In der Kunstgeschichte hat es immer wieder einmal Frauen gegeben, die sich auf künstlerisch hohem Niveau und mit naturwissenschaftlicher Exaktheit der Darstellung von Pflanzen verschrieben – man denke nur an die zu ihrer Zeit hochberühmte Stilllebenmalerin Rachel Ruysch (1664-1750), die 2024 durch eine große Ausstellung ihrer Blumenbilder in München nach langer Vergessenheit wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet, oder an die aus Frankfurt stammende Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian (1647-1717). Auch im 19. Jahrhundert gab es solche Frauen. Unter ihnen ragt die Frankfurterin Elisabeth Schultz (1817-1898) heraus.
In der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft befinden sich 1262 Gouachen, die zusammen den „Atlas der wildwachsenden Pflanzen aus der Umgebung von Frankfurt am Main“ bilden, ein einzigartiges Zeugnis der Flora in Frankfurt und seiner Umgebung im 19. Jahrhundert. Seitdem sind nicht nur viele Arten hinzugekommen – ob sogenannte invasive Arten eine Bereicherung darstellen oder eine Bedrohung ist eine vieldiskutierte Frage – sondern es sind auch viele ausgestorben oder zumindest selten geworden. Es ist also von großem Wert, dass man diese Darstellungen hat, die den wissenschaftlichen Kriterien des 19. Jahrhunderts entsprechen. Die einzigartige Sammlung stammt aus dem Nachlass von Elisabeth Schultz, die, wie es nur selten vorkommt, naturwissenschaftliche und künstlerische Begabung vereinte.
Schultz wurde am 12.5.1817 als jüngste von drei Schwestern geboren. Ihr Vater war der Weinhändler Karl Heinrich Schultz, der über eine Kunstsammlung mit Bildern alter Meister verfügte, die er auf seinen zahlreichen Reisen erworben hatte. Dadurch wurde ihr früh ein Zugang zur Kunst eröffnet. So kam es, dass sie nach ihrer Schulzeit an der Katharinenschule an das Bercht’sche Institut wechselte, eine Lehranstalt, in der Mädchen das Zeichnen lernen konnten. Die Möglichkeit, zur künstlerischen Ausbildung ans Städel zu gehen, war ihr verschlossen, da Mädchen und Frauen dort erst deutlich später, seit 1869, aufgenommen wurden.
Die künstlerische Begabung hatte Elisabeth Schultz vom Vater, die naturwissenschaftliche von ihrer Mutter, Elisabeth Catharina Schultz, geborene Schubert, unterstützt wurde sie überdies von deren Freundin Amalie Mosche. Schon mit sechs Jahren soll die kleine Elisabeth sich für Blumen interessiert haben, ein weiteres ihrer Interessen galt Vögeln und deren Stimmen, anhand derer sie bald zahlreiche Arten identifizieren konnte. Ein Vorbild für sie war die bereits genannte, ebenfalls aus Frankfurt stammende Maria Sibylla Merian, die in ähnlicher Weise wie sie selbst es später tun sollte, Künstlertum und naturwissenschaftliche Recherche miteinander verbunden hatte, wenn auch mit mehr Öffentlichkeitswirkung als es Elisabeth Schultz dann vergönnt sein sollte. Der Hinweis auf deren Werk kam von Amalie Mosche.
Am Bercht’schen Institut war Elisabeth geradezu eine Musterschülerin und wurde nicht nur wegen ihrer Fähigkeiten sondern auch wegen ihres Charakters geschätzt. Nur einmal geriet sie in Misskredit: Sie weigerte sich, Pflanzen nach Vorlagen zu zeichnen, wie es in den unteren Klassen üblich war, und wollte Zeichnungen direkt nach der Natur anfertigen, was sie am Ende dann auch durchsetzen konnte. Die allgemeine Anerkennung, die sie mit ihrer Begabung fand, führte dazu, dass sie mit 14 Jahren jüngere Schülerinnen unterrichten durfte, wofür ihr das Schulgeld erlassen wurde. Das war für ihre Familie, deren Finanzlage sich sehr verschlechtert hatte, eine große Hilfe.
