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Die Guaitas

Die Guaitas

Ralph Zade

Eine Frankfurter Familie mit Wurzeln in Oberitalien

1822 wurde Georg Friedrich von Guaita (1772-1851) zum Älteren Bürgermeister von Frankfurt gewählt. Der Ältere Bürgermeister, der stets für ein Jahr amtierte und nicht unmittelbar wiedergewählt werden konnte, war für die "Außenpolitik" der Freien Stadt Frankfurt verantwortlich und gleichzeitig Oberhaupt der Stadt, hatte also das höchste politische Amt inne, das Frankfurt zu vergeben hatte. (Ihm stand ein Jüngerer Bürgermeister zur Seite, der u. a. für Polizeiangelegenheiten zuständig war.) 1824, 1826, 1831, 1833, 1837 und 1839 wurde Guaita erneut gewählt und war damit der Ältere Bürgermeister mit den meisten Amtszeiten in der Frankfurter Stadtgeschichte.

Ein Adliger, der überdies einer überaus wohlhabenden Familie angehörte - ein beispielhafter Vertreter des Frankfurter Stadtestablishments also? Ganz so war es nicht - der Adel war neu, Guaita war erst 1813 in napoleonischen Zeiten unter der Herrschaft von Carl Theodor von Dalberg geadelt worden, überdies stimmte seine Konfession nicht - Guaita war der erste katholische Frankfurter Bürgermeister seit der Reformation - und außerdem hatte er - der Name verrät es - einen Migrationshintergrund.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg begannen Familien vom Comer See, in Frankfurt, einem schon damals bedeutenden Wirtschaftsstandort, Handel zu treiben. Heute am bekanntesten unter diesen Familien ist die Familie Brentano, die aus der Gegend von Tremezzo stammte. Die Guaitas kamen ursprünglich aus Codogno bei Menaggio, das nicht weit von Tremezzo entfernt liegt. (Ein weiterer Frankfurt-Bezug der Gegend besteht darin, dass der aus Frankfurt stammende Kaufmann Heinrich Mylius (1769-1854) oberhalb von Menaggio eine Villa besaß, die heute Villa Vigoni heißt und als deutsch-italienisches Kulturzentrum dient.) Zu den Brentanos pflegten die Guaitas in Frankfurt enge Beziehungen und Georg Friedrich Guaita heiratete Meline Brentano, eine Schwester von Clemens und Bettine Brentano. Seine Tochter Marie heiratete in zweiter Ehe Louis Brentano, einen Sohn Georg Brentanos, eines weiteren Bruders von Meline, der den heute in Teilen noch existierenden Brentanopark in Frankfurt-Rödelheim geschaffen hat. Guaitas ältester Sohn Carl (1810-1868), der später Direktor des Frankfurter Theaters wurde, studierte zeitweise zusammen mit Louis - in Briefen misst Georg Brentano die Lernerfolge seines Sohnes an denen von Carl. Obwohl die Guaitas und die Brentanos in dieser Zeit schon nicht mehr Italienisch sprachen und sich als Frankfurter empfanden, war man einander verbunden, nicht nur aufgrund der gemeinsamen Herkunft, sondern sicher auch, weil man ähnliche Geschäfte machte.

Der erste urkundlich erwähnte Guaita in Frankfurt war Francesco Guaita, der am 24.2.1660 in Frankfurt begraben wurde. Mit seiner Bezeichnung als "Pomeranzenjunge" ist das ursprüngliche Geschäftsfeld der Familie beschrieben: sie handelte mit Südfrüchten, vor allem mit Zitrusfrüchten. 1665 hinterließ Giovanni Cetti, Teilhaber der ersten, seit einigen Jahrzehnten bestehenden italienischen Handelsgesellschaft in Frankfurt, Innocenzo Guaita, dem Sohn seiner Schwester, seine Gesellschaftsanteile. Dieser nahm seinen Verwandten Matteo Guaita in die Gesellschaft auf und so entstand die Firma "Matthäus & Innocentius Guaita". Der Sitz der Firma befand sich im Nürnberger Hof, von dem heute nur noch zwei Tordurchfahrten zum ehemaligen inneren Hof erhalten sind, nachdem die 1905 durch die Altstadt gebrochene Braubachstraße den Hof kreuzte und 1944 weitere Bauteile zerstört wurden.

