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Luther im Himmel

Das jünste Gericht

Christoph Werner

Der große Reformator steht vor dem jüngsten Gericht; er ist angeklagt, auf Erden wahrhaft unchristlich gehandelt zu haben, da er Hexen, Juden und andere Gegner zu ersäufen oder zu pfählen empfahl. Nun muss er sich vor Gott rechtfertigen, warum er gegen das biblische Gebot der Nächstenliebe verstoßen habe.

Jüdisches Museum

Jüdisches Museum

Ralph Zade

Frankfurt hat eigentlich zwei jüdische Museen – das im Rothschild-Palais, um das es hier gehen soll, und das Museum Judengasse. Das hat angesichts der großen Bedeutung, die die jüdische Kultur in Frankfurt über die Jahrhunderte hatte, auch seine Berechtigung. Die beiden Museen bilden dabei streng genommen eigentlich ein einheitliches, denn sie stehen unter derselben Leitung und die Ausstellungen sind aufeinander abgestimmt. Während das Museum Judengasse die jüdische Kultur in Frankfurt bis zum beginnenden 19. Jahrhundert zum Gegenstand hat, also die Zeit, in der Frankfurter Juden gezwungen waren, im Ghetto zu leben (über dessen Überresten sich das Museum befindet), nimmt das Jüdische Museum im Rothschild-Palais am Untermainkai die Zeit danach in den Blick. Zum Museumsverbund gehört auch die Gedenkstätte an der ehemaligen Großmarkthalle, die sich an der Europäischen Zentralbank befindet – an diesem Ort wurden während des Zweiten Weltkriegs Juden zusammengetrieben, registriert und ausgeplündert, bevor sie in Konzentrationslager verschleppt wurden.

Das Jüdische Museum im Rothschild-Palais wurde 1988 eröffnet und ist damit nach dem Jüdischen Museum in Basel das älteste heute bestehende Jüdische Museum im deutschen Sprachraum. Die jetzige Dauerausstellung ist aber viel jünger – sie ist das Ergebnis einer 2015 bis 2020 vorgenommenen vollständigen Neugestaltung, die auch die Errichtung eines als Lichtbau bezeichneten Erweiterungsbaus umfasste, über den nun der Zutritt ins Museum erfolgt. Zwischen Erweiterungsbau und Altbau ist ein neuer, dreieckiger Platz entstanden. Das klassizistische Gebäude selbst hat eine jüdische Geschichte, denn es wurde 1820 von dem Stadtbaumeister Johann Friedrich Christian Hess für den jüdischen Bankier Joseph Isaak Speyer erbaut; 1846 erwarb es dann Mayer Carl von Rothschild, von dem die heutige Bezeichnung als Rothschild-Palais herrührt. Drei aus dieser Zeit erhaltene Räume sind in die Ausstellung eingegliedert, auch andere Teile der Innenausstattung sind erhalten. Im Palais, das heute mit dem Nebengebäude verbunden ist, auf das sich die Ausstellung erstreckt, befand sich zwischenzeitlich eine Bibliothek.

Die Sicherheitskontrolle am Eingang zeigt ebenso wie das Polizeifahrzeug vor der Tür, dass jüdisches Leben in Deutschland leider immer noch Bedrohungen ausgesetzt ist. Wenn man die Eingangskontrolle und die Kasse im großzügigen Foyer, in dem sich auch die „Literaturhandlung im Jüdischen Museum“ befindet, passiert hat, begibt man sich nach oben, in den dritten Stock des Altbaus, in dem die Ausstellung beginnt. „Geschichte und Gegenwart“ ist das Motto, unter dem die Präsentation in diesem Geschoss steht, eine Ausstellung, die umgekehrt chronologisch beginnt, mit der Gegenwart also, und zurück bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts führt. Die Wiedererstehung jüdischen Lebens in Frankfurt nach der Shoah – heute ist Frankfurt wieder eines der wichtigsten jüdischen Zentren Deutschlands – wird ebenso thematisiert wie die Zeit des Nationalsozialismus, die sich anhand von individuellen Biographien nachempfinden lässt. In der Zeit davor war die Bedeutung jüdischer Intellektueller und Künstler in Frankfurt enorm – deutlich wird das u. a. an der Kunstausstellung, in der die Werke des Expressionisten Ludwig Meidner (1884-1966), der künstlerische Avantgarde und strenggläubiges Judentum miteinander verband, vor allem aber die Bilder von Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882), der gemeinhin als erster jüdischer Maler gilt, besondere Highlights bilden. Die Aufhebung der Ghettoisierung führte, wie man an dem noch im (Hanauer) Ghetto geborenen Oppenheim sehen kann, zu einer Explosion der Kreativität, die dem deutschen Kulturleben bis 1933 zahlreiche Impulse gab.

