Frankfurt Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.frankfurt-lese.de
Unser Leseangebot

Friedrich Albrecht
Kennst du Anna Seghers?

Von den Träumen, den Werken und dem Leben der Anna Seghers, das man kurz als aher abenteuerlich bezeichnen kann, erzählt dieses Buch. 

Bergen-Enkheim

Bergen-Enkheim

Sabine Gruber

Wie einige andere heutige Frankfurter Stadtteile war auch das auf einem Höhenrücken im Nordosten Frankfurts gelegene und aus zwei benachbarten Gemeinden bestehende Bergen-Enkheim (ursprünglich nur Bergen genannt) mit seinen heute 17.563 Einwohnern früher eine selbstständige Stadt. Anders als die anderen ehemaligen Städte im heutigen Frankfurter Stadtgebiet erhielt es seine Stadtrechte jedoch erst sehr kurz vor seiner Eingemeindung – im Jahr 1968. Ein Jahrzehnt später war es mit den Stadtrechten schon wieder vorbei und Bergen-Enkheim wurde 1977 zum östlichsten Stadtteil Frankfurts.

Wie zahlreiche Funde bestätigen, war Bergen-Enkheim schon seit der Steinzeit besiedelt. Erste urkundliche Erwähnungen stammen aus dem 10. und 11. Jahrhundert. Im Mittelalter lag das damalige Bergen im Einflussgebiet der Grafen von Hanau, kam später zur Grafschaft Hanau-Münzenberg und nach dem Tod des letzten Hanauer Grafen 1736 zu Hessen-Kassel. Es folgte im frühen 19. Jahrhundert eine Zeit, in der der Ort unter französischer Militärverwaltung stand, gefolgt von einer Episode als Teil des Großherzogtums Frankfurt. Dann fiel Bergen an das Kurfürstentum Hessen zurück.

Wichtigstes kriegerisches Ereignis in Bergen-Enkheim war die Schlacht bei Bergen vom 13. April 1749 im Siebenjährigen Krieg. Die Schlacht wurde von einer Allianz hessen-kasselscher, braunschweig-wolfenbüttelscher und britischer Truppen gegen Frankreich verloren Im derzeit (2019) wegen Sanierung geschlossenen Heimatmuseum zeichnet ein Diorama die Schlacht, die auch dem Ort größere Schäden zufügte, mit 2260 detailgetreuen Zinnsoldaten nach. Sitz des Heimatmuseums ist seit 1959 das auch von außen schon eindrucksvolle ehemalige Berger Rathaus in der Marktstraße, ein imposanter Renaissance-Fachwerkbau aus dem 16. Jahrhundert, der aus einem Vorgängerbau, einem Steinhaus des 14. Jahrhunderts, entstanden ist. Von diesem stammt noch das Erdgeschoss im Stil der Gotik. Neben dem Diorama ist ein weiteres bedeutendes Exponat des Heimatmuseums ein Fund von 95 Silbermünzen aus der Zeit des Schmalkaldischen Krieges, der 1959 in Bergen gemacht wurde. Vermutlich hatte ein Landsknecht diese Münzen in einem Tonkrug vergraben, der während des Krieges starb. Auch die zahlreichen römischen und vor- und frühgeschichtlichen Funde aus der Umgebung Bergen-Enkheims sind im Heimatmuseum dokumentiert. Ältestes Stück ist ein 120.000 Jahre alter Faustkeil.

Zwar lag Bergen(-Enkheim) im Mittelalter im Einflussgebiet der Herren von Hanau. Es gab jedoch daneben noch die ortsansässige Adelsfamilie der Schelme von Bergen, die seit dem späten 12. Jahrhundert in Urkunden erwähnt wird und im 19. Jahrhundert ausgestorben ist. Sie hatte ihren Sitz auf der Wasserburg Gruckau, von der das Hauptgebäude bis heute erhalten ist. Zu dieser Adelsfamilie, die ihre Spuren in der Sage und der Literatur hinterlassen hat, gibt es im Heimatmuseum ein kleineres Diorama und zahlreiche weitere Exponate wie Rüstungen, Waffen und Bilder. Der bekannteste der Schelme von Bergen ist keine historische, sondern eine literarische Gestalt, der sagenumwobene und unter anderem von Heinrich Heine in seiner bekannten Ballade von 1846 bedichtete „Schelm von Bergen“, ein Henker, der es zum Ritter brachte. Ursprung der Sagen um den Schelm von Bergen, von denen sechs Versionen überliefert sind, ist der Versuch, den Namen „Schelm“ auf seine Bedeutung „Henker“ zurückzuführen. Alle Sagenvarianten sind mit der Person Friedrich Barbarossas verknüpft.

