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Lustige, spannende, fantasievolle Märchen über Zwerge, den Zauberer Krabat und den Müllergesellen Pumphut sind hier versammelt.

Georg Swarzenski

Georg Swarzenski

Ralph Zade

„Die Verwaltung des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt a. M. ernannte den Privatdozenten an der Universität Berlin Dr. Georg Swarzenski zum Direktor der Sammlungen des Instituts. Bisher leitete die Städtische Sammlung Prof. Justi, der neuerdings, wie bekannt, als Nachfolger Prof. W. v. Oettingens zum Sekretär der Akademie der Künste in Berlin ernannt wurde. Dr. Georg Swarzenski steht im Alter von 30 Jahren.“ meldete das Dresdner Journal am 3. Januar 1906. Um die Stelle hatte sich Swarzenski initiativ beworben. Er hatte einiges vorzuweisen. Mit 30 bereits Privatdozent zu sein war per se schon eine beachtliche Leistung, dazu war Swarzenski aber nicht nur Kunsthistoriker, sondern aufgrund eines Erststudiums auch promovierter Jurist, außerdem hatte er in erheblichem Maße Praxiserfahrung vorzuweisen, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Berliner Museen, als Assistent am Kunsthistorischen Institut in Florenz und als Mitarbeiter am Kunstgewerbemuseum in Berlin.


Die Wahl erwies sich für Frankfurt als goldrichtig. Bei seinen Museumsaktivitäten ging Swarzenski mit demselben Selbstbewusstsein vor wie bei der Bewerbung und initiierte schon im Berufungsjahr die Gründung der Städtischen Galerie im Städel mit, 1909 überdies die Gründung des Liebieghauses (des bis heute einen Anziehungspunkt bildenden Skulpturenmuseums der Stadt Frankfurt). 1914 wurde er Honorarprofessor für Kunstgeschichte, 1917 gründete er zusammen mit anderen bedeutenden Museumsleuten den Deutschen Museumsbund und avancierte 1928 zum Generaldirektor der Museen in Frankfurt, wodurch auch das Historische Museum und das Kunstgewerbemuseum unter seine Leitung kamen.

Swarzenski war überdies schon bald Teil der Frankfurter Intellektuellenszene, u. a. als regelmäßiger Besucher des durch den Besitzer der Frankfurter Zeitung, Heinrich Simon, ab 1917 in seiner Wohnung am Untermainkai 3 abgehaltenen Freitagstisches, an dem u. a. Schriftsteller wie Rudolf G. Binding und Fritz von Unruh teilnahmen, an dem vor allem aber auch der Maler Max Beckmann beteiligt war. Mit Beckmann verband Swarzenski eine Freundschaft, die dazu führte, dass dieser ihn und seine Familie mehrfach porträtierte. Einige dieser Bilder sind heute im Städel zu sehen. Swarzenski revanchierte sich später, indem er zu Beckmanns Durchbruch in den USA beitrug und verfasste 1946 eine Publikation über ihn.

Diese äußeren Karrierestationen, die Vernetzung in Frankfurter Intellektuellenkreisen und die Entfaltung zahlreicher wissenschaftlicher und publizistischer Aktivitäten – u. a. begründete er das „Städel Jahrbuch“ und war Mitherausgeber der Zeitschrift „kritische berichte zur kunstgeschichtlichen literatur“, wozu zahlreiche von ihm verfasste kunsthistorische Publikationen und intelligente Interventionen zum Sinn und Zweck von Museen kommen – zeigen, dass Swarzenski fähig und karriereorientiert war, machen jedoch nicht seine eigentliche Bedeutung aus. Auch nicht seine modern und demokratisch anmutende Auffassung vom Sinn eines Museums, die er 1921 so formulierte: „Das Erfassen der eigensten Aufgabe des Museums bestimmt sein Verhältnis zum Publikum. Hierin erweist sich seine Sonderstellung. Wie kein anderes kulturelles Unternehmen steht es den Massen offen, aber spricht zum Einzelnen. Es wendet sich an die Masse, aber nicht im Sinn der größtmöglichen Zahl, sondern der absoluten Ausschaltung aller Schranken und Vorurteilen des Standes, Berufes, Vermögens und der Klasse, ja selbst des Wissens, der Bildung und der Erziehung.“

