In einem lateinischen Gedicht des humanistischen Buchhändlers Henri Estienne (Henricus Stephanus, 1531-1598) aus dem Jahr 1574 wird die Stadt Frankfurt über alles gelobt, Frankfurt heißt es in „Francofordiense emporium“, sei das Athen Deutschlands, das Athen Frankfurts aber, heißt es weiter, sei die Buchgasse. Und wenige Jahrzehnte später berichtete Thomas Coryat(e) (1577/1579-1617), ein englischer Reisender, von der „unendliche(n) Menge Bücher“, die er dort gesehen habe, und er verglich die Buchgasse unter anderem mit der berühmten Merceria in Venedig, fand das Angebot in der Buchgasse aber besser. Was war das für eine Gasse, für die offenbar auch sehr hoch gegriffene Vergleiche nicht unangemessen zu sein schienen?
Es handelte sich ursprünglich nicht um eine eigenständige Gasse, sondern um das untere, von der Münzgasse bis zur Leonhardskirche reichende Ende des Kornmarktes, an dem sich seit dem 16. Jahrhundert Angehörige des Buch- und Druckgewerbes niedergelassen hatten. Nach und nach etablierte sich dafür der Name Buchgasse. Auch in den anliegenden Gassen gab es Buchhändler, und nicht zuletzt hatte die Frankfurter Buchmesse ihren Ursprung am unteren Frankfurter Kornmarkt, einer Gegend, die damals mit prächtigen Patrizierhäusern bebaut war. Die Buchmesse wurde dort seit 1480 zweimal im Jahr veranstaltet und wurde bald von internationalen Buchhändlern und Buchkäufern besucht. Was Thomas Coryat beschrieb, bezog sich auf das Buchangebot, das er dort während einer Messe gesehen hatte. Bekannt war die Frankfurter Buchmesse nicht zuletzt aufgrund ihrer Überkonfessionalität, die dem Status Frankfurts als Freie Reichsstadt zu verdanken war. So waren dort schon früh die Schriften Luthers erhältlich. Neben dem Buchverkauf dienten die Buchmessen immer auch dem intellektuellen Austausch zwischen Autoren und zwischen Autoren und ihren Verlegern.
Eines der bekanntesten Gebäude der Buchgasse war das Gasthaus „Zum Strauß“, vorher als Haus Gishubel bekannt, in dem Luther, als es noch nicht seinen charakteristischen Namen hatte, mehrfach eingekehrt war. Später errichtete die Familie Bethmann an dieser Stelle den im Stil des Neobarock gehaltenen Bethmannhof, der nach dem Zweiten Weltkrieg in vereinfachter Form wiederaufgebaut wurde. Für den Frankfurter Buchhandel bedeutete der Dreißigjährige Krieg einen großen Einschnitt. Immer mehr Buchhändler wanderten danach aus der Frankfurter Buchgasse ab und zogen in andere Städte, und auch die Dominanz der Frankfurter Buchmesse endete. Die wichtigste und in Europa bekannteste Buchmesse wurde jetzt die Leipziger Buchmesse, und die Frankfurter Buchmesse wurde im Jahr 1750 sogar ganz eingestellt.
Das heißt allerdings nicht, dass die Buchgasse damals ganz aufhörte, ein Ort des Buchhandels und Buchdrucks zu sein. So verzeichnet auch noch das „Adress-Buch von Frankfurt a. M. mit Bockenheim, Bornheim, Oberrad und Niederrad“ aus dem Jahr 1877 Buchhandlungen und Firmen aus dem buchnahen Gewerbe, die in der Buchgasse ansässig waren: In der Buchgasse 3 war der Sitz der Buchhandlung Wilhelm Erras sowie die Niederlassung der Gesellschaft für Verbreitung nützlicher Volks- und Jugendschriften, in der Buchgasse 11-13 war die Papier- und Schreibmaterialien-Handlung F. Flinsch ansässig und in der Buchgasse 18 die Druckerei J. C. Böhler. Inzwischen hatten sich in der Buchgasse aber auch andere Gewerbezweige etabliert wie der Weinhandel. Das Adressbuch verzeichnet in der Buchgasse 16 die Weinhandlung B. J. Mayer und in der Buchgasse 18 die Weinhandlung Ortelli & Maspoli. Am alten Sitz der Druckerei Böhler in der Buchgasse 18 etablierte sich im Frühjahr 1881 die Druckerei Gebrüder Knauer, die unter anderem damit warb, dass sie über eine Schnellpresse verfügte. Später zog die Firma an den Holzgraben 31.
Heute gibt es keine Buchhandlung mehr in der eher unspektakulär wirkenden Frankfurter Buchgasse, in der anstatt der prächtigen Patrizierhäuser heute die Nachkriegsarchitektur dominiert. Immerhin gibt es an der Buchgasse 2 einen der zahlreichen Frankfurter Öffentlichen Bücherschränke, und gegenüber der St. Leonhardskirche erinnert seit 2008 eine von Franz Mon (1926-2022) entworfene Glasstele an den Ursprung der Frankfurter Buchmesse in der Buchgasse.
*****
Textquellen:
Adress-Buch von Frankfurt a. M. mit Bockenheim, Bornheim, Oberrad und Niederrad, 1877.
Die freie Stadt Frankfurt am Main nebst ihren Umgebungen: Ein Wegweiser für Fremde und Einheimische, Mit Stahlstichen, Frankfurt a. M., 1840.
Dietz, Alexander: Frankfurter Handelsgeschichte, Frankfurt a. M., 1910.
Frankfurt am Main: Die Geschichte der Stadt in neun Beiträgen, Frankfurt a. M., 1991.
Frankfurt-Lexikon: Hg. von Waldemar Kramer, 6. Aufl. Frankfurt a. M., 1973.
Nordmeyer, Helmut; Roever, Jan: Frankfurt am Main gestern und heute, Gudensberg-Gleichen, 2004.
Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main, von Johann Georg Battonn, Aus dessen Nachlasse herausgegeben von dem Vereine für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt a. M. durch den zeitigen Director desselben Dr. jur. L. H. Euler, 5. Heft, Frankfurt a. M., 1861.
Stephanus, Henricus: Francofordiense emporium sive Francofordienses nundinae, o. O., 1574.
Weidhaas, Peter: A history of the Frankfurt Book Fair, Toronto, 2007.
>https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Buchmesse#Geschichte < abgerufen am 16.03.2026.
>https://de.wikipedia.org/wiki/Kornmarkt_(Frankfurt_am_Main)< abgerufen am 16.03.2026.
>https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Coryat < abgerufen am 16.03.2026.
>https://www.kunst-im-oeffentlichen-raum-frankfurt.de/de/page205.html?id=356&stadtteil=9 < abgerufen am 16.03.2026.
>https://frankfurt.de/adressen/buecherschrank-altstadt-buchgasse < abgerufen am 16.03.2026.
Bildquellen:
Vorschaubild: Frankfurt Altstadt-Position-Roemer-Ravenstein1861 (links unten die Buchgasse), Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Public Domain.
Mk Rathaus Buchgasse, 2007, Urhheber: Magadan (Michael König) via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.
Frankfurt Am Main-Buchgasse-Schueppengasse-Haus zum Strauss-vor 1896, etwa 1896, Urheber: Bertha Bagge via Wikimedia Commons gemeinfrei.
Bücherschrank Buchgasse 2, Altstadt, Frankfurt am Main, 2024, Urheber: IMOCxp via Wikimedia Commons CC0 1.0 Universal.