Am Institut wurde Elisabeth Schultz durch Nikolaus Hoff (1798-1873) unterrichtet, einen Künstler, der u. a. als Kupferstecher tätig war. Auch Ursula Magdalena Reinheimer (1777-1845), eine Malerin, die ebenfalls am Institut Zeichnen lehrte, beeinflusste sie. Reinheimer soll maßgeblich an der Erlaubnis, nach der Natur zu zeichnen, beteiligt gewesen sein.
Ihre nächste Ausbildungsstation führte Elisabeth Schultz in die Schweiz. 1835-1837 besuchte sie das Institut der Madame Niederer in Genf. Eigentlich sollte sie dort in erster Linie Französisch lernen – die damals maßgebliche moderne Fremdsprache, die von der Funktion her dem Englischen heutzutage gleichkam – sie bekam dort aber eine weiter gefasste Ausbildung, die auch Naturwissenschaftliches und die Blumenmalerei umfasste. Letztere interessierte Elisabeth besonders – sie nutzte die Gelegenheit, um die Alpenflora zu malen.
Nach dem Tod ihres Vaters 1837 kehrte Elisabeth Schultz nach Frankfurt zurück. Sie setzte ihre künstlerische Ausbildung fort und übernahm gleichzeitig am Bercht’schen Institut den Zeichenunterricht von Ursula Magdalena Reinheimer. Nachdem sie auch an verschiedenen anderen Instituten gelehrt hatte, verlegte sie sich auf privaten Zeichenunterricht für die höheren Töchter Frankfurts – diesen gab sie jahrzehntelang. Einige außerhalb ihres Hauptwerks stehende Bilder fanden als Reproduktionen weite Verbreitung.
1843 zog sie mit ihren beiden Schwestern zusammen, die als Erzieherinnen tätig waren. Die mittlere Schwester, Emilie, half ihr bei dem, was sie als ihre eigentliche Lebensaufgabe ansah – die Dokumentation der Flora in Frankfurt und seinem Umland. Aber auch Wissenschaftler unterstützten ihr Unterfangen mit der Zulieferung seltener Arten. Besondere Schwierigkeiten bereitete das Auffinden einiger Orchideenarten.
1897, ein Jahr vor ihrem Tod, wurde Elisabeth Schultz außerordentliches Ehrenmitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. Sie vermachte ihre Bilder der Gesellschaft, mit der Auflage, sie gelegentlich auszustellen. Heute befinden sie sich im Herbarium Senckenbergianum des Forschungsinstituts Senckenberg. Sie werden, zumindest in Teilen, auch immer wieder einmal gezeigt, zuletzt 2021 im Rahmen der Ausstellung „Frankfurter Gartenlust“ des Historischen Museums Frankfurt.
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Textquellen:
Hock, Sabine: Elisabeth Schultz. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe) abgerufen von >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1165< am 13.05.2026
Nekrolog auf Elisabeth Schultz in den Blättern der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft Frankfurt 1899 abgerufen vom >https://www.zobodat.at/biografien/Schultz_Elisabeth_Berichte-der-Senckenberg-naturf-Ges-Frankfurt_1899_CXXXIV-CXLIII.pdf< am 13.05.2026
Webseite Frankfurter Frauenzimmer abgrufen von >http://www.frankfurterfrauenzimmer.de/cp10-detail.html?bio=bj< abgerufen am 13.05.2026
Webseite des Historischen Museums Frankfurt abgerufen von >https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/pflanzen-malen/< am 13.05.2026
Bildquellen:
Vorschaubild: Elisabeth Schultz, 1899, bereitgestellt von: SecretServiceLH am 09.10.2025 via Wikimedia Commons CC0; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.
Elisabeth Schultz Papaveraceae, bereitgestellt von: SecretServiceLH am 09.10.2025 via Wikimedia Commons CC0.