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Ein kreativer Querkopf mit allerlei Flausen scheint Schiller wohl gewesen zu sein, wenn man ihn mal ganz ohne Pathos betrachtet.

Hausen

Hausen

Ralph Zade

Hausen ist einer der Frankfurter Stadtteile, die am Grüngürtel liegen, an der Nidda, dem zweiten Fluss Frankfurts, dessen Präsenz für das Lebensgefühl der Hausener wesentlich ist. Früher ging von der Nidda eine Überschwemmungsgefahr aus, die seit der Kanalisierung des Flusslaufs in den 20er Jahren nicht mehr besteht. Wo sich Nutrias tummeln, die sich gern füttern lassen, um dann wieder im Fluss zu verschwinden, kann man sich abends nach getaner Arbeit gut erholen. Die Hausener Terrasse, eine Aussichtsplattform, bietet einen guten Ausblick über große Teile des Volksparks Niddatal. Im Hausener Auwald gibt es ein Vogelschutzgebiet, das leider von der Autobahn A 66 zerschnitten wird. Früher konnte man in der Nidda auch baden, wie man auf Bildern aus der Zeit nach 1900 sieht. Dass das heute nicht mehr geht, kann man verschmerzen, weil es in Hausen ein beheiztes Freibad gibt, das eine intimere Atmosphäre bietet, als das Brentanobad, das größte Freibad Deutschlands, das im benachbarten Rödelheim gelegen ist. Die Beheizung macht das Bad auch dann attraktiv, wenn es draußen noch nicht ganz warm ist und so öffnet das Hausener Freibad traditionellerweise jährlich als erstes in Deutschland.

Nicht nur des Niddaparks wegen ist Hausen einer der ruhigen Bezirke Frankfurts und deshalb als Wohngebiet durchaus beliebt, was auch dadurch bedingt ist, dass sich die etwa viereinhalb Kilometer entfernte Innenstadt, von der aus gesehen Hausen im Nordwesten liegt, mit der U-Bahn schnell erreichen lässt. Zu den besseren Wohnzonen innerhalb Hausens zählt die nach einem früheren Frankfurter Oberbürgermeister benannten Willi-Brundert-Siedlung, die ursprünglich in den 30er Jahren erbaut, dann aber in den 70er Jahren ergänzt wurde. Die 1929-31 erbaute Siedlung Westhausen, die ein gutes Beispiel für die im Rahmen des von Ernst May geprägten Bauprogramms des „Neuen Frankfurt“ errichteten Siedlungen der Architekturmoderne ist, ist zwar nicht weit entfernt, liegt aber ungeachtet ihres Namens bereits im benachbarten Stadtbezirk Praunheim. Hausen, Praunheim und Bockenheim bilden ein bauliches Kontinuum, während der nördlich von Hausen gelegene Stadtteil Ginnheim jenseits des Volksparks Niddatal liegt und das südlich angrenzende Rödelheim durch die Nidda von Hausen getrennt wird, die allerdings in gewisser Weise auch verbindend ist, da man an ihr entlang von Hausen nach Rödelheim wandern kann.

In der Fischstein Housing Area – in der Nähe der oberirdischen U-Bahn-Station Fischstein gelegen, von der aus die U-Bahn-Linie 6 den Stadtteil mit der Innenstadt verbindet, wohnten früher Angehörige der US-Streitkräfte, heute dagegen „normale“ Mieter. (Der Fischstein grenzte früher die Fischereirechte zwischen den Grafen von Solms-Rödelheim und der Stadt Frankfurt ab.) International ist Hausen allerdings auch nach dem Abzug der Amerikaner noch, was sich im Ortsbild am deutlichsten an zwei Gotteshäusern zeigt. Von der U-Bahn-Station Fischstein aus sieht man den charakteristischen Bau der Nikolaus von Myra geweihten russisch-orthodoxen Kirche mit ihnen blauen Dächern. Sie wurde 1967 fertiggestellt, greift aber architektonische Formen des Pleskauer Stils aus dem 15./16. Jh. auf. Architektonisch interessant ist auch die sunnitische Abu-Bakr Moschee, die als schönste Moschee Frankfurts gilt. Die als konservativ geltende Gemeinde ist durch die Präsenz vieler Marokkaner geprägt. Hausen hat aber auch eine Verbindung nach Fernost: Die deutsch-japanische Schule ist ein Anlaufpunkt für japanische Kinder aus ganz Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet, aber auch für Kinder, deren deutsche Eltern an einer Verbindung zu Japan interessiert sind.

