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"... mein Leben, das allerqualvollste, das ein Mensch je geführt hat." So schrieb Heinrich von Kleist an eine seinem Herzen nahe stehende Verwandte wenige Stunden, bevor er sich mit seiner Todesgefährtin am Wannsee erschoss.

Andreas Maier

Andreas Maier

Ralph Zade

Die Wetterau, Frankfurt, Südtirol – das sind die drei Orte, um die das Schreiben von Andreas Maier kreist. Drei Orte, die, wie man sich denken kann, auch mit dem Leben des Autors etwas zu tun haben. Geboren wurde Andreas Maier 1967 in Bad Nauheim, also in der Wetterau – in diesem Frankfurt nicht fern gelegenen Landstrich hat er auch seine Jugend verbracht. Studiert hat er dann in Frankfurt – Altphilologie, Germanistik und Geschichte, promoviert wurde er über Thomas Bernhard. Zeitweise war er Referendar für Deutsch und Latein am alteingesessenen Frankfurter Heinrich-von-Gagern-Gymnasium. Südtirol lernte er erstmals im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern kennen. Er fand so viel Gefallen daran, dass er dort (in Brixen) auch zeitweise wohnte. Das Reisen bedeutet ihm, so sagte er bei der Vorstellung seines neuesten Buchs „Die Städte“ (2021), das vom Reisen handelt, dagegen nicht viel.

Autobiographisches zu verarbeiten ist für Schriftsteller nichts Ungewöhnliches, bei Maier spielt autobiographisches Material aber eine ungewöhnlich große Rolle. Das gilt vor allem für den Zyklus „Ortsumgehung“, der auf elf Bände angelegt ist, von denen bisher (April 2022), acht erschienen sind. Dabei sieht Maier selbst, anders als Teile der Literaturkritik, die ihn immer noch mit Thomas Bernhard vergleichen (was für den frühen Teil seines Werks eine Berechtigung hat), Peter Kurzeck als Referenzpunkt, der ebenso wie er einen mehrbändigen autobiographischen Zyklus verfasst hat. Kurzecks Bücher spielen, wie auch die Maiers, überwiegend in Frankfurt und seiner näheren Umgebung, haben aber, vor allem im elliptischen, vom Gestus einer nicht linearen Erinnerung geprägten Erzählung, auch Merkmale, die sie deutlich von Maiers Schreiben absetzen. Als weiteren literarischen Anreger nennt Maier den Büchnerpreisträger Arnold Stadler.

Schon der Titel von Maiers erstem Roman, „Wäldchestag“ (2000) weist unverkennbar auf das Rhein-Main-Gebiet hin. Der Wäldchestag, der Pfingstdienstag, ist eine Art Frankfurter Lokalfeiertag, spielt aber auch im Umland eine Rolle – so ist es nicht Frankfurt, sondern ein hessisches Provinzmilieu, das in diesem Roman geschildert wird. Es ist vor allem der Konjunktiv, in dem der Roman über weite Strecken gehalten ist, der in den Augen vieler Kritiker an Thomas Bernhard erinnert. Dass die Eröffnung des Testaments des verstorbenen Sebastian Adomeit, um die herum die satirische Handlung dieser Provinzposse sich abspielt, ausgerechnet am Wäldchestag stattfindet, gibt dem Werk den Namen.

Satirisch angelegt ist auch der 200 absatzlose Seiten umfassende Roman „Klausen“, der in dem gleichnamigen Ort in Südtirol spielt und ebenso wie sein Vorgänger als Provinzposse charakterisiert werden kann.

Wer sich insbesondere für die Frankfurt-Bezüge bei Maier interessiert, könnte mit „Kirillow“ (2005), Maiers drittem Roman, beginnen. Das nach einer Figur aus Dostojewskis „Dämonen“ benannte Werk changiert zwischen Satire und Ernst und unterscheidet sich schon dadurch von Maiers ersten beiden Büchern, dass es keine Schilderung der Provinz ist. Die beiden befreundeten Studenten Frank Kober und Julian Nagel ziehen durch studentische Milieus in Frankfurt, Kneipen und Partys, es wird viel geredet, teilweise Belangloses, teilweise schlägt Geschwätz aber auch in Ernsthaftes um – es geht um die Unterscheidung von wahrem und falschem Leben, um ganz große Fragen also. Eine Rolle spielen dabei auch aus Russland stammende Freunde der Studenten, was den Titel mit erklärt. Das Ende ist tragisch – bei einer Demonstration gegen einen Castor-Transport im Wendland kommt Frank ums Leben. Die Mischung aus Belanglosigkeit und großem Anspruch, der dann aber nicht zu wirklichen Konsequenzen führt, dürfte für Leser, die ähnliche Milieus kennen, einen Wiedererkennungswert haben. Wer Frankfurt kennt, findet hier überdies viel Lokalkolorit – West- und Nordend, Bornheim, Ginnheim und Sachsenhausen sind die Stadtteile, zwischen denen die Protagonisten sich bewegen und in denen nicht nur Straßennamen, sondern auch konkrete Orte wie etwa die Apfelweinkneipe Zur Stalburg in der Glauburgstraße aufscheinen.