Karl Enslin erzählt in seinem „Frankfurter Sagenbuch“ eine Variante der Sage über die Begegnung des auf der Jagd verirrten Kaisers Barbarossa mit dem Schelm: „In dem Forste von Dreieichenhain hatte sich Friedrich von seinem Jagdgefolge verloren und irrte allein herum in dem Dickicht. Müd‘ und durstig traf er endlich auf einen Karrenführer, dem er seine Noth klagte. Der Karrenführer gab ihm zu trinken, ließ ihn auf sein Wägelchen sich setzen, und bald kamen sie in diesem Aufzug zurück zu den kaiserlichen Jägern. Aber wie wichen diese bei dem Anblick zurück, nicht aus Ehrfurcht vor der Majestät, sondern aus unheimlichen Schauer vor deren Führer, in dem sie sogleich den Abdecker oder Schinder, damals auch wohl Schelm genannt, erkannten, und der in dem Orte Bergen, jenseits des Mains, wohnte. ‚Der Schelm von Bergen!‘ riefen Alle bestürzt. Der Kaiser aber ließ sich nicht irre machen, schlug ihn zum Ritter und adelte ihn und seine Nachkommen; und dem Geschlechte verblieb der Name: Schelm von Bergen.“

Neben dem alten Rathaus ist ein weiteres bedeutendes Bauwerk in Bergen-Enkheim die Nikolauskapelle, eine spätgotische Saalkirche. Sie wurde 1524 von Zisterziensermönchen des Klosters Haina erbaut, bereits kurze Zeit später, während der Reformation, wieder profaniert, gehörte dann lange zu einem größeren landwirtschaftlichen Besitz, wurde zeitweise von der lutherischen Gemeinde im (mehrheitlich reformierten) Bergen benutzt und war dann im Eigentum der Grafen von Hanau und Hessen-Kassel. Seit 1984 ist die Kapelle im Besitz der Stadt Frankfurt, die sie für Kulturveranstaltungen nutzt. Ungewöhnlich für einen Ort ohne die offizielle Bezeichnung „Stadt“ war die mittelalterliche Befestigung, von der heute nur noch der Weiße Turm aus dem Jahr 1472 zu sehen ist.

Erwähnenswert ist auch der Weinbau am Berger Hang, der ein Jahrtausend lang bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts betrieben wurde, dann jedoch als unrentabel aufgegeben wurde. Heute ist der Berger Hang ein beliebtes Ziel für Wanderungen. Bekannt ist Bergen-Enkheim nicht zuletzt auch durch den seit 1974 vergebenen Stadtschreiberpreis, der mit 20.000 Euro Preisgeld und einem Jahr kostenlosem Wohnrecht im Stadtschreiberhaus verbunden ist und zu den wichtigsten deutschen Literaturpreisen gehört.


Adressen in Bergen-Enkheim

Heimatmuseum Bergen-Enkheim/Altes Rathaus (wegen Sanierung geschlossen)

Berger Rathausplatz 1

60388 Frankfurt am Main


Nikolauskapelle

Am Königshof, Marktstraße 56


Weißer Turm

Gangstraße 20


Wasserburg Gruckau/Schelmenburg

Schelmenburgplatz 1


*****

Bildquellen:

Vorschaubild: Blick aus dem Museum auf die Marktstraße nach Osten, 2007, Urheber: Dontworry via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Schlacht bei Bergen, historischer Kupferstich, 1759, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons PD-alt-100.

Ansicht des heute einzigen erhaltenen Teils der Schelmenburg von Süden, 2014, Urheber: Lumpeseggl via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Titelblatt: Enslin, Karl: Frankfurter Sagenbuch. Sagen und sagenhafte Geschichten aus Frankfurt am Main, Frankfurt am Main: H.L.Brönner, 1861.

Das Wahrzeichen des Ortes: das Historische Rahthaus( 1320 erbaut), 2005 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.


Textquellen:

Frankfuter Sagenbuch. Sagen und sagenhafte Geschichten aus Frankfurt am Main. Hrsg. von Karl Enslin. Frankfurt a. M. 1856.

Henschke, Werner: Heimatmuseum Frankfurt am Main, Bergen-Enkheim. München 1984 (= Schnell, Kunstführer, Nr. 1460).

Verborgene Kostbarkeiten in Frankfurter Stadtteilen und Vororten. Hrsg. vom Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt a. M. Frankfurt a. M. 1991.

> https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2835&_ffmpar%5B_id_inhalt%5D=12691 < abgerufen am 23.8.2019.

> https://de.wikipedia.org/wiki/Bergen_(Bergen-Enkheim) < abgerufen am 23.8.2019.

> https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurt-Bergen-Enkheim < abgerufen am 23.8.2019.

> https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_Bergen-Enkheim < abgerufen am 23.8.2019.

> https://de.wikipedia.org/wiki/Heimatmuseum_Bergen-Enkheim#cite_note-3 < abgerufen am 23.8.2019.

> https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolauskapelle_(Frankfurt-Bergen) < abgerufen am 23.8.2019.

> https://de.wikipedia.org/wiki/Schelme_von_Bergen < abgerufen am 23.8.2019.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Der Rothschildpark
von Sabine Gruber
MEHR
Volkssternwarte
von Mia Brettschneider
MEHR
Palmengarten
von Ralph Zade
MEHR
Werbung