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Florian Russi

St. Valentin und die Liebenden

Viele vermuten hinter dem Valentinstag eine Erfindung der Neuzeit, um das Geschäft der Floristen anzukurbeln. Nur die wenigsten wissen, wer sich hinter dem Namensgeber St. Valentin verbirgt.
Florian Russi geht in dieser Broschüre der Sage um den Tag der Liebenden auf den Grund. Er stößt auf die tragische Liebesgeschichte und einen Mönch mit grünem Daumen.

Mispelchen und Mispeln

Mispelchen und Mispeln

Sabine Gruber

Anders als das Wort vermuten lässt, ist unter „Mispelchen“ in Frankfurt am Main keine besonders kleine Art der Mispelfrucht zu verstehen, sondern ein hochprozentiges Getränk, das in zahlreichen Wirtschaften angeboten wird, aber auch online bestellt werden kann. Während die Mispelfrucht bereits seit langer Zeit in Mitteleuropa heimisch ist, blickt das Getränk – Calvados mit einer eingelegten Mispel – in der Messestadt noch auf keine besonders lange Tradition zurück. Aber der Reihe nach … Bei der Frucht, die in Frankfurt in Calvados eingelegt serviert wird, handelt es sich um eine japanische Wollmispel, eine von mehreren Unterarten der Mispel, einer Frucht, die in der Vergangenheit durchaus auch eine Rolle auf dem Speiseplan europäischer Länder, darunter Deutschlands, gespielt hat, während sie heute nur noch wenig gegessen wird, aber gelegentlich ihren Weg in aktuelle Kochbücher findet.

Das 1883 erschienene „Handbuch des Obstbaues“ von Hugo Lindemuth listet – unter Auslassung der japanischen Mispel – sieben verschiedene Sorten der Mispel auf: „1. die gewöhnliche deutsche, halbwilde Mispel, mit kleinen Früchten; 2. die italienische großfrüchtige Mispel, in Italien vielfach kultiviert; 3. Die holländische, großfrüchtige Mispel; 4. die frühzeitige Mispel, die sich dadurch auszeichnet, daß die Früchte, um teigig zu werden, eine kürzere Zeit, als die anderer Sorten, lagern; 5. die Birnmispel, mit in die Länge gezogenen, birnförmigen Früchten; 6. die Mispel ohne Steine, auch Mespilus abortiva genannt, die übrigens sehr selten vorkommt, und schließlich 7. Die großblütige Mispel, die zu Anfang dieses Jahrhunderts von England aus verbreitet wurde“. Geerntet wurden und werden die Früchte in Europa im Spätherbst. Genießbar sind sie erst nach einer längeren Lagerung, sobald sie, wie Lindemuth es ausdrückte, „teigig“ werden und einen Teil ihrer Säure verloren haben. Die Farbe der erntereifen Mispeln ist orange-braun bis braun. Der Ursprung der Mispeln liegt wohl in Westasien. Bereits seit der Spätantike wurden sie auch in Süd- und Mitteleuropa angepflanzt. Mispelgehölze waren in Städten zum Teil nicht erwünscht und fielen wie im in der Nähe von Frankfurt gelegenen Aschaffenburg mitunter Baumfällaktionen zum Opfer, weil sie erst spät grün wurden und deshalb für bestimmte Bereiche von Städten als ungeeignet erschienen. Das Frankfurter Konversationsblatt meldete am 7. Juli 1846 zur geplanten Baumfällung in Aschaffenburg: „Am Mainabhang hat man viele sehr spät blühende Pflanzen gesetzt. Unter diese, nach den Buchen, welche regelmäßig zwischen dem 26. und 30. April grün werden, meisten den 10. und 15. Mai grünwerdenden Bäumen gehören: die Akazien, die am spätesten kommen, einige Ahornarten, Maulbeeren, Mispeln, Ulmen, Cytissus. Vor allem wäre daher für die Ausrottung dieser, hauptsächlich der Akazien zu sorgen, wogegen sie an anderen Plätzen, welche im Herbste lange grün bleiben sollen, gute Dienste leisten können“.

