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Magisches Lesevergnügen bietet Ingrid Annels Jugendroman, der den Leser auf eine Zeitreise ins Mittelalter führt.

 

Die Familie Mouson

Die Familie Mouson

Sabine Gruber

Das Mouson-Haus in der Nähe der Hauptwache Frankfurt, 1955
Das Mouson-Haus in der Nähe der Hauptwache Frankfurt, 1955

Heute taucht sie nur noch unter den Stichworten "Vintage", "Sammler" und "selten" in Internetportalen auf, mal mit Lavendel-, mal mit Pfirsich-, mal mit Kamillenduft, mal mit einer Verpackung im Design der 70er Jahre, mal in dem der 50er Jahre, selten sogar in Designs aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: die Mouson-Seife. Bis in die 70er Jahre war sie dagegen ein beliebter Alltagsgegenstand, der in vielen Haushalten anzutreffen war. Mit ihren vielfältig gestalteten Verpackungen und ihren sommerlichen Düften brachte sie einen Hauch des Südens in die deutschen Haushalte, lange bevor Seifen aus dem Süden Frankreichs auch im Supermarkt zu haben waren. Heute werden hochwertige Cremes unter dem Namen „Mouson“ bzw. „Garnier-Mouson“ vertrieben. Mit Seife fing jedoch alles an. 1798 übernahm der in Berlin geborene August Friedrich Mouson (1768-1837) eine Seifensiederei in der Frankfurter Breiten Gasse 43. Die noch heute erhältliche Crème Mouson kam erst etwas später zur Produktpalette hinzu, wurde aber bald zum wichtigsten und bekanntesten Artikel der Firma.

Wie an seinem Nachnamen unschwer zu erkennen war, stammte August Friedrich Mouson aus einer – seit dem späten 16. Jahrhundert in Metz nachweisbaren – Hugenottenfamilie, die sich um 1700 in Berlin niedergelassen hatte. Sein Vater Paul Mouson (1734-1808) stieg zum Ofenmeister der königlichen Porzellanmanufaktur auf. August Friedrich erlernte die Produktion von Seifen und Lichtern und begann in Berlin mit der Ausübung seines Handwerks. 1791 kam er während der damals üblichen Gesellenwanderung nach Frankfurt und arbeitete dort in der Seifensiederei der Madame Held, die er später übernehmen konnte. Das begehrte Frankfurter Bürgerrecht erhielt er bereits wenige Jahre nach seinem Umzug in die Messestadt, nämlich am 5. Dezember 1798, wobei vermutlich auch seine Verlobung mit der Frankfurter Bürgertochter Anna Maria Elisabeth Margarethe Neeff (1774-1838) eine Rolle spielte. Das Datum ist auch das seiner Firmengründung, die später „J. G. Mouson & Co. Das Haus der Postkutsche“ genannt wurde. Die Postkutsche tauchte noch auf Verpackungen des 20. Jahrhunderts immer wieder auf. Während der Jahrzehnte, in der August Friedrich Mouson das Unternehmen führte, war dessen Schwerpunkt die Herstellung besonders feiner Seifen.

Mit Anna Neeff hatte er elf Kinder, von denen drei ebenfalls Seifen- und Lichterfabrikanten wurden, darunter sein Sohn Johann Georg (1812-1894), der sich zunächst weniger kaufmännisch als politisch betätigte, und für die demokratische Bewegung eintrat. Nachdem er mit dem Frankfurter Wachensturm von 1833 und einer Gefangenenbefreiung aus der Konstablerwache von 1834 in Verbindung gebracht worden war, wurde er 1837 wegen versuchten Hochverrats verurteilt und verbüßte zwei Jahre Festungshaft in Mainz. Nach seiner Freilassung trat er wieder in die Firma seines inzwischen verstorbenen Vaters ein und führte sie zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich Caspar. Das beim Tod seines Vaters noch verhältnismäßig kleine Unternehmen wurde unter seiner Leitung zur Weltfirma, die nicht zuletzt 1873 auf der Weltausstellung in Wien und mehreren späteren Weltausstellungen vertreten war. Bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden Filialen in Paris und London eröffnet. Neben Seifen produzierte die Firma Mouson jetzt auch Parfum für einen gehobenen Kundenkreis. Nachdem das Firmengelände zu klein und zusätzlich durch einen Straßendurchbruch begrenzt worden war, zog die Firma ins Ostend um. Am dortigen Bergweg (heute: Mousonstraße) wurde ein ausgedehntes neues Firmenareal errichtet. Weil Johann Georg Mouson keine Kinder hinterließ, übernahmen die Söhne seines Bruders, Daniel und Johann Jacques, nach seinem Tod die Firma, die sie vorher bereits gemeinsam mit ihrem Onkel geleitet hatten.

