Frankfurt war schon immer eine Stadt, die anziehend auf Zuwanderer aus anderen Regionen oder aus dem Ausland wirkte. Einige Familien suchten, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert, dort Schutz vor religiöser Verfolgung. Zu nennen sind hier vor allem Reformierte aus Frankreich und den Niederlanden, die seitdem einen nicht unbedeutenden Anteil an der Frankfurter Bevölkerung ausmachten. Mehrere später sehr bekannte Familien wie die de Neufville, die Brevillier oder die du Fay kamen aus diesem Grund nach Frankfurt. Andere Familien verlegten ihre Wohnsitze aus geschäftlichen Gründen nach Frankfurt wie zum Beispiel die Familien Brentano und Guaita, die im 17. und 18. Jahrhundert aus Norditalien in die Messestadt kamen, zunächst, um dort Handel mit Südfrüchten zu treiben; später betrieben sie zum Teil auch Bankgeschäfte. Aus geschäftlichen Gründen zog auch die Weinhändlerfamilie Chandelle im frühen 18. Jahrhundert aus Belgien nach Frankfurt. Obwohl der Name vermuten ließe, dass es sich um eine Hugenottenfamilie handelte, waren die Chandelles wie die Zuwanderer aus Norditalien katholisch. Ähnlich wie die Familie Brentano wurde auch die Familie Chandelle weniger wegen ihrer in Handelsgeschäften geschickten Mitglieder bekannt als wegen Familienangehöriger, die mit Handel nichts im Sinn und sich neue Betätigungsfelder gesucht hatten.
Es begann mit mehreren Kindern des Weinhändlers Nikolaus Chandelle (gest. 1749), der nicht wie üblich eine Frau aus den Kreisen anderer Handelsleute geheiratet hatte, sondern Anna Gertrud(e) (gest. 1795), die Tochter des damals sehr bekannten Bildhauers Cornelius Andreas Donett (1683-1748). Sie brachte in die Familie künstlerisches Talent und Kenntnisse ein. Ihr Sohn Andreas Joseph Chandelle (1743-1820) hatte nicht nur als hoher Postbeamter Erfolg, sondern trat außerdem in die Fußstapfen seines Großvaters und wurde als Pastellmaler wie als Kunstsammler über die Grenzen Frankfurts hinaus bekannt. Im Jahr 1762 wurde er aber zunächst Beamter der Thurn und Taxisschen Post und später der Kaiserlichen Reichspost, machte dort eine beachtliche Karriere und brachte es im Jahr 1806 zum Oberpostamtssekretär.
Anders als sein Vater heiratete er eine Tochter aus einer Weinhändlerfamilie, Anna Rosina Wiesen (1752-1832), mit der er acht Kinder hatte. Neben seinem Brotberuf als Postbeamter verfolgte er eine künstlerische Karriere. Er war Schüler seines Großvaters, bildete sich aber auch autodidaktisch weiter. Vor allem interessierte ihn schon früh die Pastellmalerei. In der Kurzvita, die Henrich Sebastian Hüsgen (1745-1807), der mit ihm befreundet war, in seinem „Artistischen Magazin“ von ihm verfasste, wird gelobt, dass er „die vollkommenste Gleichheit nicht alleine in seine Portraite anbringt, sondern auch ein solches kraeftiges Colorit besitzt, daß den Bildnissen der grosen Meister wenig Vorzuege uebrig bleiben.“ Wegen seines hohen Verdienstes als leitender Postbeamter konnte der in der Mainzer Gasse ansässige Chandelle eine umfangreiche Kunstsammlung anlegen. Auch ein jüngerer Bruder Chandelles, Georg Heinrich, trat in die Fußstapfen seines Großvaters und war als Bildhauer tätig, brachte es aber zu weniger Bekanntheit als sein Bruder.
