Frankfurt Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.frankfurt-lese.de
Unser Leseangebot

Erbsensoldaten

Florian Russi

Lustige, spannende, fantasievolle Märchen über Zwerge, den Zauberer Krabat und den Müllergesellen Pumphut sind hier versammelt.

Niederursel

Niederursel

Ralph Zade

Wer Frankfurt nur oberflächlich kennt, verbindet die Stadt häufig in erster Linie mit ihrer Skyline und nimmt sie dementsprechend vor allem als moderne Großstadt wahr. Dass es in Frankfurt auch Ortsteile gibt, die dörflich geprägt sind, erschließt sich erst bei einem längeren Besuch, der auch die Außenbezirke mit einbezieht.

Niederursel, das im Jahre 1910 nach Frankfurt eingemeindet wurde, ist geradezu der Prototyp eines solchen dörflich geprägten Stadtteils und hat – ungeachtet der Tatsache, dass der Bau der Nordweststadt 1962-68, die sich teilweise auf dem Gebiet von Niederursel befindet, einen städtebaulichen Kontrapunkt gesetzt hat, der dem Dorfcharakter manifest entgegensteht – sein durch eine lange Geschichte geformtes Gesicht zu erheblichen Teilen bewahrt. Im Nordwesten Frankfurts zwischen den Stadtteilen Praunheim im Süden, Eschersheim und Heddernheim im Osten und Kalbach-Riedberg im Nordosten gelegen – und im Norden und Westen an Steinbach und Oberursel, die nicht zu Frankfurt gehören, grenzend – ist Niederursel heute ein Geheimtipp für diejenigen, die der Großstadt Frankfurt entfliehen wollen – sei es, um in einem dörflich geprägten Umfeld zu wohnen, sei es für einen Ausflug am Wochenende.

Den längsten Teil seiner Geschichte ist Niederursel, das heute – vor allem aufgrund der Nordweststadt – 16000 Einwohner hat, sehr klein gewesen. 1812 zählte man 731 Einwohner und 1905, kurz vor der Eingemeindung nach Frankfurt, waren es 940. Erstmals erwähnt wurde Niederursel 1132 als Hofgut und Mühle. Die Mühle blieb nicht die einzige. Die Lage am Urselbach, einem Zufluss der Nidda, ermöglichte hier in optimaler Weise die Nutzung der Wasserkraft. Dabei standen Getreidemühlen im Vordergrund, es gab aber auch andere, wie Papiermühlen. In Betrieb ist von diesen Mühlen heute keine mehr, die Gebäude sind aber teilweise erhalten und werden heute für andere Zwecke genutzt, meist von Gewerbebetrieben; die Obermühle gehört zu einem Pferdehof. Von den historischen Betrieben vor Ort ist noch eine Schmiede aktiv.

Die Geschichte Niederursels weist eine Besonderheit auf, die noch heute sichtbare Spuren hinterlassen hat: der Ort war lange Zeit geteilt. Die Teilung hatte ihren Ursprung in den 30er Jahren des 15. Jahrhunderts, in denen der königliche Vogt Henne von Niederursel den Ort zu gleichen Teilen an Frankfurt und die Ritter von Kronberg verkaufte. 1712 erfolgte eine formale Teilung des Orts zwischen der Reichsstadt Frankfurt und der Grafschaft Solms-Rödelheim entlang der Hauptstraße (heute Alt Niederursel) – nördlich davon lag das Frankfurter Gebiet, südlich davon das der Grafen von Solms-Rödelheim. 1806 kam letzterer Teil zum Großherzogtum Hessen. 1866 wurde das Großherzogtum ebenso wie Frankfurt preußisch, was aber noch nicht unmittelbar zu einer Wiedervereinigung der beiden Ortsteile führte – diese erfolgte erst 1899, als beide Teile von Niederursel zu einer einheitlichen Gemeinde verschmolzen wurden. Als Folge der Teilungsgeschichte gab es in Niederursel zwei Rathäuser, die als Gebäude bis heute erhalten sind. Beide sind Barockbauten mit Zierfachwerk, das Frankfurter Rathaus von 1716 und das Solms-Rödelheimische Rathaus von 1718. Die beiden Häuser sind nicht weit voneinander entfernt.

