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Friedrich Albrecht
Kennst du Anna Seghers?

Von den Träumen, den Werken und dem Leben der Anna Seghers, das man kurz als aher abenteuerlich bezeichnen kann, erzählt dieses Buch. 

Ernst May

Ernst May

Sabine Gruber

Architekt, bekannter Stadtplaner im Frankfurt der 20er Jahre und der Nachkriegszeit

Aufgewachsen ist der am 27. Juli 1886 in Frankfurt a. M. geborene Ernst May in der Metzlerstraße 34 im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, in einem noch heute erhaltenen mehrstöckigen Haus, das sich damals im typischen, etwas verschnörkelten Stil des Historismus präsentierte. Nichts deutete darauf hin, dass der junge Frankfurter aus bürgerlichem Haus einmal ein entschiedener Gegner alles Verschnörkelten werden, und dass die von ihm selbst entworfene Villa in Frankfurt-Ginnheim, die er später mit seiner eigenen Familie bewohnen würde, mit ihrer schlichten, funktionellen Gestaltung und mit einem für hiesige Verhältnisse ungewöhnlichen Flachdach Furore machen sollte. Die Familie May war schon seit mehreren Generationen in Frankfurt ansässig. Mays Großvater war langjähriger Frankfurter Stadtverordneter und führte eine Lederwarenfabrik, die später von Ernst Mays Vater und Onkel übernommen wurde.

Der junge Ernst May durchlief zunächst eine übliche Ausbildung für Söhne aus dem höheren Bürgertum: Er besuchte die Klingerschule in Frankfurt und legte 1907 an einem Internat in der Nähe von Kassel die Abiturprüfung ab. Vermutlich sollte ihn das auf einen bürgerlichen Beruf, vielleicht auch auf die Übernahme der väterlichen Fabrik vorbereiten. Ernst May hatte jedoch andere Pläne. Weil er schon in seiner Kindheit Freude am Zeichnen und Malen hatte, wollte er Kunst studieren und gegen den Widerstand seiner Eltern freischaffender Künstler werden, entschied sich dann aber für die – etwas bürgerlichere, aber auch künstlerische – Variante eines Architekturstudiums. Zunächst studierte er am University College in London, musste das Studium aber für einen einjährigen Militärdienst in Darmstadt unterbrechen. 1908 führte er seine Studien an der Technischen Hochschule München weiter, wo unter anderem Friedrich von Thiersch und Theodor Fischer seine Lehrer waren. Nach einem erneuten Aufenthalt in England schloss May Anfang 1913 sein Studium ab. Gemeinsam mit seinem Büropartner Clemens Musch führte er ein Architekturbüro – zunächst in der Frankfurter Innenstadt, dann – sehr repräsentativ – im Holzhausenschlösschen. Seine Arbeiten bedienten sich damals noch der Formensprache des Jugendstils. Während seines Kriegsdienstes im Ersten Weltkrieg hielt May Gebäude, aber auch die schreckliche Verwüstung, die ihm begegnete, in einem Skizzenbuch fest. Seine Ehe mit Helma Bodewig, 1914 geschlossen, wurde 1918 wieder geschieden.

Ernst May und sein Team im Jahr 1931
Ernst May und sein Team im Jahr 1931

Obwohl May zu diesem Zeitpunkt kaum über praktische Erfahrung im Bau von Siedlungen verfügte, wurde er 1919 Leiter der Bauabteilung des "Schlesischen Heims" in Breslau, das mit der Förderung des bäuerlichen Siedlungsbaus der Landflucht entgegenwirken wollte. Im gleichen Jahr heiratete er Ilse Hartmann; 1920 und 1923 kamen die gemeinsamen Söhne auf die Welt. Während seiner Zeit in Breslau entwickelte May Siedlungen mit typisierten Häuserformen, die zum Teil wie seine frühen Frankfurter Bauten Elemente des Jugendstils aufgriffen und die Farbe als wichtiges Gestaltungselement nutzten. Er entwickelte das Konzept so genannter Trabantensiedlungen – in sich geschlossener Siedlungen außerhalb der Stadt, die jedoch mit Hilfe öffentlicher Verkehrsmittel gut erreichbar waren. Durch die von May entwickelten neuen Siedlungskonzepte wurde der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann, der eine umfangreiche Stadterweiterung plante, auf den jungen Architekten aufmerksam und holte ihn 1925 als Stadtbaurat zurück in seine Heimatstadt. In seiner neuen Funktion entwickelte May ein umfangreiches Bauprogramm zur Befriedigung des auch im Frankfurt der 20er Jahre sehr großen Bedarfs an Wohnungen. Gemeinsam mit zahlreichen Architekten und Designern entwickelte May das so genannte "Neue Frankfurt": Es wurde bezahlbarer Wohnraum für Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten in Siedlungen rund um Frankfurt geschaffen. In Heddernheim, Praunheim, Bornheim, Westhausen, Ginnheim, Niederrad und Sachsenhausen entstanden Mehrfamilienhäuser und Reihenhäuser aus typisierten Fertigteilen, die gemessen an damaligen Standards sehr gut ausgestattet waren. Berühmt wurde vor allem die von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfene "Frankfurter Küche", die in die Wohnungen und Häuser eingebaut wurde und auf der alle späteren Einbauküchen basieren. Auch bei diesen Siedlungen wurde wieder die Farbe als Gestaltungselement eingesetzt. Kritik an der ungewöhnlich schlichten Bauweise der Häuser mit den nicht landestypischen Flachdächern blieb jedoch nicht aus. Ende der 20er Jahre musste das ehrgeizige Bauprogramm Mays aufgrund der Weltwirtschaftskrise gestoppt werden.

