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Karlheinz Fingerhut
Kennst du Franz Kafka?

Was für ein komischer Kauz muss dieser Kafka wohl gewesen sein, dass kaum ein Lehrer so recht weiß, wie ihn vermitteln. Dabei ließen sich Kafkas Texte mit Träumen vergleichen, und die kennt doch jeder.
Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Werken.

Der Frankfurter Häuserkampf

Der Frankfurter Häuserkampf

Ralph Zade

Am 19. September 1970 besetzten Aktivisten fünf Wohnungen in dem Jugendstilhaus in der Eppsteiner Straße 47 im Westend. Eine studentische Wohngemeinschaft, die schon in dem Haus wohnte und „entmietet“ werden sollte, lud Arbeiter und Familien ein, das Haus gemeinsam mit ihr instand zu setzen. Dem Aufruf leisteten italienische, spanische und türkische Familien Folge. Durch aus den Fenstern gehängte Spruchbänder wurde die Besetzung auch nach außen hin kenntlich gemacht. Es war die erste Besetzung von Wohnraum nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und der Auftakt zu den als „Frankfurter Häuserkampf“ bezeichneten Auseinandersetzungen um Bauspekulationen und Siedlungspolitik im Westend, die über Frankfurt hinaus Aufmerksamkeit erregen sollten.

Nach 1945 war Frankfurt zunehmend wieder zur Wirtschaftsmetropole geworden – eine Entwicklung, die die Stadtregierung zu unterstützen suchte. In der Innenstadt gab es bald keine Standorte für Büroimmobilien mehr und auch der Platz im angrenzenden Bahnhofsviertel war begrenzt. So entstand die Idee, die Innenstadt nach Westen hin zu erweitern. Das bot sich an, weil die Bombenschäden im Westend relativ gering waren – die dort überwiegenden Gründerzeitbauten waren zwar nicht unbedingt in gutem Zustand, aber von der Substanz her weitgehend unzerstört. In den 60er Jahren erklärte man das Westend zum City-Erweiterungsgebiet. In diesem Zusammenhang entwickelte der Planungsdezernent Hans Kampffmeyer (1912-1996) den sogenannten Fünf-Finger-Plan, nach dem sich die Innenstadt an fünf Straßen entlang (mit dem Opernplatz als „Handteller“) nach Westen hin entwickeln sollte. Diese Planung setzte, da nicht alle dieser Straßen breit genug waren, um hinreichende Zufahrtmöglichkeiten zu gewährleisten, partiell den Abriss gründerzeitlicher Bausubstanz voraus. Der 1967/68 entwickelte Plan, der lediglich eine Vorstufe zu einem Bebauungsplan darstellte, sah für die Errichtung eines Bürohochhauses eine Grundstücksmindestgröße von 2000 Quadratmetern vor. Das führte dazu, dass Grundstückseigentümer versuchten, angrenzende Grundstücke aufzukaufen, um genügend große Grundstücke zu schaffen und von einer erwarteten deutlichen Wertsteigerung zu profitieren.

Das Anziehen der Grundstückspreise schuf Probleme für die Wohnbevölkerung. Vor dem Krieg war das Westend ein Wohnviertel für wohlhabende Kreise gewesen. Die Vertreibung der Frankfurter Juden und die Kriegseinwirkungen hatten die Gesellschaftsstruktur jedoch verändert und es wohnten hier nicht mehr nur Bewohner oberer Gesellschaftsschichten. Schon damals war Wohnraum in Frankfurt knapp. 1969 gründete sich die Aktionsgemeinschaft Westend, eine Bürgervereinigung, deren Ziel es war (und bis heute ist), Wohnen und Leben im Frankfurter Westend zu bezahlbaren Preisen möglich zu machen. Auf der anderen Seite ließen Hausbesitzer Bausubstanz verfallen, um Mieter zu vertreiben und Häuser zugunsten von Büroneubauten abreißen lassen zu können. Teilweise ließ man Häuser leerstehen, teilweise vermietete man sie zu überhöhten Preisen für kurze Zeiträume als überbelegte Sammelunterkünfte an ausländische Arbeiter. Beides trug zu einer zunehmenden Verschlechterung der Bausubstanz bei. Dazu kamen oftmals Schikanen, die zu einer möglichst zügigen „Entmietung“ beitragen sollten.

Der Widerstand gegen Spekulation und ihre Auswüchse lag im Trend der Zeit. Seit 1968 wurden die Universitäten von einer Protestwelle erschüttert. Linke Studenten sahen eine Chance, sich im Westend an der Seite der Bevölkerung gegen „den Kapitalismus“ zu engagieren. Aber auch kirchliche und gewerkschaftliche Kreise und ausländische Mitbürger (damals noch „Gastarbeiter“ genannt) bezogen gegen die Bauplanung Stellung, sodass die Zusammensetzung derer, die Widerstand leisteten, recht heterogen war. Von den Bewohnern des Westends selbst kam, zumindest am Anfang, Sympathie und Unterstützung.