Die europäische Mispel wurde gelegentlich auch für die Apfelweinproduktion verwendet und war schon deshalb vor der Erfindung des „Mispelchens“ in Frankfurt gut bekannt. Sie war wie die Früchte des Speierlingbaumes oder Quitte und Eberesche ein beliebter Zusatz, um das Aroma zu verändern. Allerdings war die Praxis, Apfelweine durch Zusätze zu veredeln, nicht unumstritten. In bekannten älteren Kochbüchern, die auch in Frankfurt benutzt wurden, finden sich darüber hinaus Rezepte mit europäischen Mispeln abseits der Apfelweinproduktion. So empfahl Henriette Davidis in ihrem weit verbreiteten Kochbuch die Zubereitung von eingekochten Mispeln. In diesem Rezept war wie bei den Mispelchen Hochprozentiges mit im Spiel, nämlich Franzbranntwein. Mispeln lassen sich allerdings nicht nur in Hochprozentigem einlegen, sondern eignen sich durch ihren süßsauren Geschmack auch gut für Chutneys oder Marmeladen. Aber nun von den Mispeln zum „Mispelchen“. Welcher Frankfurter Wirt oder welche Frankfurter Wirtin zuerst auf die Idee kam, den in einem Gläschen Calvados üblichen kleinen Apfel durch eine etwa gleich große Mispel zu ersetzen, ist unbekannt. Jedenfalls war es eine Praxis, die sich bald durchsetzte und vielleicht unter anderem den Zusätzen von Mispeln im Apfelwein geschuldet war. Vermutlich entstand die Praxis durch den Konsum von einem Glas Calvados zum Apfelwein und erste Belege führen zurück in die 60er Jahre. In den 70er Jahren war sie bereits verbreitet und sie hat sich bis heute gehalten und dem Genuss von Calvados in Frankfurt eine besondere Note verliehen.

 

*****

Textquellen:

Aschaffenburg in: Frankfurter Konversationsblatt (Belletristische Beilage zur Frankfurter Oberpostamts-Zeitung.), Dienstag, den 7. Juli 1846, S. 739.

Christ, Johann Ludwig: Pomologisches theoretisch-praktisches Handwörterbuch oder Alphabetisches Verzeichnis aller nöthigen Kenntnisse […], Leipzig, 1802.

Davidis, Henriette: Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche, Zuverlässige und selbstgeprüfte Rezepte zur Bereitung der verschiedenartigsten Speisen und Getränke, zum Einmachen etc., und eine Hinweisung auf schnell zu machende Speisen, 19. Aufl. Bielefeld und Leipzig, 1874.

Lindemuth, Hugo: Handbuch des Obstbaues auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage, Berlin, 1883.

Offener Brief an den Herausgeber des praktischen Obstbaumzüchters in: Gauchers Praktischer Obstbaumzüchter. Illustrierte Zeitschrift zur Hebung des Obstbaues und der Obstverwertung. Hrsg. von N. Gaucher. Besitzer und Direktor der Obst- und Gartenschule Stuttgart unter Mitwirkung der hervorragendsten Fachgenossen des In- und Auslandes, III. Jahrgang, Stuttgart, 1887, S. 106-108.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Mispelchen< abgerufen am 23.04.2024.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Mispel< abgerufen am 23.04.2024.

>https://www.lfl.bayern.de/iab/kulturlandschaft/111403/index.php< abgerufen am 23.04.2024

>https://de.wikipedia.org/wiki/Apfelwein< abgerufen am 23.04.2024.

 

Bildquellen:

Vorschaubild:

Frankfurter Kultgetränk Mispelchen im Glas, 2021, Urheber: Frankfurterfreundin via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Mispelfrucht, 2009, Urheber: H. Zell via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

 

 

 

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