Seine Hauptbedeutung liegt vielmehr in seiner Ankaufspolitik. Diese mag im Rückblick logisch und zwingend erscheinen, da sie Künstler betraf, die heute unbestritten zu den bedeutendsten ihrer Zeit zählen, diese Bedeutung war damals aber nicht nur nicht in jedem Fall gesichert, sondern der Kauf von Kunst, die herkömmlichen, an realistischen Vorbildern orientierten Kunstvorstellungen widersprach, war tendenziell sogar umstritten. Der bekannteste dieser Ankäufe betraf 1912 Vincent van Goghs „Bildnis des Dr. Gachet“. Es folgte der Ankauf fast aller Bilder des französischen Impressionismus, die sich heute im Besitz des Städels befinden, darunter Werke von Monet, Manet, Degas sowie aus dem Umfeld des Impressionismus von Corot und Daubigny. Dazu kommen u. a. Franz Marcs „Liegender Hund im Schnee“, der 2007 zum beliebtesten Gemälde des Städels gewählt wurde, nachdem er 1961 ins Museum zurückgekehrt war – die Nazis hatten das Bild, da sie es für „entartete Kunst“ hielten, verkauft – , Werke von Willi Baumeister, Erst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka und Max Beckmann sowie vier von Picasso (ein Gemälde und drei Grafiken, darunter allerdings kein kubistisches Werk, da Swarzenski bei seiner Ankaufspolitik figurative Darstellungen bevorzugte). Dazu traten bedeutende Werke mittelalterlicher Kunst, die seit jeher einen weiteren seiner Interessenschwerpunkte bildete – in seiner Dissertation hatte er sich mit ottonischer Buchmalerei befasst.

Dann kam 1933. Die Machtergreifung der Nazis war für Swarzenski ein doppeltes Problem, denn er war Jude und seine Kunstauffassung war mit der der Nazis inkompatibel. Beides allein hätte schon ausgereicht, um ihn in größte Schwierigkeiten zu bringen. An eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst war nicht mehr zu denken, er wurde aus allen städtischen Ämtern entlassen. Da das Städel als private Stiftung organisiert war, konnte er dessen Leitung jedoch bis 1938 beibehalten. Allerdings wurden 1937 zahlreiche Kunstwerke als „entartete Kunst“ beschlagnahmt – fast alle davon waren Ankäufe aus der Amtszeit von Swarzenski. Das betraf auch van Goghs „Dr. Gachet“. Swarzenski wurde vorübergehend verhaftet, da er verdächtigt wurde, einen Artikel in der Frankfurter Zeitung verfasst zu haben, der auf das Bild Bezug nahm, was sich aber als falsch erwies.

1938 emigrierte Swarzenski in die USA, hielt dort zunächst Vorlesungen in Princeton und wurde dann Kurator für die Kunst des Mittelalters am Museum of Fine Arts in Boston, an dem er die entsprechende Abteilung, die heute großes Renommee genießt, aufbaute. 1956, ein Jahr vor seinem Tod, wurde er pensioniert. Frankfurt betrat er auch nach dem Krieg nicht mehr.

*****

Textquellen:

Crüwell,Konstanze: Worte sind im Museum so überflüssig wie im Konzertsaal: Eine Hommage an Georg Swarzenski, Städeldirektor von 1906-1937, König, Köln, 2015.

Georg Swarzenski in der Deutschen Biographie: abgerufen von >https://www.deutsche-biographie.de/sfz130034.html< am 02.06.2019.

Baumann,Jana: Eine Vision wird Wirklichkeit (Beitrag im Städel-Blog zur Gründung des Museumsbundes, hieraus das Swarzenski-Zitat von 1921): abgerufen von: >https://blog.staedelmuseum.de/museum-als-avantgarde-eine-vision-wird-wirklichkeit/< am 02.06.2019.

Kretzschmann,Julia: Franz Marcs „Liegender Hund im Schnee“ (Beitrag im Städel-Blog), abgerufen von >https://blog.staedelmuseum.de/meisterwerke-des-staedel-marcs-liegender-hund-im-schnee/< am 02.06.2019.

Schmeisser, Iris: Wie Fernande ins Städel kam /Beitrag im Städel-Blog): abgerufen von >https://blog.staedelmuseum.de/picasso-bildnis-der-fernande-olivier/< am 02.06.2019.

Porträt Georg Swarzenskis aus der Sammlung des Städel: abgerufen von >https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/bildnis-georg-swarzenski< am 02.06.2019.


Bildquellen:

Vorschaubild: Georg Swarzenski, Zeichnung von Lino Salini, 1925 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Das Städel am „Museumsufer“, März 2013, Urheber: Simsalabimbam via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

van Gogh, Porträt des Dr. Gachet, 1890 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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