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Martin Flersheim

Martin Flersheim

„Ich habe Nussbaum [den Maler Jakob Nussbaum, 1873-1936], solange er noch in Frankfurt war, sehr viel gesehen, beispielsweise an den Sonntag-Abenden im Hause Martin Flersheim, des leidenschaftlichen Kunstfreundes, Kunstsammlers, Mäzens, in dessen schönem Haus mit dem pompösen Galerie-Anbau sich alle Frankfurter trafen, für die der Umgang mit Kunst ernsthafte Bedeutung hatte.“

So erinnerte sich der Kunsthistoriker Alfred Wolters (1884-1973), ab 1912 im Liebieghaus tätig und ab 1928 Leiter der Frankfurter Städtischen Galerie, an Martin Flersheim. Wie kam es dazu, dass dessen Haus so eine Bedeutung für kunstinteressierte Frankfurter hatte?

Martin Flersheim wurde am 18.4.1856 in einer Villa in der Feuerbachstraße 47 im Frankfurter Westend geboren. Sein Vater Louis war Kaufmann und Unternehmer und stammte ebenso wie seine Mutter Gitta aus Frankfurt – als Juden hatten die Vorfahren Flersheims im Frankfurter Ghetto wohnen müssen, bis dieses in der napoleonischen Zeit aufgehoben wurde, und waren dann ins Westend gezogen.

Martin Flersheim wurde Kaufmann, ebenso wie sein jüngerer Bruder Ernst, mit dem ihn später die Kunstleidenschaft verbinden sollte, und trat in das väterliche Unternehmen Flersheim-Hess ein, das auf den Import kostbarer Materialien, wie Tropenhölzern, Elfenbein oder Schildpatt, aus Übersee spezialisiert war, und auch mit daraus gefertigten Produkten handelte. Seine Frau Florence, die er 1887 heiratete, war Amerikanerin und stammte wie ihr Mann aus einem begüterten Umfeld. Im selben Jahr wurde Martin Flersheim Miteigentümer der väterlichen Firma. Geld war also in der Familie hinreichend vorhanden, sodass man sich den beiden Passionen widmen konnte, die man hatte: dem Sammeln von Büchern und dem Sammeln von Bildern. Was die Kunst anging, konzentrierten sich die Flersheims auf zeitgenössische Künstler (also solche der zweiten Hälfte des 19. Jh. und der ersten Jahrzehnte des 20. Jh.), die zum erheblichen Teil heute noch einen klingenden Namen haben – in der Sammlung fanden sich u. a. Werke von Arnold Böcklin, Vincent van Gogh, Ferdinand Hodler, Käthe Kollwitz, Franz von Lenbach, Max Liebermann, Jakob Nussbaum, Carl Spitzweg, Franz von Stuck, Hans Thoma und Wilhelm Trübner. 

Die Flersheims führten ein offenes Haus und empfingen in ihrer Villa in der Mendelssohnstraße 78 im südlichen Westend zahlreiche prominente Frankfurter, nicht nur aus der Wirtschaft, sondern auch aus dem Bereich der Literatur – darunter den Goethehausdirektor Ernst Beutler und den Schriftsteller Kasimir Edschmid – und natürlich Künstler. Sie waren u. a. mit dem eingangs erwähnten Jakob Nussbaum befreundet.

Nussbaum ist es auch, dem ein im Sommer 1904 gemaltes Porträt der Familie von Martin Flersheim zu verdanken ist. Die Jahreszeit, in der das Bild entstanden ist, spiegelt sich in ihm wider, die Flersheims halten sich in einem sonnigen Garten auf, vor einem Zaun und dem grünen Laub dahinter stehender Bäume. Im Zentrum des Bildes, schräg vor einem mit einer weißen Tischdecke versehenen Gartentisch sitzt Florence Flersheim mit hochgestecktem dunklem Haar in einem weißen Kleid, ernst und etwas streng dreinblickend, zu ihrer rechten steht ihr schnurrbärtiger Mann Martin in einem grauen Anzug, nicht den Bildbetrachter anblickend, sondern etwas mürrisch in die Ferne schauend, hinter dem Tisch sieht man die beiden Söhne, Herbert und Fritz, im Gegensatz zu dem ihrer Eltern kann man deren Gesichtsausdruck als skeptisch, vielleicht aber auch als im Ansatz fröhlich-verschmitzt interpretieren.

