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"... mein Leben, das allerqualvollste, das ein Mensch je geführt hat." So schrieb Heinrich von Kleist an eine seinem Herzen nahe stehende Verwandte wenige Stunden, bevor er sich mit seiner Todesgefährtin am Wannsee erschoss.

Frankfurter Evolutionstheorie

Frankfurter Evolutionstheorie

Ralph Zade

Frankfurt hat den Ruf, in erster Linie eine Stadt des Handels und der Banken zu sein, es ist aber auch eine Wissenschaftsstadt. Die Frankfurter Universität, die Goethe-Universität, ist noch relativ jung, etwas über 100 Jahre, die Tradition, die durch Johann Christian Senckenberg - d. h. vor allem durch seine Stiftung - begründet wurde, schon ein gutes Stück älter. Und so ist Frankfurt seit längerem auch ein Ort der Wissenschaften.

Schon der wohl bedeutendste Frankfurter, Johann Wolfgang Goethe, beschäftigte sich - was die Farbenlehre angeht mit aus heutiger Sicht durchaus problematischen Ergebnissen, in anderer Hinsicht erfolgreicher - mit den Naturwissenschaften. Eines seiner Interessengebiete war dabei die Morphologie, also die Lehre von der Gestalt der Organismen. Hier leistete er Grundlegendes. Um Ordnung in die Vielfalt der Organismen zu bringen, führte er in ihren Strukturen ähnliche Organismen auf gemeinsame Urtypen (Archetypen) zurück und bezeichnete die Organismen als Metamorphosen dieser Archetypen. Diese 1790 in der "Metamorphose der Pflanze" und dem "Versuch über die Gestalt der Tiere" entwickelte Theorie war von der Ideenlehre Platons beeinflusst. Sie wird auch als idealistische Morphologie bezeichnet. Die Morphologie steht mit der Evolutionstheorie in engem Zusammenhang (von der Goethe noch nichts wusste), denn es geht bei der Evolution letztlich ja um einen Gestaltwandel von Spezies.

Knapp 70 Jahre später, im Jahre 1859 legte Charles Darwin (1809-1882) sein Hauptwerk vor, mit dem Titel "Über die Entstehung der Arten". Darin entwickelt er eine Evolutionstheorie, die davon ausgeht, dass Lebewesen mehr Nachkommen haben als nötig, und dass diese sich durch zunächst zufällige Mutationen unterscheiden. Diejenigen Mutanten, die am besten an die Umwelt angepasst sind, überleben und setzen sich durch ("survival of the fittest").

In Frankfurt wurde Darwins Theorie zunächst mit Skepsis aufgenommen. Für die Änderung des Artenbestandes bevorzugte man in der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft die Erklärung des französischen Anatomen Georges Cuvier (1769-1832), den sogenannten Katastrophismus. Demnach verschwanden in der Erdgeschichte immer wieder Arten durch Naturkatastrophen und wurden durch zugewanderte Arten ersetzt. Erst langsam setzte sich die Auffassung durch, dass Darwins Thesen den Vorzug verdienten. Darwin wurde dann auch korrespondierendes Mitglied der Senckenberg-Gesellschaft, wenn auch erst 1873, nach Erscheinen der zweiten Auflage seines Hauptwerks, und somit für einen Wissenschaftler seines Kalibers sehr spät.

Die Evolutionstheorie hat sich mittlerweile konkurrenzlos durchgesetzt und dass es eine Evolution gegeben hat, wird heute von keinem ernstzunehmenden Wissenschaftler mehr bestritten. Worüber gestritten werden kann, ist die Frage, auf welchen Faktoren die Evolution beruht. Und hierzu wurden im 20. Jahrhundert in Frankfurt Thesen entwickelt, die mit der Theorie Darwins teilweise im Konflikt stehen. Die neu entwickelte Theorie wird aufgrund der Selbstbezeichnung, aber auch wegen des Standorts ihrer wesentlichen Protagonisten als Frankfurter Evolutionstheorie bezeichnet. Ausgangsort war das Senckenberg Forschungsinstitut, treibende Kraft der Biologe Wolfgang Friedrich Gutmann (1935-1997).