Ein anderer jüngerer Bruder Andreas Joseph Chandelles wurde zwar nicht als Künstler bekannt, machte aber eine noch beachtlichere Karriere als sein Bruder und wurde sogar geadelt. Matthäus Georg Chandelle (1745-1826) zeigte schon früh eine große intellektuelle Begabung und studierte zunächst an der Mainzer Jesuitenhochschule, die er als Doktor der Theologie verließ. Anschließend trat er in das Mainzer Priesterseminar ein, wo er 1769 zum Priester geweiht wurde. Nach verschiedenen Tätigkeiten für den Mainzer Fürstbischof Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim (1707-1774), arbeitete er seit 1775 am Mainzer Metropolitangericht. Nach der Besetzung von Mainz durch französische Revolutionstruppen fand er eine Anstellung bei Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal (1719-1802) in Aschaffenburg, wo er in kurzer Zeit mehrere Karrierestufen erklomm: 1802 wurde er Offizial und Leiter des Generalvikariats, 1804 Geheimer Rat und Großherzoglich Frankfurter Staatsrat in Aschaffenburg, 1807 schließlich Direktor des Regensburger Generalvikariats in Aschaffenburg. Während seiner Zeit als Offizial und Direktor des Generalvikariats bekam es Chandelle unter anderem mit einem Mitglied einer anderen bekannten Frankfurter Kaufmannsfamilie zu tun: Zu Beginn des Jahres 1810 war er mit der Scheidung des Schriftstellers Clemens Brentano (1778-1842) von der jungen Auguste Bußmann (1791-1832) befasst, die er 1807 überstürzt geheiratet hatte. Weil Brentano katholisch war, wurde die Scheidung 1810 vor dem kirchlichen Ehegericht in Aschaffenburg verhandelt. Chandelle wird – an erster Stelle, wie es seiner Stellung entsprach – in Sitzungsprotokollen genannt und unterzeichnete einige von ihnen. Aus den Jahr 1810 stammt auch ein Porträt Chandelles, das von seinem Bruder Andreas Joseph gemalt wurde. Nach dem Tod des gerade erst zum ersten neuzeitlichen Bischof von Speyer ernannten Gregors von Zirkel (geb. 1762) im Jahr 1817 wurde im folgenden Jahr überraschend Matthäus Georg Chandelle zum Bischof der neu eingerichteten Diözese Speyer ernannt und von Papst Pius VII. (1742-1823) bestätigt. Die Weihe empfing er erst 1821 und als Bischof inthronisiert wurde er erneut einige Monate später im Januar 1822. In Verbindung mit seiner Bischofsweihe erhielt Chandelle einen Adelstitel.
Zu solch hohen kirchlichen Würden gelangte in den folgenden Generationen der Familie Chandelle niemand mehr, aber die Tochter Andreas Joseph Chandelles, Maria Dorothea Walpurgis (1784-1866), die in der Familie „Dorothé“ genannt wurde, machte sich wie ihr Vater über Frankfurt hinaus einen Namen als Pastellmalerin. Sie wurde schon als Kind von ihrem Vater in der Malerei unterrichtet, später von Mitgliedern der Frankfurter Malerfamilie Schütz, bildete sich selbst mit Hilfe der väterlichen Kunstsammlung weiter und schuf schon sehr früh eigene Werke. Später malte sie in Pastelltechnik vor allem religiöse Motive, Blumen und Porträts der Frankfurter höheren Gesellschaft, auch sehr bekannter Persönlichkeiten wie des Fürstprimas Carl Theodor zu Dalberg (1744-1817). Obwohl sie in ihren letzten Lebensjahrzehnten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr malen konnte, schuf sie ein beachtliches Werk, aus dem immer wieder Teile in Ausstellungen zu sehen sind. Einige ihrer Werke befinden sich in Frankfurter Museen und anderen Museen des Rhein-Main-Gebiets, wie dem Städel Museum und dem Historischen Museum Frankfurt.
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Textquellen:
Ph. Chr. Hoepfner: Matthäus von Chandelle. Bischof von Speyer (1818-1826). Ein Beitrag zur Geschichte der Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Neustadt a. d. H. 1885
Andreas Hohm: Chandelle, Dorothea. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/4770< (abgerufen am 28.05.2026)
Henrich Sebastian Hüsgen: Artistisches Magazin. Enthaltend Das Leben und die Verzeichnisse der Werke hiesiger und anderer Künstler. Nebst Einem Anhang […]. Mit einer Menge historischer Nachrichten, so aus ächten Original-Quellen geschöpft sind. Frankfurt a. M. 1790
Neuere Geschichte der Bischöfe zu Speyer, sammt Urkundenbuche. Speyer 1867
Requiem für eine romantische Frau. Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen. Überliefert von Hans Magnus Enzensberger. Berlin 1988
Stammbaum der Familie Chandelle. In: Frankfurter Blätter für Familiengeschichte. Jg. 5 (1912). Heft 3, S. 47
>https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/rsrec/sn/bio/register/person/entry/chandelle%252C%2Bnikolaus<(abgerufen am 28.05.2026)
>https://de.wikipedia.org/wiki/Matth%C3%A4us_Georg_von_Chandelle<(abgerufen am 28.05.2026)
>https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Joseph_Chandelle< (abgerufen am 28.05.2026)
>https://de.wikipedia.org/wiki/Dorothea_Chandelle<(abgerufen am 28.05.2026)
Bildquelle:
Chandelle Dorothea Frau Busch.jpg via Wikimedia Commos public domain