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Friedrich W. Kantzenbach

Erfundenes Glück

Der Autor beschäftigt sich auf lyrischem Weg mit den essentiellen Dingen des Lebens. Er reflektiert seine reichen literarischen Begegnungen und verarbeitet Reiseerlebnisse und persönliche Bekanntschaften mit Menschen, die ihn beeindruckten. Zunehmend durchdringen die Themen Krankheit, Tod und Vergänglichkeit seine Texte.

 

Susette Gontard

Susette Gontard

Ralph Zade

„Susette wird als eine vollendete Schönheit von edler griechischer Gestalt geschildert. Ihr langes schwarzes Haar und ihr sprechendes Auge von gleicher Farbe erhöhten noch umso mehr die blendende Weiße ihres Teints.“ berichtete der Zeitgenosse Carl Jügel. Und der Kaufmann Ludwig Zeerleder, der die Familie 1793 besuchte, schrieb in seinen Tagebuchaufzeichnungen: „Sanftmuth, Güte, richtiger Verstand, und die über ihre ganze Person verbreitete Grazie bezaubern, aber lassen sich nicht beschreiben. – In Gesellschafft besizt sie in hohem Grade jenen einfachen aber feinen Ton, der die Vereinigung eines gebildeten Geistes und eines ruhigen Herzens anzeigt; (...)“.

Susette Gontard, die als „Diotima“ in Gedichten Friedrich Hölderlins literarische Unsterblichkeit erlangen sollte, wurde 1769 als Tochter der Kaufmannsfamilie Borkenstein in Hamburg geboren. Mit 17 wurde sie mit dem Frankfurter Kaufmann Jakob Friedrich Gontard, der einer Hugenottenfamilie entstammte, die mit Tuchhandel und Bankgeschäften reich geworden war, verheiratet; mit ihm hatte sie vier Kinder.

Im 18. Jahrhundert war es noch nicht – wie heute in Teilen der Oberschicht – üblich, Kinder ins Internat zu schicken, sondern man leistete sich einen Hauslehrer, auch Hofmeister genannt. Dieses Amt wurde oft mittellosen Intellektuellen übertragen – eine der wenigen Möglichkeiten für diese, Geld zu verdienen, wenn sie nicht gerade Pfarrer werden wollten. So kam Ende 1795 Friedrich Hölderlin aus Schwaben nach Frankfurt, um das älteste Kind der Familie Gontard, den 8 ½-jährigen Henry, zu betreuen, während die drei jüngeren Schwestern eine eigene Lehrerin hatten, die mit Susette freundschaftlich verbundene Marie Rätzer. Die Gontards wohnten im großzügigen, fast an ein Schloss erinnernden Anwesen zum Weißen Hirsch am Großen Hirschgraben Nr. 3. Der Große Hirschgraben war damals eine der besten Adressen Frankfurts – bis 1795, dem Jahr von Hölderlins Ankunft, wohnte hier auch die Familie Goethe. Heute ist die Bebauung an der Stelle, an der der Weiße Hirsch stand, gesichtslos. Am 22.3.1944, dem 112. Todestag Goethes, wurden alle Gebäude in der Straße bei einem Bombenangriff zerstört oder schwer beschädigt. Anders als das Goethehaus – das auch das Geburtshaus Goethes war – wurde das damals den Gontards gehörende Anwesen nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut.

Jakob Friedrich Gontard war ein tüchtiger Kaufmann, dessen Wahlspruch „Les affaires avant tout“ (Vor allem anderen die Geschäfte) lautete und der deshalb nur wenig Zeit mit seiner Familie und seiner Frau verbrachte. Hölderlin, der hochgebildete Poet, der sich aufgrund seiner Aufgabe überwiegend im Familienanwesen aufhielt, und die kunstsinnige Susette schnell für sich einzunehmen vermochte, war da ganz anders. Auch umgekehrt war schnell eine Zuneigung vorhanden, da Susette nicht nur schön, sondern auch ihrerseits den Künsten zugeneigt war. Näher kam man sich, als die Familie Gontard 1796 vor der drohenden Belagerung durch die Französische Revolutionsarmee vorübergehend aus Frankfurt fliehen musste. Und so entwickelte sich bald eine tiefe Beziehung. So bekannte Hölderlin im Februar 1797 in einem Brief an seinen Freund Neuffer: „Es ist eine ewige fröhliche heilige Freundschaft mit einem Wesen, das sich recht in diß arme geist- und ordnungslose Jahrhundert verirrt hat! Mein Schönheitssinn ist nun vor Störung sicher. Er orientiert sich ewig an diesem Madonnenkopfe. Mein Verstand geht in die Schule bei ihr, und mein uneiniges Gemüth besänftiget, erheitert sich täglich in ihrem genügsamen Frieden.“.

