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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Frankfurter Stadtmauern

Frankfurter Stadtmauern

Ralph Zade

Frankfurter Stadtmauern

Wenn man an Frankfurter Stadtmauern denkt, dann denkt man zunächst an einige erhaltene Befestigungstürme und dann vielleicht noch an die Wallanlagen. Aber dieses Bild ist unvollständig. In der Geschichte Frankfurts hat es drei Stadtmauern gegeben, von denen unterschiedliche Spuren im Stadtbild geblieben sind.

Die erste dieser drei Mauern diente dem Schutz der aus dem 9. Jahrhundert stammenden karolingischen Königspfalz (die oft auch als Kaiserpfalz bezeichnet wird). Ihr Verlauf ist im heutigen Stadtbild nicht mehr sichtbar und alles, was man über sie weiß, verdankt sich archäologischen Forschungen. Schon Standort und Ausdehnung der Pfalz waren lange Zeit unklar. Heute kann man in einem Ausstellungsraum unter dem Stadthaus an der vor kurzem eröffneten „Neuen Altstadt“ ihre Überreste sehen. Es wird vermutet, dass spätestens um 1000 um die Pfalz und eine kleine Siedlung herum, die sich bei dieser befunden haben wird, eine zwei bis drei Meter hohe Mauer gezogen wurde. Dazu, wo diese genau verlief, gibt es partiell unterschiedliche Hypothesen. Gesichert ist, dass der umfriedete Bereich recht klein war. Empirische Erkenntnisse über den Verlauf gewann man, als 1904-1906 recht brachial die Braubachstraße durch die Altstadt gebrochen wurde und dabei Nachweise für den Mauerverlauf gefunden wurden. Einen weiteren Schub erhielten die Erkenntnisse, als nach dem Zweiten Weltkrieg – die Altstadt war in weiten Teilen zerstört worden – Untersuchungen an Stellen möglich wurden, an denen vorher die Bebauung eine Grabung verhindert hatte.

Von der zweiten Stadtmauer, der staufischen Mauer, die um 1180 errichtet wurde und in einer Höhe von 7 m die Altstadt umschloss, weiß man deutlich mehr und Reste davon sind noch sichtbar; außerdem erinnern Straßennamen an ihren Verlauf. Das sind die Namen, die auf -graben enden und damit auf den vor der Mauer legenden Graben verweisen: Großer Hirschgraben, Kleiner Hirschgraben, Holzgraben. Darüber hinaus gibt es bis heute eine Straße, die „An der Staufenmauer“ heißt. Ein größeres Stück der Befestigung mit 15 Bögen ist in der Fahrgasse zu sehen. Man hielt dieses längere Zeit für ein originales Stück der Staufenmauer, bis bei einer genaueren Untersuchung im Rahmen einer von 2014 bis 2016 vorgenommenen Sanierung herauskam, dass es sich hierbei um einen 1719 nach einem Stadtbrand vorgenommenen Wiederaufbau handelt, der zudem mehrfach ausgebessert wurde. Die Mauer hatte drei Tore; die Bornheimer Pforte am nördlichen Ende der Fahrgasse, die bei demselben Brand, der die Wiederherstellung des heute noch vorhandenen Stücks bedingte, ausbrannte, die Bockenheimer Pforte, die später Katharinenpforte hieß, bei der Katharinenkirche und die Guldenpforte am Westende der Weißfrauengasse.

