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Großherzogtum Frankfurt

Großherzogtum Frankfurt

Ralph Zade

Die Zeit der französischen Revolution und die anschließende napoleonische Zeit brachte für Deutschland, vor allem für dessen westlichen Teil, zahlreiche Beeinträchtigungen und Veränderungen. Das gilt für Frankfurt in besonderem Maße. 1792 wurde die Stadt von französischen Truppen besetzt und es wurden ihr hohe Zahlungen auferlegt; im selben Jahr eroberten Preußen und Hessen sie zurück. 1796 wurde Frankfurt belagert und beschossen, was zu erheblichen Schäden führte; im selben Jahr wurde es für neutral erklärt. Anfang 1806 wurde Frankfurt erneut französisch besetzt und zu hohen Zahlungen gezwungen.

1806 war auch das Jahr des Endes des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, was in der Folge zu großen territorialen Veränderungen führte. Auch diese betrafen Frankfurt mehr als andere Städte – im Reich war es als reichsunmittelbare Stadt eine Art Staat im Staate, nun wurde es den Staaten des Fürstprimas Carl Theodor von Dalberg angeschlossen und verlor mithin seine weitgehende Autonomie.

Bei all den territorialen Veränderungen im damaligen Deutschland gab es drei Staaten, die eine Sonderstellung einnahmen, weil sie neu gegründet wurden und ihnen eine modellhafte Rolle bei der Umsetzung von Reformen zukommen sollte: das Königreich Westphalen, das Großherzogtum Berg und das 1810 gegründete Großherzogtum Frankfurt. Letzteres, dessen Hauptstadt Frankfurt war, das auf diese Weise wieder an Bedeutung gewann, wurde von dem bereits genannten Carl Theodor von Dalberg regiert. Seine räumliche Struktur lässt sich an seinem Wappen erkennen: dieses vereint die Wappen von Frankfurt, Hanau, Aschaffenburg und Fulda, zusammengehalten durch das Dalbergsche Wappen in der Mitte. Innerhalb des so definierten Territoriums bildete Frankfurt gemeinsam mit Wetzlar ein Departement (schon an dieser Bezeichnung erkennt man das französische Vorbild): das Departement Frankfurt.

Nicht nur die Gebietszusammenstellung war neu, auch die Staatsstrukturen sahen anders aus als die der bisher existierenden Staaten. Die genannten Modellstaaten verfügten über geschriebene Verfassungen, die die ersten ihrer Art in Deutschland waren. Das galt auch für das „Höchste Organisations-Patent der Verfassung des Großherzogtums Frankfurt“, das an der Verfassung des Königreichs Westphalen orientiert war (die sich ihrerseits an das französische Vorbild anlehnte). Darin war u. a. festgelegt, dass das Großherzogtum zum Rheinbund gehörte. Staatsoberhaupt war Carl Theodor von Dalberg, als dessen Nachfolger war in der Verfassung Napoleons Adoptivsohn Eugène de Beauharnais vorgesehen. Die Regierung bestand aus drei Ministern, zuständig für Äußeres, Inneres und Finanzen; daneben gab es einen Staatsrat, dem die Minister und sechs weitere ernannte Mitglieder angehörten. Die Ständeversammlung war eine Art Parlament – allerdings weit davon entfernt, demokratisch zu sein, denn es gab nur eine geringe Anzahl handverlesener Wahlberechtigter für deren Auswahl das vorhandene Vermögen eine wesentliche Rolle spielte. Außerdem fand vor der Abstimmung über Gesetzentwürfe, die durch den Staatsrat erarbeitet wurden, keine Debatte statt.

Die begrenzte Bedeutung dieser Versammlung zeigt sich auch daran, dass sie nur ein einziges Mal tagte – Tagungsort war im Oktober 1810 das Stadtschloss zu Hanau.

Dennoch war das Großherzogtum Frankfurt nach damaligen Maßstäben progressiv. Das zeigte sich an sozialen Reformen, wie der Einführung der Religionsfreiheit, der Judenemanzipation, der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Reduzierung der Privilegien des Adels ebenso wie an Reformen im Justizwesen – es wurde eine neue Gerichtsverfassung eingeführt, wobei man allerdings pragmatisch teilweise bestehende Gerichte umbenannte – und im Bildungswesen – hier ist v. a. die Gründung einer Landesuniversität in Aschaffenburg zu nennen (die zu einer solchen ausgebaute Karls-Universität hatte man schon 1808 begründet), ebenso wie die Verstaatlichung des (vorher zu großen Teilen kirchlich organisierten) Schulwesens.

