Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts startete der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes (1846-1915) ein ambitioniertes Projekt. Auf einem großen, am Main gelegenen Areal im heutigen Stadtteil Fechenheim sollte der Frankfurter Osthafen entstehen. Der Bau des eigentlichen Hafens sollte mit der Entstehung eines ausgedehnten neuen Industriegeländes verbunden werden. Aus Kostengründen konnten nicht alle der ursprünglichen Pläne realisiert werden. So musste Adickes 1910 dem Frankfurter Magistrat ein Sparkonzept vorlegen, das, wie der „General-Anzeiger der Stadt Mannheim“ berichtete, auf den ursprünglich geplanten, „teuren Floßhafen“ verzichtete „und sich mit einer offenen Floßlandestelle in kleinerem Maßstab“ begnügte. Anstatt eines größeren Wasserindustriegeländes sah das veränderte Projekt „vor allem ein großes Binnen-Industrieviertel vor.“ Das Wasserindustriegelände umfasste schließlich 55 Hektar, während das Binnenindustriegelände mit 200 Hektar deutlich größer war. Der Rest des ursprünglich mitgeplanten Floßhafens, eine Landestelle für Floßholz, verblieb östlich des Industriebeckens am Mainufer. Die Reduzierung der ursprünglichen Pläne rechnete sich: es wurden fast 3 Millionen Reichsmark gespart.
Nicht gespart wurde dagegen bei der feierlichen Einweihung des Areals in Anwesenheit des Kaisers im Mai 1912. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ berichtete am 23. Mai über ein auch die Innenstadt umfassendes Spektakel, das typisch war für die gleichzeitige Technik- wie Geschichtsverliebtheit der Zeit: „Die Einweihung des Osthafens, die heute Vormittag mit der Grundsteinlegung für den Neubau der alten Mainbrücke auf der Maininsel begonnen hatte, fand um 3 Uhr nachmittags durch Korsofahrten der Festdampfer nach dem Osthafen ihren offiziellen Abschluss. Hieran anschließend erfolgte heute Abend um 8 Uhr die Festauffahrt sämtlicher Rudervereine Frankfurts vor der Maininsel. Die Boote fuhren von dort zum Osthafen, begleitet von der Dampferflotille um dem dortselbst veranstalteten Feuerwerk beizuwohnen. Die beiden Ufer des Mains, die bengalisch beleuchtet waren, boten einen prachtvollen Anblick. […] In den Römerhallen fand abends um 11 Uhr die Aufführung eines historischen Festspiels statt, nach welchem der Chor der Bachgemeinde in mittelalterlichen Kostümen mehrere Gesänge und Volkslieder vortrug. Bis in die späten Nachtstunden wogte eine zahlreiche Menschenmenge an den Ufern des Mains auf und ab, ebenso auf dem Römerberg.“ Auf dem Binnenindustriegelände waren unter anderem ein zweites städtisches Elektrizitätswerk, eine Müllverbrennungsanlage und ein Gaswerk, das spätere „Gaswerk Ost“, geplant worden. Dass die Hafengebäude nicht einfach gesichtslose Zweckgebäude waren, sondern durchaus architektonisch ambitioniert, sieht man vor allem am Gaswerk Ost. Die Gewinnung von Gasenergie war seit dem 19. Jahrhundert nicht nur in Frankfurt ein wichtiges Thema. Bereits im frühen 19. Jahrhundert wurden in England und in den USA erste Gaswerke errichtet. 1813 gab es in London erste Gaslaternen. Auf dem europäischen Kontinent wurde seit 1825 in Hannover erstmals Gas produziert. Auch in Frankfurt gab es bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Gaswerk. In den folgenden Jahrzehnten vervielfachte sich die Zahl der Gaswerke in Deutschland und in großen Städten wie Frankfurt waren mehrere Gaswerke nötig, um dem Bedarf gerecht zu werden.
