Als Landstraße mit einer Adjektiv-Städtebezeichnung pflegte man früher Straßen zu benennen, die zu dem auswärtigen Ort führten, der ihnen den Namen gab. Und so ist es auch hier. Die Mainzer Landstraße war die Straße, auf der man von Frankfurt nach Mainz gelangen konnte. Heute kommt man als Autofahrer von Frankfurt aus am schnellsten über die A 66 nach Mainz, und um dorthin zu fahren, nutzt die Straße praktisch niemand mehr. Der Name ist also nur noch eine historische Reminiszenz und die Mainzer Landstraße führt auch nur bis Höchst, das freilich früher Mainzer Gebiet war. Sie ist heute in erster Linie eine Verbindungsstraße zwischen der Frankfurter Innenstadt – ihren Ausgang nimmt sie an der Taunusanlage, gegenüber den Zwillingstürmen, die den Sitz der Deutschen Bank beherbergen – und den westlichen Teilen Frankfurts.
Die mit 8,3 km zweitlängste Straße Frankfurts – länger ist nur die Homburger Landstraße – existiert schon jahrhundertelang. Zwischen 1746 und 1750 wurde sie zu einer Chaussee ausgebaut, d. h. zu einer ausgebauten Fahrstraße, bei der nicht nur die Fahrbahndecke, sondern auch der Unterbau künstlich geschaffen und durch Entwässerungsgräben Feuchtigkeit abgeleitet wurde. Ende des 18. Jahrhunderts soll die Straße von Frankfurt nach Mainz eine der am besten ausgebauten Straßen in ganz Deutschland gewesen sein. Johann Kaspar Riesbeck (1754-1786) beschrieb sie in seinem 1783 erschienenen, seinerzeit sehr populären Werk „Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland“ so (der Autor gab sich hier als Übersetzer aus – er war kein Franzose, sondern in Höchst geboren und damit in gewisser Weise Frankfurter, nach den damaligen Besitzverhältnissen allerdings Mainzer):
„Das Land zwischen hier und Frankfurt, besonders in der Nachbarschaft von Mainz, ist eines der reichsten, die ich in Deutschland sah, und
die Straße ist die beste und schönste, auf welcher ich noch in Deutschland ritterlich ausgezogen. Bis auf eine Stunde von Frankfurt ist sie
schnurgerade, hochgewölbt, wohlgepflastert und zu beiden Seiten dicht mit hohen Steinen besetzt, welche die Fußgänger gegen die Wagen
und Pferde sichersetzen. Nur ist der Raum in der Mitte für zwei Wagen etwas zu enge. Frankfurt hat durch sein ganzes Gebiete die Straßen auf
diese prächtige Art machen lassen, und jede Stunde Wegs soll die Stadt über 60.000 Gulden gekostet haben. Die Chaussee ist die sieben Stunden
durch das Mainzische zwar nicht so kostbar gebaut als durch das Gebiete der Stadt Frankfurt, allein sie ist breiter, durchaus zu beiden Seiten mit
Bäumen besetzt und sehr gut unterhalten. Hier und da bildet sie die schönsten Alleen von alten Walnuß- oder Obstbäumen, und die Dörfer am Ende
derselben fallen im Perspektiv vortrefflich ins Auge. Schwerlich wird in Deutschland eine Straße stärker befahren als diese; wenigstens wird die
Station des Postmeisters von Hattersheim, welches in der Mitte zwischen beiden Städten liegt, für die beste von den Reichspoststationen auf dem
Lande gehalten. Das Pferd zahlt auf einer Station im Mainzischen zwei Pfennige Chausseegeld, und jede der drei Chausseestationen trägt beinahe
6.000 Gulden ein. Nebst dem gehen täglich noch zwei große sogenannte Marktschiffe zwischen beiden Städten auf und ab, die immerfort mit Leuten
und Waren angefüllt sind. – Ich sah auf dieser Straße Güterwagen, die in der Ferne wie große Häuser aussahen, sechzehn bis achtzehn der stärksten
Pferde vorgespannt hatten und, wie mich die Fuhrleute versicherten, gegen 140 bis 150 Zentner geladen hatten. Sie gehen meistens von Frankfurt
nach Straßburg.“
Selbst wenn Riesbecks Reisebuch sonst zu großen Teilen nicht auf eigener Anschauung, sondern auf Berichten Anderer beruht, dürfte diese Schilderung aufgrund seiner Ortskenntnis die authentischen Zustände wiedergeben.
Schon wenig später, nämlich in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, nahm die Straße, die bis dahin in erster Linie eine Fernhandelsstraße gewesen war, eine neue Entwicklung: An ihren Rändern entstand im Frankfurter Bereich Gewerbe, danach Industrie, deren Aktivitäten genauso auf gute Verkehrswege angewiesen war wie der Handel. Die Industrieansiedlung setzte sich bis etwa 1910 fort. Hiermit verbunden war die Einrichtung einer Pferdebahn, die 1898 elektrifiziert und damit zur Straßenbahn wurde – das neue Transportmittel war für die Arbeiter gedacht, die in den Betrieben entlang der Straße tätig waren. Heute fahren auf der Mainzer Landstraße die Straßenbahnlinien 11 und 21. Teilweise entstanden dann an ihren Rändern auch Repräsentationsbauten von Industriebetrieben und Wohnbebauung. Einen Bedeutungsverlust erlitt sie im Jahre 1934 mit dem Bau der Höchster Umgehungsstraße, damals Reichsstraße 40 genannt – sie war fortan nicht mehr die maßgebliche Straße nach Mainz und wurde deshalb straßenrechtlich zur Kreisstraße herabgestuft.
Fast in ihrer ganzen Länge sehen kann man die Mainzer Landstraße von der Dachterrasse im 34. Stock des Marienturms im Bankenviertel aus. Und wenn man sie dann durchwandert und sich von dem regen Verkehr und der damit verbundenen Geräuschkulisse nicht abschrecken lässt, lassen sich verschiedene Frankfurter Stadtviertel erfahren, und einige gegensätzliche Facetten der Stadt Frankfurt. Nach dem Bankenviertel mit seinen Repräsentativbauten, unter denen sich einige bekannte Hochhäuser befinden, wird es flacher. Im Gallusviertel passiert man die historische Galluswarte, danach folgt Griesheim, wo die Straße teilweise durch Gewerbegebiet führt; zwischendurch trifft man immer wieder auf Kioske. Danach kommt man nach Nied, wo sie Wohnbebauung durchquert und die Nidda kreuzt, bevor sie in Höchst in die Bolongarostraße einmündet und damit ihr Ende findet.
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Textquellen:
Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland. An seinen Bruder zu Paris. Uebersetzt von K. R. 2 Bände, (Zürich) 1783 (Zitat aus dem Abschnitt über Mainz)
Bericht in der FAZ über die Mainzer Landstraße abgerufen von >https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/mainzer-landstrasse-wer-sie-entlanglaeuft-lernt-frankfurt-kennen-17753532.html < am 16.03.2026.
Bildquellen:
Vorschaubild: Mainzer Landstrasse von oben 130805, 2006, Urheber: Dietmar Giljohann via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.
DSC01514 Frankfurt Mainzer Landstraße Gallus von Brücke A 5, 2025, Urheber: CC BY-SA 4.0.
Riesbeck Briefe 1. Band 1783, 2016, Urheber: via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.