Die Konkurrenz der Italiener wurde durch die vor Ort ansässigen Händler nicht gern gesehen, wie aus einer Beschwerde von 26 Gewürzkrämern und Zuckerbäckern im Jahre 1671 gegen die Kaufleute Martino Belli, Martino Brentano, Giacomo Brentano und Innocentius Guaita hervorgeht. Und auch das Bürgerrecht wurde ihnen verwehrt. Matthäus (Matteo) Guaita, der mit einer Deutschen verheiratet war, versuchte zwischen 1676 und 1696 sechsmal, das Frankfurter Bürgerrecht zu erlangen - ohne Erfolg. Noch 1742 scheiterten seine Großneffen Innocentius und Joseph mit demselben Anliegen. Der Versuch von Teilen der Frankfurter Händlerschaft, eine gänzliche Vertreibung ihrer italienischen Konkurrenten zu erreichen, scheiterte allerdings an deren Protektion durch den Kaiser und den Kurfürsten von Mainz. Man versuchte deshalb, den Italienern, die nach schmalen Anfängen die Palette ihres Warenangebots stark diversifiziert hatten, das Leben eher im Kleinen schwer zu machen - letztlich aber ohne allzu großen Erfolg. Als Innocentius Guaita, der erfolglos das Bürgerrecht beantragt hatte, zwei Jahre später starb, hinterließ er das beträchtliche Vermögen von 80000 Florin. Sein Sohn Anton Maria, der bis zu seinem Tod 1808 in der Schnurgasse neben dem Torbogen zum Nürnberger Hof eine Spezereihandlung betrieb, hinterließ seinen fünf Kindern bereits 675000 Florin. Dessen Bruder Johann Baptista Guaita (1731-1791) war ebenfalls Spezereiwarenhändler; er war der Vater von Georg Friedrich Guaita.

Auch nach Georg Friedrich von Guaita brachte die Familie noch bedeutende Vertreter hervor. Die Ehefrau von Georg Friedrichs zweitem Sohn Leberecht (1814-1875), Mathilde von Guaita, geborene Mumm (1815-1890) trat als Mäzenin hervor. Einer ihrer Söhne, Max von Guaita (1842-1903) ließ in Kronberg die heute nicht mehr existierende Villa Guaita erbauen, ein fast schlossartiges Gebäude in eklektizistischem Stil, das 1961 abgerissen wurde. Der Name Guaitapark für den die Villa umgebenden Park besteht fort; die Bebauung im Rahmen einer Siedlungsverdichtung ist umstritten. In Frankfurt erinnert die Guaitastraße in Ginnheim an die Familie. Der Nachlass der Familie Guaita, eine einzigartige Quelle für die Frankfurter Handels- und Migrationsgeschichte, wird heute im Institut für Stadtgeschichte aufbewahrt. Das Familiengrab der Frankfurter Linie der Guaitas befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof (Gewann J Nr. 331-334).

*****

Textquellen:

Klötzer, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Biographie, Erster Band, A-L. Waldemar Kramer, Frankfurt, 1994, S. 283.

Dietz, Alexander: Frankfurter Handelsgeschichte, Vierter Band, Erster Teil, Nachdruck der Ausgabe von 1925, Auvermann, Glashütten im Taunus, 1973, S. 238 ff.

Gruber, Sabine; Zade,Ralph (Hrsg.): Dein treuer Bruder, Georg Brentanos Familienbriefe, Waldemar Kramer (Verlagshaus Römerweg), Wiesbaden, 2019 (zu Louis Brentano und Carl von Guaita siehe z. B. die Briefe Nr. 26 und Nr. 32).

Webseite zum Guaita-Nachlass im Institur für Stadtgeschichte: abgerufen von >https://www.stadtgeschichte-ffm.de/de/archivbesuch/archivschaetze/themen-a-z/nachlass-familie-guaita/vom-pomeranzenjungen-zum-oberbuergermeister-der-nachlass-der-familie-von-guaita< am 28.11.2020.

Georg Friedrich von Guaita in der Hessischen Biographie:abgerufen von >https://www.lagis-hessen.de/pnd/116906650< am 28.11.2020.

Webseite der Interessengemeinschaft Guaitapark Kronberg: abgerufen von >https://www.guaita-park.de/< am 28.11.2020.


Bildquellen:

Vorschaubild: Spices bazaar, 2017, Urheber: Christophe Schindler via Wikimedia Commons CC0.

Georg Friedrich von Guaita, 19. Jahrhundert, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Carl Theodor von Dalberg mit dem Orden der Ehrenlegion, 1811/13, Urheber: Franz Theodor Berg via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Nürnberger Hof um 1897 (innerer Hof), Urheber: Carl Friedrich Fay via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Villa von Guaita in Cronberg bei Frankfurt, 1898, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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