Der Sohn Johann Jacques Mousons, Friedrich Karl, genannt Fritz (1884-1926), sorgte im frühen 20. Jahrhundert für weitere Bautätigkeiten und technische Neuerungen auf dem neuen Firmengelände. Anders als seine Vorfahren erlernte er kein Handwerk mehr, sondern studierte an der Technischen Hochschule Darmstadt Maschinenbau. Im Jahr 1912 wurde er Teilhaber der Firma J. G. Mouson & Cie. und sorgte für die Umstellung der Fertigung auf Fließbandproduktion. Das auffälligste Gebäude, das im Zuge der Umbauarbeiten errichtet wurde, ist der für die damalige Zeit mit 33 Metern ungewöhnlich hohe, im Stil des architektonischen Expressionismus gestaltete Mousonturm, der häufig als erstes Hochhaus Frankfurts bezeichnet wird. Wie Johann Georg Mouson verstarb auch Fritz Mouson kinderlos.

Der Mousonturm - heute ein freies Theater
Der Mousonturm - heute ein freies Theater

Sein Neffe Edgar Bieber (1893-1939) entwickelte vor allem die Auslandsverbindungen der Firma weiter und sorgte für geschickte Werbung. Für das bekannteste Produkt der Firma, die Mouson-Crème, wurde in einer Anzeige aus der Zeitschrift „Die Woche“ von 1923 so geworben: „Creme Mouson ist das sicherste Mittel zur Pflege und Gesunderhaltung der Haut. Ihre große, von keinem anderen Präparat erreichte Verbreitung zeigt am deutlichsten die hervorragende Wirksamkeit. Creme Mouson ist von anregendem, stärkendem Einfluß auf die erschlafften Hautgefäße, verhindert die Bildung von roten Flecken, Unebenheiten etc. und beseitigt lästigen Hautglanz. Sie ist als Tages- und Nachtcreme verwendbar und eignet sich ganz besonders zur Körperpflege nach dem Bade sowie zur Kinderpflege.“ Nicht nur die berühmte Mouson-Crème sollte dem Schutz der Haut gegen Umwelteinflüsse dienen, sondern auch spezielle Seifen mit hochwertigen Inhaltsstoffen. Die Igemo-Seife wurde beispielsweise in einer Werbe-Anzeige, die 1914 in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ erschien, als Schutz vor den „Gefahren“ des Waschens angepriesen. Durch das Waschen mit Seife werde die Haut „ihres natürlichen Schutzkleides beraubt, und dadurch leicht rissig“. Dem wirke die Igemo-Seife entgegen, indem sie die Hautoberfläche „mit einem ganz feinen, wunderbar wohltuenden Schutzhauch“ versehe. Anklänge an heutige Werbeanzeigen sind durchaus erkennbar.

1939 trat mit Johann Daniel Mouson (1904-1944) bereits die 5. Generation der Familie Mouson in die Firmenleitung ein. Nach seinem Tod wurde sein Schwager, Dr. Max Wellenstein (1905-1950), Teilhaber der Firma. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Firmengelände weitgehend zerstört. Der charakteristische Mousonturm blieb aber erhalten. Der Wiederaufbau des Firmengeländes war Ende der 50er Jahre abgeschlossen. 1972 sahen sich die Nachfahren August Friedrich Mousons aufgrund finanzieller Schwierigkeiten gezwungen, die Firma nach fast zweihundert Jahren zu verkaufen. Der Name Mouson blieb jedoch für einige, heute von Garnier produzierte Cremes erhalten. Das Fabrikgelände wurde in den späten 70er Jahren abgerissen. Der expressionistische Mousonturm blieb stehen, wurde von der Stadt Frankfurt erworben und zum Theater für freie Projekte umgebaut. Seit 2022 wird das „Künstler*innenhaus Mousonturm“ von Anna Wagner und Marcus Droß geleitet. Neben dem Turm erinnert heute die am früheren Firmengelände verlaufende Mousonstraße, die nach Johann Georg Mouson benannt ist, nicht nur an ihren Namengeber, sondern auch an die bekannte Frankfurter Familie.

 

Adresse Mousonturm

Künstler*innenhaus Mousonturm

Waldschmidtstraße 4

60316 Frankfurt am Main

https://www.mousonturm.de/

 

 

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Textquellen

Das tägliche Waschen hat seine Gefahren, Anzeige in: Die Gartenlaube, 1. Beilage zu Nr. 14, 1914.

Frankfurt-Lexikon: Mit einem Stadtplan herausgegeben von Waldemar Kramer, Sechste, neubearbeitete Ausgabe, Frankfurt a. M., 1973.

Goldhammer, Sylvia: Mouson, Familie in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe) abgerufen von >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/561< am 07.02.2024.

Goldhammer, Sylvia: Mouson, Georg in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe) abgerufen von >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/566< am 07.02.2024.

Lerner, Franz: Mouson in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 236-237 (Online-Version) bgerufen von >https://www.deutsche-biographie.de/pnd139789367.html#ndbcontent< am 07.02.2024.

Welt-Ausstellung 1873 in Wien: Officieller General-Catalog, 2. Verbesserte Auflage, Wien, 1873.

>https://de.wikipedia.org/wiki/August_Friedrich_Mouson< abgerufen am 07.02.2024.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Mouson< abgerufen am 07.02.2024.

>https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCnstlerhaus_Mousonturm< abgerufen am 07.02.2024.

>https://www.lagis-hessen.de/pnd/137613245< abgerufen am 07.02.2024.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: MousonHausFrankfurtHauptwache, 1955, Urheber: Harald-Reportagen via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0 DEED.

Frankfurt Mousonturm, 2008, Urheber: Warburg via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

 

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