Im 2006 erschienenen Band „Ich“, der die Frankfurter Poetikvorlesungen Maiers wiedergibt, die der Literaturwissenschaftler Steffen Martus als „Dokument der Wut und der Trauer eines Schriftstellers, der sich missverstanden fühlt“ charakterisierte, lassen sich die Einflüsse in seinem Schriftstellerleben nachvollziehen – sie reichen von Lukrez über das Matthäusevangelium und Dostojewski bis zu Wolf Schmidt, dem Schöpfer der Fernsehserie „Die Familie Hesselbach“, die in den 60er Jahren das Kleinbürgermilieu in der hessischen Provinz nach dem Krieg porträtierte. Damit ist das Spektrum, das Maiers Schreiben abdeckt, gut beschrieben: Vieles spielt in hessischen Kleinbürgerprovinzmilieus und ist auch mit liebevoller Dialektwiedergabe geschildert, dennoch sind Maier die großen Fragen – auch die moralischen – nicht fremd.

Mit dem Roman „Das Zimmer“ (2010) begann Maier dann sein bereits erwähntes, elfbändiges autobiographisches Großprojekt, das er mit „Das Haus“ (2011), „Die Straße“ (2013), „Der Ort“ (2015) und „Der Kreis“ (2016) fortsetzte. Mit „Die Universität“ (2018), dem sechsten Band, widmete er sich wieder Frankfurt und seinem Studentenmilieu – wer Ende der 80er Jahre an der Goethe-Universität studierte, und sich in Bockenheim und drumherum bewegte, wird hier mehr als nur einen Wiederkennungsmoment haben. Es geht hier aber nicht nur um eine liebevolle Milieubeschreibung, sondern auch um eine Ichfindung. Ob der Autor wirklich, wie es hier berichtet wird, als Pflegekraft bei Gretel Adorno, der Witwe von Theodor W. Adorno, gearbeitet hat, steht dahin – jedenfalls kannte er Gretel Adorno persönlich, wie er in Interviews zu erkennen gab. Fortgesetzt wurde die „Ortsumgehung“ dann mit den Bänden „Die Familie“ (2019) und „Die Städte“ (2021) – drei Bände stehen noch aus. Anders als Peter Kurzeck dürfte Andreas Maier seinen autobiographischen Zyklus zu Ende bringen.

 

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Textquellen:

Autorenseite bei Suhrkamp abgerufen von >https://www.suhrkamp.de/person/andreas-maier-p-3056< am 12.10.2022.

Artikel im „Freitag“ zu „Wäldchestag“ und „Klausen“ abgerufen von >https://www.freitag.de/autoren/thomas-rothschild/ein-deutscher-in-sudtirol< am 12.10.2022.

Kritik zu „Kirillow“ auf literaturkitik.de: abgerufen von >https://literaturkritik.de/id/9120< am 12.10.2022.

Buchkritiken zu Werken Maiers auf perlentaucher.de: abgerufen von >https://www.perlentaucher.de/autor/andreas-maier.html<

Interview mit Lisa-Maria Seydlitz: >https://archive.ph/20130211235438/http://www.subpool.de/data/m_artikel.php?id=84#selection-595.164-595.606< abgerufen von 12.10.2022.

TAZ-Kritik zu „Die Universität: abgerufen von >https://taz.de/Andreas-Maiers-Roman-Die-Universitaet/!5489831/< am 12.10.2022.

Interview zu „Die Universität“ beim Deutschlandfunk: abgerufen von >https://www.deutschlandfunkkultur.de/andreas-maier-die-universitaet-das-hamsterrad-der-100.html< am 12.10.2022.

Bericht zu „Die Städte“ auf Südtirol News: abgerufen von >https://www.suedtirolnews.it/unterhaltung/kultur/aus-dem-zimmer-hinaus-in-die-welt-die-staedte-von-andreas-maier< am 12.10.2022.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Andreas-Maier-Schriftsteller_cropped, 2010, Urheber: Andreas-Maier-Schriftsteller.jpgPhotographerFFM via Wikimedia Commons CC BY 3.0.

Andreas Maier auf dem Erlanger Poetenfest 2019, Urheber: Amrei-Marie via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Frankfurt-Waeldchestag, 2006 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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