Der mit etwa 7500 Einwohnern relativ kleine Stadtteil gehört erst seit 1910 zu Frankfurt. Als „Husun“ erstmals urkundlich erwähnt ist er schon 1132. Die rasante Einwohnerentwicklung der letzten Jahrzehnte täuscht darüber hinweg, dass Hausen früher ein Mühldorf mit sehr bescheidenen Einwohnerzahlen war. Eine vierstellige Einwohnerzahl erreichte der Ort erst in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Besitzverhältnisse im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sind kompliziert, Um 1300 gehörte Hausen zum Amt Bornheimerberg, geriet mit diesem unter Hanauer Einfluss und Ende des 15. Jahrhunderts unter Frankfurter Einfluss. Unter dem 30-jährigen Krieg litt Hausen schwer. 1664 wurde eine Schule eröffnet, 1765 ein Rathaus gebaut und 1772 wurde Hausen eine eigene Pfarrei. 1812 wurde eine evangelische Kirche gebaut; die heutige stammt von 1852. 1903 wurde die katholische Kirche St. Anna fertiggestellt. Erst 1818 wurde die Leibeigenschaft der Hausener aufgehoben. Als Frankfurt 1866 von Preußen annektiert wurde, teilte Hausen sein Schicksal. Es gehörte fortan für 20 Jahre zum Stadtkreis Frankfurt, dann zum Landkreis Frankfurt, bevor es eingemeindet wurde.

Eine wirkliche Stadtmitte im Sinne eines Platzes hat Hausen nicht. Als Treffpunkt und in gewisser Weise auch als Stadtteilmittelpunkt dient das Gebäude der Alten Brotfabrik, in dem sich seit der Kaiserzeit die erste Großbäckerei Frankfurts befand, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts schließen musste. Heute beherbergt der inzwischen sanierte Bau ein selbstverwaltetes Kulturzentrum, das Konzerte, Theater und Gastronomie bietet. Elf Projekte haben auf die eine oder andere Weise Anteil hieran. Alle zwei Jahre findet in Hausen außerdem auf dem Hof der Kerschensteinerschule (einer nach dem Reformpädagogen Georg Kerschensteiner benannte Grundschule) ein Schul- und Stadtfest statt. In Hausen gibt es auch einen Fußballverein, einen Turn- und Sportverein, einen Sportanglerklub sowie eine freiwillige Feuerwehr. Das von der Lebenshilfe getragene Gut Hausen bietet eine Begegnungsstätte für Behinderte und Nichtbehinderte.

Wohnumfeld, Sozialleben, Natur, Kultur – der Stadtteil Hausen ist zwar einer der kleineren Frankfurts, hat aber einiges zu bieten.


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Bildquellen:

Vorschaubild: Schweizerhaus Hausener Obergasse, 2019, Urheber: Nadi2018 via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Willi-Brundert-Siedlung (2019), Urheber: Nadi2018 via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Russisch-orthodoxe St. Nikolauskirche, Am Industriehof, 2019, Urheber: Nadi2018 via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Das Dorf „Haussen“ um 1800, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Brotfabrik in Frankfurt-Hausen, 2006, Urheber: jha via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.


Textquellen:

Hausen auf den Seiten der Stadt Frankfurt:> https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2835&_ffmpar%5B_id_inhalt%5D=12981 < abgerufen am 25.08.2019.

Hausen im Historischen Ortslexikon Hessen: > https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/gsrec/current/9/sn/ol?q=Hausen < abgerufen am 25.08.2019.

Webseite des Kulturzentrums Alte Brotfabrik: > https://www.brotfabrik.de/ < abgerufen am 25.08.2019.

Bericht über Hausen in der FNP: > https://www.fnp.de/frankfurt/hausen-einst-frankfurt-verkauft-10432051.html < abgerufen am 25.08.2019.

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