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Als der Wind zu Besuch kam

Facettenreich und vielschichtig, so sind die Gedichte Berndt Seites zu beschreiben. Neben Liebesgedichten gibt es Naturlyrik, die immer wieder auch die Seenlandschaft der Müritz ins Auge fasst. Ebenso finden sich politische  Gedichte oder reine Gedankenlyrik, die sich mit den Sinnfragen des Lebens, mit dem Glauben und mit Anfang und Ende beschäftigen.

Die Frankfurter Belvederchen

Die Frankfurter Belvederchen

Ralph Zade
Sabine Gruber

Zum Feierabend oder am Wochenende zieht es Städter und Städterinnen auch heute noch häufig ins Grüne, zum Beispiel in ihre Gartenlaube in der Nähe oder am Stadtrand. So ging es auch den Bewohnern der alten Frankfurter Bürgerhäuser. Zumindest in der Nähe der Wohnhäuser konnte man in der engen Frankfurter Altstadt aber keine Gärten und Gartenlauben anlegen und so kam irgendjemand besonders Findiges auf die Idee, einfach eine Art Gartenlaube mit kleinem Dachgarten auf das Dach eines Frankfurter Bürgerhauses zu setzen und andere kopierten diesen Einfall. Ein Vorteil gegenüber herkömmlichen Gartenlauben oder kleinen Landhäuschen war auf jeden Fall die gute Aussicht. Da die kleinen Dachgärten mit Laube oder Pavillon auf den Dächern aber keine einfachen Gärten waren, sondern wohlhabenden Bürgerinnen und Bürgern gehörten, hießen sie vornehm „Belvederchen“ oder auf Frankfurterisch „Belvederche“. Und der Begriff „Belvederchen“ von italienisch bel vedere (schöne Aussicht) verwies gleichzeitig auf die exponierte Lage dieser kleinen Gärten, von denen aus man auswärtigen Besucherinnen und Besuchern die Schönheiten Frankfurts zeigen konnte. Knapp und trotzdem anschaulich werden die Eigenarten der Belvederchen in einer Rezension von „Frankfurt a. M. und seine Bauten“ beschrieben, die 1886 in der Deutschen Bauzeitung erschien. Es seien auf „flachen Dächern ausgelegte[n] laubenartige[n] Sitzplätze[n].“ Eine ähnliche Funktion wie die Belvederchen, in der eng bebauten Stadt in einem geschützten Raum das Sitzen im Freien zu ermöglichen, erfüllten die, meist blumengeschmückten, Holzgalerien außen an den Häusern wie etwa im Hof des Hauses Wanebach oder am Hof Rebstock, die es bereits seit dem 15. Jahrhundert gab.

Die Belvederchen gab es in der Frankfurter Altstadt auf vielen Bürgerhäusern, unter anderem in der Bendergasse 25 und in der Höllgasse 13 an der Ecke Höllgasse/Alter Markt, auf dem Dach der 1618/19 erbauten „Goldenen Waage“, eines der wichtigsten Frankfurter Renaissance-Häuser. Letzteres Belvederchen war – nicht nur wegen seines spektakulären Blicks auf den Dom – das bekannteste und wurde im Zuge der Rekonstruktion des Hauses zur Goldenen Waage im Rahmen des Projekts „Neue Altstadt“ (2014-2017) als besonders repräsentatives Beispiel dieser Frankfurter Besonderheit ebenfalls rekonstruiert. Die originale „Goldene Waage“ war 1944 bei einem Bombenangriff zerstört worden. Die jetzt rekonstruierte Laube war 8 mal 4 Meter groß und mit einer gewölbeartigen, bemalten Decke versehen. An den Wänden gab es Sitzbänke, vor dem Eingang der Laube ein kleines mit einem Dach versehenes Brünnchen. Gelegentlich wurden anstatt der Lauben inmitten der Frankfurter Belvederchen auch Glaspavillons errichtet.

Das Belvederchen der Goldenen Waage und den schönen weiten Ausblick von dort beschrieb Philipp F. Gwinner (1796-1868) folgendermaßen (interessanterweise ohne die übliche Verkleinerungsform zu verwenden): „Im Haus zur Goldenen Waage führt ein turmartiges Stiegenhaus mit steinerner Treppe aus dem Hof bis zum Dache, über welchem sich ein geräumiges Belvedere mit einem auf gewundenen Marmorsäulen ruhenden und mit einer sauber gearbeiteten Marmormuschel versehenen Wasser-Springwerk befindet, weiterhin aber, um sechs bis acht Fuß höher, sich eine bedeckte Gartenlaube erhebt, worin wohl eine Gesellschaft von fünfundzwanzig Personen an der Tafel Platz finden könnte. Diese salonartige Laube bietet eine überraschende Aussicht zunächst nach Osten auf den dem Auge so nahe tretenden Pfarrturm, daß man diesen an keinem anderen Punkte der Stadt in gleicher Höhe so bequem schauen kann; dann südlich über den Main nach Sachsenhausen bis zur fernen Warte, im Westen und Norden über den größten Teil der Häuser hinweg nach dem Nikolai-, Pauls- und Eschenheimer Turm weithin in die Gemarkung der Stadt.“

Die Obergeschosse des Vorderhauses der rekonstruierten „Goldenen Waage“ sind vom Frankfurter Historischen Museum im Stil eines Bürgerhauses des 17. und 18. Jahrhunderts eingerichtet worden und können wie auch das Belvederchen im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

 

*****

Textquellen:

Dehio, Georg; Gall, Ernst: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Südliches Hessen, München, 1955.

Frankfurt, Hrsg. von Johann Jakob Hässlin, München 1964 (daraus das Zitat von Gwinner).

Frankfurt am Main und seine Bauten, Hrsg. vom Architekten- und Ingenieurverein, Frankfurt a. M., 1886.

Frankfurt-Lexikon: Mit einem Stadtplan herausgegeben von Waldemar Kramer, Sechste, neubearbeitete Ausgabe, Frankfurt a. M., 1973.

Kirn, Richard: Frankfurt – so wie es war, Düsseldorf, 1967.

Klötzer, Wolfgang: Frankfurts alte Gassen, Frankfurt a. M., 1979.

Klötzer, Wolfgang: Frankfurt in den zwanziger Jahren mit einem Ausblick auf die Dreißiger, Würzburg, 1984.

Rez. von Frankfurt a. M. und seine Bauten in: Deutsche Bauzeitung, 1886, S. 530-532.

Neue Veröffentlichungen über den Bestand deutscher Baudenkmäler.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Belvederchen< abgerufen am 05.06.2024.

>https://historisches-museum-frankfurt.de/de/goldene-waage< abgerufen am 05.06.2024.

>https://www.domroemer.de/markt-5< abgerufen am 05.06.2024.

 

Bildquellen:

Vorschaubild:

Belvederchen um 1900, Urheber: Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurt_Goldene_Waage_Januar_2018_Ansicht_vom_Domplatz, Urheber: Flibbertigibbet via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

 

 

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