Im Mittelpunkt der Frankfurter Evolutionstheorie steht die Abwandlung der Körperformen von Organismen. Eine der Grundlagen ist dabei die Hydroskelett-Theorie, basierend auf der Erkenntnis, dass die meisten Organismen Flüssigkeitsbestandteile beinhalten, die durch feste Bestandteile, das Hydroskelett, umschlossen und in Form gehalten werden. Im Rahmen der Konstruktions-Morphologie wird das Konstruktionsgefüge eines Organismus betrachtet. Hierbei spielt die Erkenntnis eine Rolle, dass für eine Weiterentwicklung von Organismen grundlegende Naturgesetze bestimmend sind, v. a. die Regeln der Thermodynamik. Hieraus wird gefolgert, dass die Weiterentwicklung von Organismen nicht wie nach der Theorie von Darwin (zunächst einmal) zufällig ist, sondern bestimmten vorgegebenen Entwicklungsprinzipien folgt, weil die Naturgesetze Zwänge mit sich bringen, die einige Entwicklungen ermöglichen, andere aber verbauen. Evolution bestehe deshalb nicht (nur) in einem Überleben der Organismen, die der Umwelt am besten angepasst sind, sondern folge auch aus der Konstruktion der Organismen selbst.

Grundlegende These der Frankfurter Evolutionstheorie, die neben Gutmann u. a. von Klaus Bonik, Jens Lorenz Franzen, Manfred Grasshoff, und Stefan Peters entwickelt wurde, ist folglich die Annahme, dass Organismen sich nicht (ausschließlich) an die Umwelt anpassen, sondern sich Lebensräume anhand der eigenen Körperkonstruktion erschließen, wobei sich die Richtung der Evolution aus der Körperkonstruktion selbst ergibt. Der Evolutionsprozess erhalte durch die Naturgesetze eine Richtung, ohne freilich vom Ziel her vorherbestimmt zu sein. Grundlegend für das Überleben einer Lebensform sei erst einmal die den Naturgesetzen folgende Funktionsfähigkeit ihrer Konstruktion selbst, unabhängig von der Umwelt, wobei einer ökonomischen Energiebilanz eine wichtige Rolle zukomme. Organismen suchten Umweltbereiche auf, in denen sie mit ihrer Struktur überleben könnten. Schließlich wird davon ausgegangen, dass Strukturveränderungen in der Konstruktion einem energetischen Gefälle folgen, woraus der Schluss zu ziehen sei, dass eine Zurückentwicklung nicht möglich und einmal vollzogene Evolutionsschritte irreversibel seien.

Die Frankfurter Evolutionstheorie, deren Vertreter häufig betonen, nicht die herkömmliche Theorie umstürzen, sondern Beiträge zum besseren Verständnis von Teilaspekten liefern zu wollen, ist umstritten, auch in Frankfurter Forscherkreisen. Die Mehrheit der Forscher lehnt die Theorie als Gesamttheorie ab. Allerdings wird durchaus anerkannt, dass die Frankfurter Theorie Denkansätze und Ausgangspunkte zum Weiterforschen geliefert habe.

Weitergeforscht wird auch von den Vertretern der Theorie selbst - hier gibt es mittlerweile eine zweite Generation. Hierfür wurde eine Ausgründung aus dem Senckenberg Forschungsinstitut etabliert, die Morphisto - Evolutionsforschung und Anwendung GmbH. An der Organisationsform wird freilich auch deutlich, dass es sich hier um eine umstrittene Position handelt.

 

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Textquellen:

Grasshoff, Manfred: Kurze Geschichte der Evolutionstheorien: Von den Anfängen über Darwin bis zur Frankfurter Theorie, Morphisto Wissenschftsverlag, Frankfurt, 2014.

Webseite zur Frankfurter Evolutionstheorie: abgerufen von >https://www.biologie-seite.de/Biologie/Frankfurter_Evolutionstheorie< am 04.04.2022.

Webseite zu Organismen als hydraulische Konstruktionen: abgerufen von >https://internet-evoluzzer.de/organismen-als-hydraulische-konstruktionen/< am 04.04.2022.

Idealistische Morphologie im Lexikon der Biologie: abgerifem von >https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/idealistische-morphologie/33644< am 04.04.2022.

Beitrag zu Darwins Aufnahme in die Senckenberg-Gesellschaft in der Frankfurter Neuen Presse: abgerufen von >https://www.fnp.de/frankfurt/stritt-sich-darwin-10495497.html< am 04.04.2022.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Evolution-der-tiere, 2007, Urheber: Manfred Grasshoff, Michael Gudo, Tareq Syed via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 de.

Morphoprozess-der-evolution, 2007, Urheber: Manfred Grasshoff, Michael Gudo, Tareq Syed; Zeichnung: Antje Siebel-Stelzner via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 de.

 

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