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Christina Lange und Florian Russi

Das Fischerfeld

Das Fischerfeld

Sabine Gruber

Während heute auf dem Fischerfeld im Osten der Frankfurter Innenstadt kein Wasser mehr vorhanden ist und man sich über den Namen wundern könnte, waren hier in früheren Zeiten tatsächlich einmal Fischer an mehreren Fischteichen tätig. Ein größerer Teil des Geländes war tiefer als die Altstadt gelegen und sumpfig und wurde deshalb bis in die Neuzeit hinein nicht oder nur spärlich bebaut. Das Fischerfeld lag lange Zeit außerhalb der Stadtbefestigung und wurde erst im 17. Jahrhundert darin einbezogen. In mittelalterlichen Quellen finden sich auch einige Hinweise auf Bebauungen auf dem Fischerfeld. So sollen dort im 14. Jahrhundert unter anderem Prostituierte gelebt haben, wie Benedict Römer-Büchner in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Stadt Frankfurt a. M.“ berichtet. Batton schreibt, ein Teil des Fischerfelds sei später „mit Bäumen besetzt“ gewesen und hat in seine „Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main“ einen umfangreichen Abschnitt über die „Vorstadt Fischerfeld“ integriert. Oft seien ansehnliche Gesellschaften auf dem Fischerfeld unterwegs gewesen, die „da im kühlenden Schatten das Wasser tranken und sich auf mancherlei Weise belustigten.“

Durchgängig bebaut wurde das Fischerfeld erst, nachdem an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert sein tiefer als die Altstadt gelegener und sumpfiger Teil aufgeschüttet und trockengelegt worden war. Die von Batton erwähnten Baumalleen mussten weichen. Unter der Leitung des von der Aufklärung beeinflussten Stadtbaumeisters Johann Georg Christian Heß (1756-1816) entstanden jetzt Häuser in der schlichten Eleganz des Klassizismus. Mit dieser Umgestaltung und neuen Bebauung des Fischerfeldes (man sprach von der „Neuen Anlage“), der ersten größeren Stadterweiterung seit dem 14. Jahrhundert, hing vermutlich eine Anzeige zusammen, die am 14. September 1805 im „Intelligenz-Blatt der Freien Stadt Frankfurt“ (einem Anzeigenblatt) erschien: „Montag den 16ten d. M. Nachmittags um 3 Uhr soll das ehemalige Schützenhaus auf dem Fischerfeld, nebst dem Ladhaus und denen Schießständen zum Abbruch an den Meistbietenden öffentlich verkauft werden. Frankfurt den 2ten Sept. 1805. Bau-Amt.“

Zwei der Häuser, die im Rahmen der „Neuen Anlage“ entstanden, beherbergten später einen berühmten Bewohner: Die Häuser an der Schönen Aussicht Nr. 17 und Nr. 16. Im Haus Nr. 17 wohnte Arthur Schopenhauer (1788-1860) 16 Jahre lang. Später zog er nach einem Streit mit seinem Vermieter in das Nachbarhaus, an dessen Nachfolgebau (das eigentliche Schopenhauer-Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört) heute eine Gedenktafel an den Philosophen erinnert, den damals immer wieder Spaziergänge durch das Fischerfeldviertel führten.

Eine wichtige Verkehrsachse innerhalb des damals neu entstandenen Viertels ist die Rechneigrabenstraße, die von der Langen Straße bis zum Börneplatz verläuft. Sie entstand nach der Zuschüttung des hier verlaufenden ehemaligen Stadtgrabens nach dem sie benannt ist. Auf Grundstücken entlang der Rechneigrabenstraße, die noch nicht in die „Neue Anlage“ einbezogen worden waren, entstanden um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufgrund der Nähe der Straße zum Ort der alten Judengasse am Börneplatz und zum alten jüdischen Friedhof mehrere Gebäude jüdischer Institutionen.

So wurde in den Jahren 1829 bis 1831 an der Rechneigrabenstraße 18-20 das „Hospital der vereinigten Israelitischen Männer- und Frauenkrankenkasse“ gebaut, was eine Spende des Bankhauses Rothschild ermöglicht hatte. An der Rechneigrabenstraße 14-16 entstand 1845 der Neubau der jüdischen Realschule, des Philanthropin, mit der dazugehörigen Grundschule (heute I. E. Lichtigfeld-Grundschule mit Gymnasium). An der Ecke Rechneigrabenstraße 5/Schützenstraße wurde eine Synagoge der orthodoxen jüdischen Gemeinde gebaut, im Westen der Straße am heutigen Börneplatz die Synagoge der konservativen Gemeinde. Während der Novemberpogrome 1938 wurden die Synagogen zerstört und die Grundstücke mussten später zwangsweise der Stadt übereignet werden. Im Zweiten Weltkrieg wurden größere Teile des Fischerfeldviertels zerstört.

Heute erinnert vor allem die östlich der Altstadt zwischen der Langen Straße und der Mainstraße verlaufende Fischerfeldstraße an die jahrhundertealte Geschichte des Fischerfeldes, das lange vor den Mauern der Stadt lag und heute zur Frankfurter Innenstadt gehört.


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Textquellen:

Frankfurt-Lexikon. Mit einem Stadtplan herausgegeben von Waldemar Kramer, Sechste, neubearbeitete Ausgabe. Frankfurt a. M., 1973.

Intelligenz-Blatt der Freien Stadt Frankfurt. Erste Beilage zu No. 78. Samstag, den 14. September, 1805.

Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main von Johann Georg Batton. Aus dessen Nachlasse herausgegeben von dem Vereine für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt a. M. durch L. H. Euler, Erstes Heft. Frankfurt a. M., 1861.

Römer-Büchner, Benedict Jacob : Beiträge zur Geschichte der Stadt Frankfurt a. M. und ihres Gebietes: von der ersten geschichtlichen Kenntnis bis zum X. Jahrhundert nebst chronologischer Übersicht und Beweisstellen über die Römerherrschaft im Rheingebiet bis zum Jahre 450, Frankfurt a. M., 1853.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Rechneigrabenstra%C3%9Fe< abgerufen am 29.11.2019.

>http://schopenhauer.de/biographie/auf-den-spuren-schopenhauers-in-frankfurt/< abgerufen am 29.11.2019.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Christian_Hess< abgerufen am 29.11.2019.


Bildquellen

Vorschaubild: Der „Recheney-Graben“ auf dem Ulrichplan, 1811, Urheber: Christian Friedrich Ulrich via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurt Fischerfeld, 1628, Urheber: Merian via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Ansicht des Schopenhauerhauses an der Schönen Aussicht von Südwesten (Rendering aus dem Virtuellen Altstadtmodell Frankfurt am Main, Urheber:Jörg Ott via Wikimedia Commons GFDL 1.2.

Standort der ehemaligen Synagoge in Frankfurt, 2010, Urheber: Magadan via Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0.


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