Die dritte Etappe der Geschichte des Frankfurter Stadtmauerbaus begann 1333, als Kaiser Ludwig IV. eine Stadterweiterung genehmigte, die das Gebiet der bis dahin existierenden Altstadt um ein Mehrfaches übertraf. Das bedingte auch den Bau einer neuen Stadtmauer, selbst wenn das neue Stadtgebiet zunächst nur relativ dünn besiedelt war. Diese wurde sukzessive ausgebaut und über mehrere Jahrhunderte auch den jeweiligen technischen Innovationen der Kriegführung angepasst, was teilweise umfängliche Um- und Erweiterungsbauten bedingte. Wie die Stadtmauer im 18. Jahrhundert aussah, lässt sich auf einem von Matthäus Seutter 1730 gestochenen Stadtplan gut erkennen. Sie war wesentlich ausgefeilter als die Vorgängermauer. Zwar war die Höhe mit 7-8 m in etwa dieselbe, doch lag dahinter ein 10 m breiter Graben, hinter dem sich Bastionen befanden, die mit Kanonen ausgestattet waren. Vor der Mauer befand sich ein weiterer Graben und ein Wall. Die Stadtbefestigung umgürtete nicht nur das nördlich des Mains gelegene Hauptstadtgebiet, sondern auch das südlich des Mains gelegene Sachsenhausen. Die Mauer umfasste eine ganze Reihe von Toren, wovon das Galgentor das verkehrstechnisch bedeutendste war, weil durch es – im Westen der Stadt gelegen – die Straße nach Mainz verlief. Einige davon – so das Eschenheimer Tor, das Allerheiligentor und das Friedberger Tor – haben, auch wenn sie als solche nicht erhalten sind, in den Namen Frankfurter Plätze überdauert. Von den Türmen der Stadtbefestigung sind einige erhalten. Der bekannteste davon und eines der Wahrzeichen der Stadt Frankfurt ist der Eschenheimer Turm, der auch der größte und repräsentativste der erhaltenen Türme ist und – er wurde Anfang des 15. Jahrhunderts errichtet – das älteste erhaltene Gebäude der Frankfurter Innenstadt. Der Rententurm ist heute ins Historische Museum integriert. Der Kuhhirtenturm in Sachsenhausen beherbergt heute u. a. das Hindemith-Kabinett (in den 20er Jahren wohnte der Komponist zeitweise hier). Dazu kommen sogenannte Wartentürme, die ehemals als Beobachtungsposten dienten: die Galluswarte, die Bockenheimer Warte, die Friedberger Warte und die Sachsenhäuser Warte.

Die Staufenmauer wurde nach dem Bau der neuen Mauer zunächst nicht systematisch abgetragen, sondern blieb teilweise erhalten. Im östlichen Teil der Stadt übernahm sie die Funktion, die Judengasse – das Ghetto – von der Neustadt zu trennen. Im 14. Jahrhundert wurden zwei Türme, der Fronhofturm und der Mönchsturm, in sie hineingebaut: beide existieren heute nicht mehr. Ab 1582 wurde dann doch mit der Schleifung begonnen. Am Ghetto blieb sie jedoch bestehen.

Als auch die dritte Stadtmauer in der napoleonischen Zeit ihre Funktion verlor, wurde sie geschleift. Angestoßen wurde dies unter der Regierung von Carl Theodor von Dalberg durch Jakob Guiolett (1746-1815), der 1806 eine entsprechende Denkschrift verfasste und dann auch die Arbeiten leitete, nachdem ein 1802 gefasster Stadtratsbeschluss zur Schleifung zunächst nur halbherzig umgesetzt worden war. Für die Schaffung der an die Stelle der Befestigung tretenden Wallanlagen zeichnete der Gartenarchitekt Sebastian Rinz (1782-1861) verantwortlich. Auf einem Spaziergang durch den heute noch existierenden Anlagenring lässt sich viel über die ehemalige Stadtbefestigung und die Geschichte der Stadt Frankfurt erfahren.

*****

Textquellen:

Holdinghausen, Brigitte: Frankfurter Wallanlagen, Frankfurt: Societäts-Verlag, 2015.

Bothe, Friedrich: Geschichte der Stadt Frankfurt am Main, Frankfurt: Weidlich, 1977.

Wolff, Carl; Jung, Rudolf: Die Baudenkmäler in Frankfurt am Main, Zweiter Band: Weltliche Bauten. Völcker, Frankfurt 1898.

Stadt Frankfurt (Hrsg.): Notizen zum Denkmalschutz 16: Die wehrhafte Reichsstadt - Frankfurter Stadtbefestigungen abgerufen von >https://www.frankfurt.de/sixcms/media.php/738/Notizen_zum_Denkmalschutz_16.pdf< am 03.03.2019.


Bildquellen:

Vorschaubild: Südwestliche Bastion der alten Frankfurter Stadtbefestigung, 1809, Urheber: Anton Radl und Friedrich Neubauer, Frankfurt am Main, Historisches Museum; Bereitgestellt durch: Flibbertigibbet via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurt am Main: Dieses Bild zeigt den kompletten Plan, 1552, Urheber: Conrad Faber von Kreuznach, Bereitgestellt durch Mylius via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Katharinenpforte, 1628 aus Historische Pläne von Frankfurt am Main, Bereitgestellt durch: Mylius via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Guldenpforte, 1552, Urheber: Conrad Faber von Kreuznach, Bereitgestellt durch: Mylius via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Die neue Stadtmauer am Beispiel des Eschenheimer Tors, 1885, Urheber: Emil Padjera, Bereitgestellt durch: Mylius via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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