Diese Liebe – ob es eine platonische war, ist bis heute umstritten – fand auch in der Dichtung Hölderlins ihren Niederschlag. So schrieb er in dem Gedicht „Diotima“:

(…)

Diotima, seelig Wesen!

Herrliche, durch die mein Geist

Von des Lebens Angst genesen

Götterjugend sich verheißt!

Unser Himmel wird bestehen

Unergründlich sich verwandt,

Hat, noch eh' wir uns gesehen

Unser Wesen sich gekannt.

Diotima – mit diesem Namen bezeichnet Hölderlin seine Geliebte in seiner Liebeslyrik meist – ist eine Frauenfigur aus dem Symposion des Platon, von deren Belehrung über den Eros Sokrates den anderen Teilnehmern des Gastmahls berichtet. Während der Name heute meist Diótima ausgesprochen wird, sprach Hölderlin ihn griechisch Diotíma aus und verwendete ihn auch so in seinen Gedichten. Überdies kommt Diotima – die nicht 1:1 mit Susette identisch ist, aber wesentliche Züge von ihr trägt – auch in seinem Briefroman „Hyperion“ vor.

Im September 1798 kam es dann jedoch, nachdem sich das Verhältnis schon vorher verschlechtert hatte, zu einer Auseinandersetzung Hölderlins mit Jakob Friedrich Gontard, in deren Folge Susette ihn aufforderte, das Haus zu verlassen. Der Dichter sah sich gezwungen, seinen Hofmeisterdienst zu quittieren und nach Homburg zu seinem Freund Isaac von Sinclair zu ziehen. Der Kontakt zu Susette bestand – bei einzelnen geheimen Treffen – bis 1800 brieflich weiter. Wie Hölderlin litt sie schwer unter der Trennung und schrieb ihm Anfang Oktober 1798: „Wie ist nun, seit Du fort bist, alles so öde und leer, es ist, als hätte mein Leben alle Bedeutung verloren, nur im Schmerz fühl' ich es noch...“ 1799 konnte Hölderlin ihr den zweiten Band seines Hyperion mit der Widmung „Wem sonst als Dir“ zukommen lassen. Mit seinem Weggang aus Homburg brach die Beziehung schließlich ab. Schon zwei Jahre später, am 22. Juni 1802, starb Susette im Alter von 33 Jahren an einer Schwindsucht- und Rötelnerkrankung. Die Nachricht von ihrem Tod soll zu Hölderlins Abgleiten in die geistige Umnachtung beigetragen haben.

Heute erinnert ein Wanderweg von Bad Homburg nach Frankfurt, der Hölderlinpfad, auf dem Hölderlin nach Frankfurt gewandert sein soll, um dort heimlich Susette zu treffen, an die damaligen Ereignisse.

Literatur:

Jügel- und Zeerleder-Zitate nach Gunter Martens: Friedrich Hölderlin, rororo-Monographie, Rowohlt-Verlag, Hamburg 1996, S. 83 f.

Hölderlin-Brief von Februar 1797 aus Michael Knaupp (Hrsg.): Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke und Briefe, München 1992 f., Band II S. 649.

Hölderlin-Gedicht „Diotima“ aus Michael Knaupp (Hrsg.): Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke und Briefe, München 1992 f., Band I S. 161 f.

Briefzitat „Wie ist nun, seit Du fort bist, ...“ aus: Susette Gontard, Briefe an Friedrich Hölderlin, Europa-Verlag, Bremen 2011, S. 5.

Broschüre zum Hölderlinpfad (zuletzt abgerufen am 19.10.2016): https://www.frankfurt.de/sixcms/media.php/738/GG_Hoelderlinpfad_HG_F_15_ba.pdf

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Bildquelle:

Vorschaubild und Bild im Text: Susette Gontard als Diotima, Detail von Peter Lenks Kunstwerk Hölderlin im Kreisverkehr, gemeinfrei

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