Das zweite Obergeschoss, in das man sich dann begibt, steht unter dem Ausstellungsmotto „Tradition und Ritual“. Neben der Präsentation jüdischer Kultgegenstände wird hier der Frage nachgegangen, was Jüdinnen und Juden heute heilig ist. Neu sein dürfte manchem, dass mit der Neu-Orthodoxie in Frankfurt eine Strömung entstand, die heute weltweit von Bedeutung ist. In mancher Hinsicht überraschend ist auch die Videopräsentation, in der vier Rabbiner und eine Rabbinerin, die verschiedene Strömungen des Judentums vertreten, Fragen beantworten. So werden zum Beispiel Legitimität und Zulässigkeit einer gleichgeschlechtlichen Ehe durchaus unterschiedlich eingeschätzt

Das erste Obergeschoss schließlich widmet sich dem Thema „Familie und Alltag“, indem es drei Frankfurter Familien herausgreift: die Bankiersfamilie Rothschild, der das Palais einst gehörte, die Familie von Anne Frank und die Familie des durch das Buch „Kaiserhofstraße 12“ bekannt gewordenen Schriftstellers Valentin Senger. Die Spannbreite ist hier sehr groß – die Rothschilds gehörten zur absoluten Oberschicht der Stadt, die Franks waren eine bürgerliche Kaufmannsfamilie und die Familie Valentin Sengers, der Kommunist war, stammte aus Osteuropa. Die Familie Frank nannte, wie man hier sehen kann, ein Bild des impressionistischen Malers Jakob Nussbaum (1873-1936) ihr eigen, eines weiteren bedeutenden jüdischen Künstlers, der durch die Nazis aus Frankfurt vertrieben wurde. Alltagsgegenstände, Briefe und Bilder geben einen Einblick in das Leben der Familie Anne Franks, von der viele vielleicht gar nicht wissen, dass sie aus Frankfurt stammte. Im Kontrast mit den beiden anderen Familien entsteht ein Bild jüdischen Lebens in Frankfurt. Wie schon bei den Antworten der Rabbiner im Geschoss darüber wird hier deutlich, dass dieses Leben von großer Variabilität geprägt war und ist.

Wer nun noch Zeit hat, kann ins Untergeschoss fahren, in dem die Wechselausstellungen des Hauses zu sehen sind. Und wer das Museum dann verlässt, kann einen Teil der Ausstellung mitnehmen – das innovative Konzept „Museum to go“ ermöglicht es, mittels einer Speicherkarte, die man am Eingang erhält, Multimediainhalte, die von Filmen über Audioaufnahmen bis hin zu Kochrezepten reichen, mit nach Hause zu nehmen und am heimischen Computer abzurufen. Vielleicht will man aber vorher noch Zeit im koscheren Café FLOWDELI oder in der Bibliothek des Museums verbringen.

 

Adresse: 

Bertha-Pappenheim-Platz 1

60311 Frankfurt am Main

 

Öffnungszeiten:

Di - Fr / So 10:00 - 17:00 Uhr
Mo / Sa geschlossen

 

*****

Textquellen:

Website des Jüdische Museums abgerufen von >https://www.juedischesmuseum.de/< am 21.12.2022.

Wenzel, Mirjam;  Kößling, Sabine; Backhaus, Fritz: Jüdisches Frankfurt: Von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Katlog zur Dauerausstellung), Verlag C.H.Beck, München, 2020.

FAZ-Bericht zur Wiedereröffnung: abgerufen von >https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/wiedereroeffnung-des-juedisches-museums-frankfurt-16997899.html< am 21.12.2022.

 

Bildquellen: 

Vorschaubild: Jüdisches Museum in Frankfurt am Main, 2007, Urheber: dontworry via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Frankfurt Jüdisches Museum.Norden.20130603, 2013, Urheber: Epizentrum via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Das neue Jüdische Museum am Bertha-Pappenheim-Platz, 2021, Urheber: Thomas Kroemer via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

 

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