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Mimo hat Zahnweh

Ines Andre-Korkor

Als Meerschweinchen Mimo eines Tages erwacht, hat es fürchterliche Zahnschmerzen. Doch es will den Geburtstag seines besten Freundes nicht verpassen. Ob die Feier so viel Ablenkung bietet, dass sich das Zahnweh vergessen lässt?

Eine Geschichte für die Jüngsten zum Thema Zahnarzt und Zahnschschmerzen. Die niedlichen und warmherzigen Illustrationen von Petra Lefin lassen nicht nur Kinderherzen weich werden.

Leopold Tyrmands Roman „Filip“

Leopold Tyrmands Roman „Filip“

Ralph Zade

Untergetaucht in Frankfurt

Filip Vincel, ein Kellner im Parkhotel, einem der luxuriösesten Hotels Frankfurts, gelegen am Wiesenhüttenplatz in der Nähe des Hauptbahnhofs, schildert seinen Alltag, den Umgang mit den Gästen und den Kollegen, seine Freizeitunternehmungen in Frankfurt, die Ausflüge ins Umland, seine Erfahrungen mit Frauen und eine – nicht gut ausgehende – Liebesgeschichte sowie die allgemeinen Zeitumstände. Ein Hotelroman – jedenfalls zum größten Teil, auch das Davor und Danach werden beschrieben. Auch ein Schelmenroman, denn der Protagonist agiert mit Chuzpe und es gibt immer wieder sehr komische Szenen. Darunter aber verbergen sich Abgründe. Denn das Jahr der Handlung ist 1943 – das Jahr, in dessen Karwoche der Warschauer Ghettoaufstand trotz bewundernswerten Durchhaltevermögens die Warschauer Juden nicht vor Deportation und Tod zu bewahren vermochte – und der Kellner ist ein polnischer Jude, der im Zentrum des Orkans, im Land der Nazi-Mörder zu überleben sucht.

Leopold Tyrmand (1920-1985), der hier – mit einigen Freiheiten – seine eigenen Lebenserfahrungen im Zweiten Weltkrieg fiktionalisiert hat, wuchs in seiner Geburtsstadt Warschau auf, machte dort Abitur und studierte anschließend für ein Jahr Architektur in Paris. Nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 floh er aus Warschau, wo er im Urlaub war, nach Wilna – heute die Hauptstadt Litauens, damals (auch von der Bevölkerung her) eine polnische Stadt. Im Anschluss wurde Wilna infolge des Hitler-Stalin-Pakts durch die Sowjetunion besetzt. 1941 wurde Tyrmand wegen seiner Kontakte zu polnischen Untergrundgruppen durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet und zu acht Jahren Haft verurteilt. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gelang ihm während eines Bombenangriffs auf seinen Häftlingstransport die Flucht. Diese musste notwendigerweise nach Westen führen. Er hatte die Absicht, sich mithilfe falscher Papiere, die ihn als in Warschau geborenen Franzosen auswiesen, nach Frankreich durchzuschlagen, kam aber nur bis ins Deutsche Reich und tauchte dann im Rhein-Main-Gebiet unter. Als vermeintlich französischer Fremdarbeiter – Tyrmand sprach gut Französisch und die meisten Zeitgenossen konnten französischen und polnischen Akzent ohnehin nicht auseinanderhalten – gelang ihm das gut, denn Franzosen genossen einen höheren Status als Osteuropäer.

Es ist diese Zeit, die Tyrmand (dessen Nachname ebenso wie der des Protagonisten „Vincel“ als französisch durchgehen konnte) in „Filip“ fiktionalisiert – mit dem Schwerpunkt auf seine Zeit als Hotelkellner und Rückblenden u. a. auf seine ersten Erfahrungen im deutschen Arbeitsleben als Gleisarbeiter und Übersetzer in Mainz und Gustavsburg bei Mainz. Er liefert dabei eine Beschreibung des Alltags im Rhein-Main-Gebiet und insbesondere in Frankfurt in den Kriegsjahren, wie man sie dieser Vielschichtigkeit in keinem anderen Buch, auch in keinem eines deutschen Autors, findet. Wer Frankfurt kennt, wird hier vieles wiedererkennen, aber auch von vielen Umfeldern lesen, die im Krieg unwiederbringlich untergegangen sind. Weniger bedauern wird man, dass Szenarien wie das bei der Hochzeit der Nichte von Reichswirtschaftsminister Walther Funk, einer Versammlung hoher Nazis, bei der Filip kellnert und durch Austausch seiner schwarzen Kellnerfliege mit einer weißen vorübergehend die Kellnerrolle mit der Gästerolle vertauscht, der Vergangenheit angehören.