Für den Entwurf des Gaswerks am Osthafen war der bekannte Architekt, Maler, Designer und Typograf Peter Behrens (1868-1940) gewonnen worden, der nach Stationen in Darmstadt und Düsseldorf seit 1907 in Berlin tätig war. Er entwarf ein in zwei Bereiche gegliedertes Bauensemble mit Verwaltungsgebäuden (Direktion, Pförtnerhaus, Verwaltung, Badegebäude und Kantine) entlang der Straßenfront und dahinterliegenden Produktionsgebäuden. Die Gebäude an der Straße wurden mit dunklen und gelblichen Klinkern an den Fassaden aufwändiger als die von der Straße aus nicht oder nur teilweise sichtbaren Produktionsgebäude gestaltet. Dadurch, dass das Gaswerk Ost am neuen Osthafen lag, verfügte es über einen logistisch sehr vorteilhaften Bahnanschluss und eine eigene Schiffsentladungsanlage. 1926/27 erhielt das Gaswerk, das einen wichtigen Schritt in Richtung Moderne in der Frankfurter Industriekultur markiert, mehrere adäquate zusätzliche Gebäude, nämlich eine von Adolf Meyer (1881-1929), einem Schüler von Peter Behrens, gestaltete Kokerei. Sie bestand aus in - jeweils einem eigenen Gebäude untergebrachtem - Kohlensilo, Mahlanlagen, Kohlenbehälter und Förderbändern aus Eisenbeton, Klinker und Eisenfachwerk. An den Gebäuden sollten Betrachter auch den Produktionsprozess von Gas ablesen können.
Dadurch, dass Frankfurt seinen Gasbedarf seit den 70er Jahren mit Erdgas deckte, war das Gaswerk Ost überflüssig geworden. Die Gebäude wurden teils abgerissen, teils verfielen sie, obwohl die an der Straße gelegenen Gebäude unter Denkmalschutz gestellt worden waren. Heute existieren von der ursprünglichen Anlage nur noch die an der Straße gelegenen, von Peter Behrens entworfenen Gebäude, die in der Vergangenheit zwar teilweise restauriert wurden, aber dennoch weiter restaurierungsbedürftig sind. Sie können – von außen – besichtigt werden.
Adresse:
Schielestraße 18
60314 Frankfurt am Main
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Textquellen:
Anderson, Stanford: Peters Behrens and a New Architecture for the Twentieth Century. Cambridge, Massachusetts/ London, 2000.
Das neue Frankfurter Osthafenprojekt In: General-Anzeiger der Stadt Mannheim und Umgebung. Samstag. 18.6.1910. S. 6.
Föhl, Axel: Die Gasversorgung. In: Technik und Wirtschaft. Hg. von Ulrich Wengenroth, Düsseldorf 1993.
Technik und Kultur Bd. 8, S. 528-540 Frankfurt a. M., 8. Jan. In: Hamborner Volkszeitung. Donnerstag 9.1.1913, S. 3.
Frankfurt a. Main, 23. Mai In: Norddeutsche allgemeine Zeitung. Samstag, 25.05.1912, S. 2.
Frankfurt-Lexikon. Hg. von Waldemar Kramer. 6. Aufl., Frankfurt a. M., 1973.
Rutkowski, Peter: Behrens’ vergessene Baukunst. In Frankfurter Rundschau. Online. Stand. 30.01.2019, 04:29 Uhr abgerufen von >https://www.fr.de/rhein-main/behrens-vergessene-baukunst-11603719.html< am 19.01.2026.
Bildquellen:
Vorschaubild: Frankfurt-Fechenheim, Gaswerk Ost, 2016, Urheber: Karsten Ratzke via Wikimedia Commons CC0 1.0 Universal.
Frankfurt-Fechenheim, Gaswerk Ost (1), 2016, Urheber: Karsten Ratzke via Wikimedia Commons CC0 1.0 Universal.