Auf die Besetzung des Hauses an der Eppsteiner Straße 47 folgten Besetzungen in der Liebigstraße 20, in der Corneliusstraße 24 und viele andere mehr. Im Januar 1971 beschloss die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung eine baurechtliche Veränderungssperre, was die Bauspekulation bremste. Allerdings waren teilweise schon vorher baurechtliche Zusagen an Eigentümer gemacht worden. Im Herbst 1971 entschied die Stadtverwaltung, weitere Hausbesetzungen nicht zu dulden. Bei der Räumung eines aus den 1880er Jahren stammenden Gründerzeithauses am Grüneburgweg 113 kam es daraufhin zu einer Straßenschlacht, die nicht die einzige bleiben sollte – einen traurigen Höhepunkt erreichten die zahlreichen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und Polizei am 28. März 1973, dem „Blutigen Mittwoch“, an dem sich Straßenkämpfe, vom Kettenhofweg im Westend ausgehend, bis zur Zeil und der Hauptwache hin erstreckten. Dabei wurden häufig Pflastersteine als Wurfgeschosse verwendet. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Verletzte, darunter auch Schwerverletzte. Auf die Pflastersteine als Wurfgeschosse nahm 1976 der Titel des linken Stadtmagazins „Pflasterstrand“ Bezug – gemeint war der Sand, der sichtbar wird, wenn man einen Pflasterstein hochnimmt, um ihn zu werfen. Der Leiter der Zeitschrift, der spätere Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, engagierte sich – ebenso wie der mit ihm befreundete Joschka Fischer, der viele Jahre später deutscher Außenminister werden sollte – während des Häuserkampfs auf der Seite der Protestierer.

Partiell hatte der Protest gegen die Bauspekulation antisemitische Untertöne und griff die Tatsache auf, dass sich unter den Spekulanten auch einige Geschäftsleute jüdischen Glaubens, darunter der spätere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis (1927-1999), befanden, die allerdings keineswegs deren Mehrheit ausmachten. Antisemitische Tendenzen enthielt nach Ansicht vieler Kritiker auch das 1975 verfasste Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder, das die Bauspekulation thematisierte und dessen Aufführung in Frankfurt 1985 wegen dieser Untertöne von Protestierenden verhindert wurde.

1986 wurde des letzte, seit 1971 besetzte Haus, ein Gründerzeitbau in der Siesmayerstraße 6, seinem Eigentümer übergeben. Wie man zu den damaligen Auseinandersetzungen auch stehen mag – die Hausbesetzungen haben den Abriss einer Reihe gründerzeitlicher Häuser blockiert und damit zur Verhinderung einer Beeinträchtigung der Qualität der Baustruktur des Westends beigetragen. Heute ist das Westend eines der begehrtesten und teuersten Wohnviertel Frankfurts, was es ohne diese Verhinderung und mit einer Errichtung von Bürohochhäusern nicht wäre. Die Zielrichtung der damaligen Proteste war freilich eine andere.

 

 

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Textquellen:

Seite zum Häuserkampf im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen abgerufen von >https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/203< am 20.05.2023.

Beitrag des Deutschlandfunks zum Häuserkampf abgerufen von >https://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-in-frankfurt-auf-in-den-haeuserkampf-100.html< am 20.05.2023.

Seite auf skylineatlas.de zum Häuserkampf abgerufen von >https://www.skylineatlas.de/forum/was-war-der-frankfurter-haeuserkampf/< am 20.05.2023.

Seite auf skylineatlas.de zum Fünffingerplan abgerufen von >https://www.skylineatlas.de/rahmenplaene/fingerplan-1968/< am 20.05.2023.

Seite zur Geschichte des Westends auf der Website der Aktionsgemeinschaft Westend abgerufen von >http://www.aktionsgemeinschaft-westend.de/geschichte-des-westends/< am 20.05.2023.

Seite des Frankfurter Historischen Museums abgerufen von >https://historisches-museum-frankfurt.de/de/node/34608< am 20.05.2023.

Beitrag der FNP zum Häuserkampf abgerufen von >https://www.fnp.de/frankfurt/tag-westend-eine-revolte-begann-13904792.html< am 20.05.2023.

Beitrag der FR zu einer Austellung über den Häuserkampf 2020 abgerufen von >https://www.fr.de/frankfurt/frankfurter-westend-die-tochter-des-polizeipraesidenten-kaempfte-auf-unserer-seite-90047776.html< am 20.05.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Frankfurt, Eppsteiner Straße 47, 2012, Urheber: Karsten Ratzke via Wikimedia Commons CC0 1.0.

Frankfurt, Grüneburgweg 113, 2012, Urheber: Karsten Ratzke via Wikimedia Commons CC0 1.0.

 

 

 

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