Die Qualität des Buches liegt dabei neben dem spannenden Stoff in der Farbigkeit der Darstellung und in seinen Kontrasten: Es ist genauso Schelmenroman wie ein Roman über das Überleben auf dünnem Eis, die Bedrohung durch Entdeckung, die den sicheren Tod bedeutet hätte, und die Bombenangriffe, die am Ende alle bedrohen. Es enthält unbeschwerte Passagen über die Liebeleien eines 23-Jährigen, der zeitweise vergisst, in welcher Situation er sich befindet, über Partys, bei denen Swing gespielt wird (Tyrmand war ein großer Jazzenthusiast; er trug nach dem Krieg Maßgebliches zur Popularisierung des Jazz in Polen bei) und eine Liebesgeschichte mit der 18-jährigen Hella, die, wie man in dieser Situation nicht anders erwarten konnte, traurig endet. An seltenen Stellen – hier muss man genau lesen, um die Nuancen zu spüren – scheint dann aber auch die Verfolgung der Juden durch, so bei der Beschreibung eines Besuchs im Rothschildpark, bei dem der Protagonist sich an die namensgebende Familie erinnert (der Park wurde erstaunlicherweise auch unter der Naziherrschaft nicht umbenannt). Passagen, über die man lachen kann, stehen solchen, in denen das Grauen durchscheint, gegenüber. Und die Kontraste setzen sich auch auf sprachlich-stilistischer Ebene fort: Neben umgangssprachlich gehaltenen Dialogpassagen gibt es reflektierende Passagen, die in geschliffener Sprache geschrieben sind.

Dass dieses Meisterwerk – denn ein solches ist es – nach seiner Erstpublikation in Polen 1961 60 Jahre gebraucht hat, um ins Deutsche übersetzt zu werden, ist kaum zu verstehen, auch deshalb nicht, weil der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der jahrzehntelang eine dominierende Rolle im Frankfurter Kulturleben spielte, mit Tyrmand persönlich befreundet war und „Filip“ seinem Sohn als Lektüre empfahl – offenbar aber nicht Frankfurter Verlegern. Es mag damit zusammenhängen, dass der Autor in Polen, wo er seit dem Ende des kommunistischen Regimes wieder sehr geschätzt wird (das Jahr 2020, in dem er 100 geworden wäre, wurde dort durch Parlamentsbeschluss offiziell zum „Leopold-Tyrmand-Jahr“ erklärt), in erster Linie als Autor von zwei berühmten Warschau-Büchern wahrgenommen wird, dem Kriminalroman „Zły“ (Der Böse) und dem „Tagebuch 1954“, das einzigartige Einblicke in das Warschau der späten Stalinzeit ermöglicht. Umso besser, dass nun (2021) der Direktor des Polen-Instituts, Peter Oliver Loew, eine gelungene Übersetzung vorgelegt hat.

Tyrmand hat den Zweiten Weltkrieg auf abenteuerliche Weise überlebt; er floh aus Frankfurt über Wien nach Norwegen, wo er das Kriegsende in einem Lager erlebte. In der Nachkriegszeit lebte er wieder in Polen, wo er trotz diverser Schwierigkeiten aufgrund der Tatsache, dass seine Bücher, die z. T. die Warschauer Halbwelt schilderten und als regimekritisch wahrgenommen wurden, der Obrigkeit nicht genehm waren, bis 1966 blieb. Seine letzten beiden Lebensjahrzehnte verbrachte er im Exil in den USA, wo er z. B. Beiträge für den „New Yorker“ schrieb und wie viele osteuropäische Exilanten zu einem Konservativen wurde, der sich u. a. kritisch mit dem Hollywood-Mainstream-Kino auseinandersetzte. Leopold Tyrmand starb am 19. März 1985 bei einem Urlaubsaufenthalt in Florida.

 

 

*****

Textquellen: 

Tyrmand, Leopold: Filip. Übersetzt von Peter Oliver Loew, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt, 2021.

Tyrmand, Leopold: Filip. Wydawnictwo MG, Warschau, 2017.

Tyrmand, Leopold: Filip. Wydawnictwo Literackie, Krakau, 1961 (Erstausgabe).

Woźniak, Marcel: Tyrmand – Pisarz o białych oczach, Wydawnictwo Marginesy. Warschau, 2020 (Biographie über Tyrmand).

Webseite des Frankfurter Amts für multikulturelle Angelegenheiten mit Video einer Lesung/Buchbesprechung: abgerufen von >https://www.amka.de/lesung-und-buchbesprechung-filip< am 07.02.2023.

Kritik in der NZZ: abgerufen von >https://www.nzz.ch/feuilleton/leopold-tyrmand-und-sein-autobiografischer-roman-filip-ld.1624553< am 07.02.2023.

Kritik beim Deutschlandfunk: abgerufen von >https://www.deutschlandfunk.de/lepold-tyrmand-filip-ein-schelm-im-naziland.700.de.html?dram:article_id=493720< am 07.02.2023.

Kritik in der FR: >https://www.fr.de/kultur/literatur/leopold-tyrmand-filip-der-hass-die-liebe-der-swing-90236159.html< am 07.02.2023.

Interview mit Andrew Ranicki, dem Sohn des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki in der Jüdische Allgemeinen: abgerufen von >https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ich-haette-ihn-oefter-fragen-sollen/< am 07.02.2023.

Bildquelle:

Vorschaubild: Leopold Tyrmand, 2013, Urheber: Adrian Grycuk via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 pl; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt. 

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