, der im Exil entstand, vermutlich zwischen Herbst 1935 und Herbst 1936. Zunächst führte Keun für dessen Publikation Verhandlungen mit dem Verlag Allert de Lange in Amsterdam. Die Verhandlungen scheiterten jedoch, und der Roman erschien schließlich 1937 im – ebenfalls in Amsterdam ansässigen – Querido-Verlag. In Deutschland erschien er zunächst nur im Osten, 1956 beim Verlag der Nation, und schließlich erschien 1961 in Hannover die westdeutsche Erstausgabe.

Manche Kritiker warfen Keun vor, man dürfte nicht so „lustig“ über die Nazi-Zeit schreiben, aber ist der Roman wirklich „lustig“? Ein kleines Mädchen, das beim Hitler-Besuch ein Gedicht aufsagen soll, aber nicht zum Zug kommt, bricht am Abend tot zusammen, der Lebenstraum von Susanne und ihrem Freund, ein kleines Tabakwarengeschäft zu eröffnen, wird durch die Denunziation eines Konkurrenten brutal zerstört, ihr Freund bringt im Affekt den vermutlichen Denunzianten um und muss fliehen, als Kind wurde ihm die Schuld für den schrecklichen Tod seines kleinen Bruders gegeben, der Journalist Heini, der große Schwarm von Susannes Schwägerin Liska, bringt sich nach einem Fest aus Verzweiflung über die wachsende Macht der Nazis um. Der Exilautor Albert Vigoleis Thelen bezeichnete den Roman zutreffender als „tragikomisch“. Der Geschilderte ist tragisch, die Komik entsteht durch den eingeschränkten Blickwinkel der Erzählerin, oder durch absurde Begegnungen wie die eines „Stürmer“-Verkäufers mit einem jüdischen Arzt, dem er, als vermeintlich einzigem, der ihn verstehen kann, seine abstruse Weltsicht aufdrängt.

An ihre großen Erfolge der zwanziger Jahre konnte Keun nach dem Zweiten Weltkrieg nicht anknüpfen. Sie kämpfte lange mit Suchtproblemen, und lebte zeitweise in einer psychiatrischen Klinik. Erst wenige Jahre vor ihrem Tod fand sie wieder die erhoffte Anerkennung. Ihre Werke wurden neu aufgelegt und zum Teil verfilmt. Keun wurde 1971 mit dem Marieluise-Fleißer-Preis ausgezeichnet. 1972 starb sie in Köln. „Nach Mitternacht“ wurde 1981 unter der Regie von Wolf Gremm und mit Désirée Nosbusch als Susanne und Wolfgang Jörg als Franz verfilmt.

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Textquellen

Keun, Irmgard: Nach Mitternacht, Lizenzausgabe: Bergisch Gladbach, 1981.

Keun, Irmgard: Zeitzeugen, Bilder und Dokumente erzählen: Beutel, Heike; Hagin, Anna Barbara (Hrsg.): Köln, 1995.

Kennedy, Beate: Irgard Keun: Zeit und Zitat- Narrative Verfahren und literarische Autorschaft im Gesamtwerk: Berlin, 2014.

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/irmgard-keun/ (letzter Zugriff: 27.07.2018).

https://de.wikipedia.org/wiki/Nach_Mitternacht (letzter Zugriff: 27.07.2018).


Bildquellen

Vorschaubild: Gedenktafel am Haus Meinekestraße 6 in Berlin-Charlottenburg, 2008, Urheber: OTFW via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Frankfurt am Main-Luftbild Bildstelle Generalbauinspektion-1942-44, 2011, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons gemeinfrei.

Frankfurt Am Main-Altstadt-Zerstörung-Luftbild 1944, 2006, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons gemeinfrei.