Wohnungsbau der Nachkriegszeit, die von May geplante Neue Vahr in Bremen
Wohnungsbau der Nachkriegszeit, die von May geplante Neue Vahr in Bremen

1930 erhielt May eine neue Aufgabe als Chefingenieur des Städte- und Siedlungsbaus der UdSSR im Projektplanungsbüro Standartgorproekt. Er entwarf mit einer Gruppe westeuropäischer Architekten, die ihn in die UdSSR begleitet hatten – auch Schütte-Lihotzky war dabei – einen Stadterweiterungsplan für Moskau und Bebauungspläne für neu zu errichtende Planstädte, deren bekannteste Magnitogorsk sein dürfte. Aufgrund von Unzufriedenheit mit den Vorgaben der sowjetischen Regierung und politischen Differenzen verließen viele Mitarbeiter das Projekt. Auch May verließ 1933 die UdSSR, kehrte jedoch nicht in das nationalsozialistische Deutschland zurück, sondern ging nach Tanganjika (heute: Tansania) in Ostafrika. Zunächst wollte er seinen Unterhalt als Farmer verdienen, eröffnete dann aber doch ein Architekturbüro im kenianischen Nairobi, bis er 1939 von den Briten interniert wurde.

Nach dem 2. Weltkrieg nahm May wieder Kontakte mit Deutschland auf, machte Reisen dorthin und hielt Vorträge, aber erst 1954 kehrte er als Leiter der Planungsabteilung der "Neuen Heimat" in Hamburg nach Deutschland zurück. 1958 wurde er Planungsbeauftragter der Stadt Mainz, erhielt 1961 dieselbe Funktion in Wiesbaden und wirkte maßgeblich an den Stadterweiterungen von Hamburg, Bremen, Mainz und Wiesbaden mit – wie schon in den 20er Jahren herrschte in den Städten Mangel an Wohnraum. Manches an Mays Schaffen in der Nachkriegszeit erscheint aus heutiger Sicht nicht unproblematisch, wie die Tatsache, dass er in Mainz Pläne zu einer „autogerechten Stadt“ entworfen hat, während heute darüber nachgedacht wird, wie Städte vom Autoverkehr entlastet werden können. 1970 verstarb May, bis zuletzt als Architekt tätig und mit zahlreichen Auszeichnungen versehen, in Hamburg.

Die Zeiten haben sich geändert: was im frühen 20. Jahrhundert noch Avantgarde war, Trabantensiedlungen am Rande der Stadt, schlicht und funktionell gestaltete Häuser, ist heute – nicht unumstrittener – architektonischer Alltag. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich auch das Haus, in dem Ernst May aufwuchs, heute ohne die gründerzeitlichen Stuckelemente präsentiert, die es in seiner Jugend noch hatte. In der von Ernst May geplanten Siedlung Römerstadt erinnert heute das nach ihm benannte Haus an sein architektonisches Schaffen in Frankfurt: ernst-may-haus, Im Burgfeld 136, 60439 Frankfurt, Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 11 bis 16 Uhr, Samstag und Sonntag 12 bis 17 Uhr (Stand: Juli 2016). Im Stadtteil Bornheim ist der Ernst-May-Platz nach dem berühmten Frankfurter Architekten benannt.




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Bildquellen:


Darstellung von Ernst May durch Lino Salini, gemeinfrei

Ernst May und sein Team im Jahr 1931, gemeinfrei

Bremen-Vahr, Neubaugebiet , Urheber: Müller, Simon Bundesarchiv, B 145 Bild-F008854-0004 / Müller, Simon / CC-BY-SA 3.0

Textquellen:

http://ernst-may-gesellschaft.de/ernst-may/biografie.html aufgerufen am 29.07.2016

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_May aufgerufen am 29.07.2016

Ernst May. 1886-1970. Hg. v. Claudia Quiring, Wolfgang Voigt, Peter Cachola Schmal, Eckhard Herrel. München/London/New York 2011.

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