Untrennbar verbunden ist das Großherzogtum Frankfurt mit seinem Oberhaupt Carl Theodor Anton Maria von Dalberg. Dalberg, 1744 geboren, hatte hohe geistliche Ämter inne – er war 1800 Fürstbischof von Konstanz geworden, später Erzbischof von Mainz (als solcher war er zeitweise auch Kurfürst) und von Regensburg. Damit war er schon Oberhaupt deutscher Kleinstaaten, bzw. war es gewesen, als ihm Napoleon die Würde des Großherzogs von Frankfurt übertrug, was eine Entschädigung dafür war, dass das Fürstbistum Regensburg, ein wesentliches der von ihm regierten Territorien, an Bayern fiel. Die Würde des Großherzogs war die erste weltliche, die er nach zahlreichen geistlichen innehatte. Dalberg war Aufklärer und Förderer der Künste und Wissenschaften, in denen er sich auch selbst betätigte – allerdings beschrieb Schiller ihn in einem Brief an Christian Gottfried Körner als „Unsteten und Schwankenden“. Dalberg, der aus christlicher Motivation heraus auch für die Armenfürsorge Vieles geleistet hat, darf als treibende Kraft hinter den Reformen im Großherzogtum Frankfurt gelten – Reformen, die trotz aller problematischen Begleitumstände Positives für das Großherzogtum und für die Stadt Frankfurt bewirkt haben. Im Historischen Museum Frankfurt wird heute die „Sammlung Dalberg“ aufbewahrt – bestehend aus Kunstwerken, die Dalberg der 1808 von Bürgern gegründeten Frankfurter Museumsgesellschaft überlassen hatte.

Wenn viele Reformansätze aus heutiger Sicht auch positiv waren, so war die Umsetzung in die Praxis in vieler Hinsicht problematisch. Das lag neben anderen schwierigen Rahmenbedingungen wie der Beschlagnahmung von Staatseigentum zugunsten der napoleonischen Herrschaft genehmer Personen vor allem an kriegsbedingten Belastungen. Die wirtschaftliche Lage war so schlecht, dass ständig ein Staatsbankrott drohte. Ende September 1813 verließ Dalberg das Großherzogtum; nachdem Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig (16.-19. Oktober 1813) geschlagen worden war, dankte er zugunsten des verfassungsmäßig vorgesehenen Nachfolgers Eugène de Beauharnais ab. Das Großherzogtum zerfiel und wurde zwischen Preußen, Hessen-Kassel und Bayern aufgeteilt. Auch die Stadt Frankfurt sollte erst an Bayern fallen, auf dem Wiener Kongress wurde dann jedoch beschlossen, dass es als Freie Stadt einen Status erhalten sollte, der dem, den es im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehabt hatte, nahezu gleichkam.

Carl Theodor von Dalberg, der meist in Aschaffenburg residiert hatte – seine offizielle Residenz in Frankfurt war das Palais Thurn und Taxis – verlor mit dem Sturz Napoleons seine weltliche Macht und wurde auf seine geistlichen Funktionen reduziert. Er starb am 10. Februar 1817 in Regensburg.


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Bildquellen:

Vorschaubild: Der Freien Stadt Frankfurt berittener freiwilliger Landsturm zu Pferde, ca. 1840, Urheber: Peroux, Geiler und Susenbeth via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in einer Darstellung von Jean-Jacques Le Barbier, 1789 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurter Truppen 1807, Urheber: Richard Knötel (1857-1914) via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Karl Theodor von Dalberg, um 1791, Gleimhaus Halberstadt, 1791, Anton Wilhelm Tischbein via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Eugène de Beauharnais, Porträt von Andrea Appiani, um 1800 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.


Textquellen:

Darmstädter,Paul: Das Großherzogtum Frankfurt: Ein Kulturbild aus der Rheinbundzeit, Frankfurt, 1901.

Webseite zum Fürstentum Aschaffenburg und zum Großherzogtum Frankfurt im Historischen Lexikon Bayerns: abgerufen von >https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/F%C3%BCrstentum_Aschaffenburg_/_Gro%C3%9Fherzogtum_Frankfurt< am 04.10.2019.

Karte des Großherzogtums Frankfurt in der Wikipedia: abgerufen von >https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fherzogtum_Frankfurt#/media/Datei:Grandduchy_Frankfurt_1812.png< am 04.10.2019.

Webseite zur Sammlung Dalberg im Historischen Museum Frankfurt: abgerufen von >https://www.historisches-museum-frankfurt.de/de/sammlermuseum/dalberg< am 04.10.2019.

Carl Theodor von Dalberg in der Allgemeinen Deutschen Biographie: abgerufen von >https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Dalberg,_Carl_Theodor_Freiherr_von< am 04.10.2019.

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