Martin Flörsheim war ein Frankfurter Bürger im besten Sinne, was sich auch in seinem Engagement für die Allgemeinheit zeigte. Er war Mitglied verschiedenster Frankfurter Bürgervereinigungen, vom Hochstift über die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft und den Physikalischen Verein bis hin zum Frankfurter Kunstverein und zum Städel, dessen Vorstand er angehörte. In Bezug auf das Liebieghaus und das Städel tat er sich auch als Mäzen hervor; dem Städel schenkte er Bilder von Carl Spitzweg und Otto Scholderer.

1935 starb Martin Flersheim im Alter von 79 Jahren und wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof begraben. Durch seinen Tod schon zwei Jahre nach der nationalsozialistischen Machtergreifung war er persönlich nicht mehr in größerem Umfang von den Repressalien der Nazis gegenüber jüdischen Bürgern betroffen. Florence Flörsheim und ihr Sohn Fritz wanderten 1937/38 aus, zunächst nach Amsterdam. Einen großen Teil der Kunstwerke konnten sie nicht mitnehmen, wobei auch die von den Nazis erhobene „Reichsfluchtsteuer“ eine Rolle spielte. Die Bilder, die mitgenommen und, als Florence Flersheim in die USA weiterreiste, in den Niederlanden eingelagert wurden, wurden während der deutschen Besetzung 1944 von den Nazis beschlagnahmt und waren damit ebenfalls verloren. In Bezug auf Bilder aus der Kunstsammlung der Flersheims gibt es heute Restitutionsansprüche, die sich auch auf die verlorenen Bücher beziehen. Einzelne Stücke wurden zurückerstattet. Zwei Bilder von Jakob Nussbaum, die in den Niederlanden beschlagnahmt worden waren und dann an die Familie Flersheim restituiert wurden, verkaufte diese an das Jüdische Museum im Frankfurter Rothschildpalais, wo sie heute in der Dauerausstellung zu sehen sind.

1938 wurde das Unternehmen der Flersheims „arisiert“ und 1940 das Firmengrundstück weit unter Wert verkauft. 1944 wurden Martin Flersheims Bruder Ernst und seine Frau Gertrud, die wie Florence Flersheim in die Niederlande geflohen, dann aber im Gegensatz zu dieser dort geblieben waren, im KZ Bergen-Belsen ermordet. Auch Bilder aus deren ebenfalls sehr beachtlicher Kunstsammlung sind heute Gegenstand von Restitutionsansprüchen. Florence Flersheim starb 1950 in Buenos Aires, wo sie ihre letzten Jahre bei ihrem Sohn Herbert (1887-1954) verbracht hatte. Fritz Flörsheim, der zweite verschmitzt blickende Junge auf dem Familienporträt Jakob Nussbaums, blieb in den USA und starb dort 1977 unter dem Namen Frederick G. Flersheim.

***** Textquellen:

Sabine Hock: Flersheim, Martin. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/2189<

Webseite zur Familie Flersheim auf Kunst, Raub. Rückgabe:> https://kunst-raub-rueckgabe.de/biografie/familie-flersheim< (Quelle des Eingangszitats)

Webseite zur Familie Flersheim auf lostart.de: >https://www.lostart.de/de/verlust/person/flersheim-martin-und-florence/542404<

 

Vorschaubild:

Familie Martin Flersheim Frankfurt am Main by Jakob Nussbaum 1904 via Wikimedia Comons

Bildquelle:

Exlibris Martin Flersheim Frankfurt am Main by Hans Thoma.jpg via Wikimedia Comons

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