Nicht nur die beiden Fachwerk-Rathäuser und die ehemaligen Mühlenbauten tragen zum Ruf Niederursels als von Fachwerk geprägter Stadtteil bei. Das wohl bedeutendste Baudenkmal Niederursels ist aber eines der klassischen Architekturmoderne: die von Martin Elsaesser 1927/28 erbaute Gustav-Adolf-Kirche. Die Kirche, die – die Benennung nach dem Schwedenkönig Gustav Adolf lässt es vermuten – eine evangelische ist, liegt im Ortskern auf einem Geländeplateau an der ehemaligen Hauptstraße (Alt Niederursel) Ecke Kirchgartenstraße. An dieser Stelle stand früher die St. Georgs-Kirche, die, da sie zu klein und teils baufällig war, für die neue Kirche abgerissen wurde, obwohl sie unter Denkmalschutz stand – hier zeigt sich eine zwiespältige Seite der Architekturmoderne in Frankfurt, deren Hauptprotagonist Ernst May, dessen Umfeld auch Elsaesser angehörte, verschiedentlich wenig Rücksicht auf historische Relikte nahm, die seinen Stadtumgestaltungsplänen im Wege standen. Einige Bauteile der alten Kirche, darunter die Orgel und Schriftbänder in der Taufkapelle, wurden in die neue Kirche integriert. Diese wird durch ihren achteckigen Grundriss mit einem rechteckigen, 30 m hohen Turm im Südwesten charakterisiert. Für das Erscheinungsbild prägend sind auch der Baukörper aus Beton und das kupfergedeckte Zeltdach. Die Kirche fügt sich von ihren Proportionen her gut in das historische Umfeld ein, das man gleich wieder wahrnimmt, wenn man am Fuße der Kirche den sogenannten Gehorsam sieht – einen historischen Pranger, dessen Kette noch erhalten ist. Auch an der Außenmauer der Kirche selbst sind noch Relikte der Vergangenheit zu sehen: Grabsteine aus dem 17. Jahrhundert. Historisch wertvoll waren auch der Alte und der Neue Jüdische Friedhof, in denen sich eine lange jüdische Tradition in Niederursel widerspiegelte. Beide Friedhöfe wurden in der Nazizeit zerstört. Heute erinnert ein Gedenkstein an sie. Grabsteine sind leider nicht mehr erhalten.

Auch wenn in Niederursel vieles historisch und betont lokal ist – hierzu gehört auch die Gaststätte „Zum Lahmen Esel“ in einem seit 1807 als Gasthaus verwendeten, unter Denkmalschutz stehenden Fachwerkbau – so hat Niederursel doch auch eine internationale Seite. Diese wird vor allem durch die Europäische Schule Frankfurt verkörpert, an der Kinder aus zahlreichen Nationen gemeinsam lernen.


*****
Textquellen:
Gerner, Manfred: Niederursel, Mittelursel, Chronikalische Aufzeicnungen zu einem Dorf, Waldemar Kramer Verlag (Schriftenreihe der Frankfurter Sparkasse von 1822), Frankfurt, 1976.

Niederursel im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen: abgerufen von > https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/gsrec/curr... < am 29.12.2019.

Seite zu Niederursel auf frankfurt.de: abgerufen von > https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2835... < am 29.12.2019.

Seite zur Gustav-Adolf-Kirche: abgerufen von > https://www.kirchengemeinde-niederursel.de/unsere-... < am 29.12.2019.

Webpräsenz der Gaststätte „Zum lahmen Esel“: abgerufen von > https://www.lahmer-esel.de/ < am 29.12.2019.

Webseite der Europäischen Schule Frankfurt (in Niederursel): abgerufen von > https://www.esffm.org/ < am 29.12.2019.

Private Webseite zu Niederursel: abgerufen von >https://hkffm.wordpress.com/tag/niederursel/< am 29.12.2019.


Bildquellen:

Vorschaubild: Alt-Niederursel, 2014, Urheber: Daviidos via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Der Urselbach in Niederursel, 2014, Urheber: Daviidos via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Das Solmsche Rathaus, 2013, Urheber: Karsten Ratzke via Wikimedia Commons CC0.

Typische Gasse in Frankfurt-Niederursel, 2018, Urheber: VIEX - Ernest Niedermann via Wikimedia Commons CC-BY 4.0.


Weitere Beiträge dieser Rubrik

Der Rothschildpark
von Sabine Gruber
MEHR
Die Bonifatiusquelle
von Sabine Gruber
MEHR
Palmengarten
von Ralph Zade
MEHR
Dippemess
von Sabrina Ingerl
MEHR
Werbung