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Frankfurter Gesangbücher

Frankfurter Gesangbücher

Sabine Gruber

Nachdem 1533 in Frankfurt die Reformation eingeführt worden war, wurden nach und nach das kirchliche Leben und die Gottesdienste umgestaltet. Eine wichtige Rolle spielten dabei Gesangbücher mit Kirchenliedern, die dabei halfen, die neue Lehre in den Gemeinden zu verbreiten. Die ersten reformatorischen Lieder wurden noch nicht in Gesangbüchern, sondern in Ein- und Mehrblattdrucken veröffentlicht, wie man sie zuvor schon über außergewöhnliche Ereignisse und Merkwürdigkeiten kannte. Die beiden ersten Gesangbücher im heutigen Sinn erschienen 1524 in Erfurt. Das Besondere an der neuen Gesangspraxis der evangelischen Gemeinden war, dass die bisher üblichen Wechselgesänge zwischen Priester und Gemeinde durch Lieder ersetzt wurden, die von allen Gläubigen gesungen wurden. Weil diese Lieder nicht lateinisch, sondern deutschsprachig waren, konnten sie auch von allen verstanden werden, und auch diejenigen, die nicht lesen und schreiben konnten, konnten sich singend mit dem evangelischen Glauben vertraut machen. Beim Erlernen der neuen Lieder halfen denjenigen, die keine Gesangbücher besaßen oder nicht lesen konnten, bekannte Melodien und der Chor.

Auch in Frankfurt am Main wurden bald erste evangelische Gesangbücher gedruckt. Lange Zeit galt das 1569 erstmals erschienene Gesangbuch als erstes evangelisches Gesangbuch, das in der Messestadt gedruckt wurde. Nach neueren Erkenntnissen erschien jedoch bereits zwei Jahre zuvor ein evangelisches Gesangbuch in Frankfurt. Was das Gesangbuch von 1569 betrifft, wurde es von dem Drucker Johann Wolf hergestellt und war – im Gegensatz zu den meisten frühen Gesangbüchern – bereits sehr inhaltsreich. Ja, es galt, wie Karl Christian Becker es in seinen "Beiträgen zu der Kirchengeschichte der evangelisch lutherischen Gemeinde zu Frankfurt am Main" darstellt, als "reichste geistliche Liedersammlung des 16. Jahrhunderts". Sein Titel mutet bereits barock an und gibt zugleich Hinweise zum Nutzen der neuen Publikation: "Kirchengesäng aus dem Wittenbergischen und allen andern den besten Gesangbüchern, so bis anher hin und wieder ausgegangen, colligiert und gesammelt, in eine feine, richtige und gute Ordnung gebracht und aufs fleißigste und nach den besten Exemplaren corrigirt und gebessert, fürnemlich den Pfarrherren, Schulmeistern und Cantoribus, so sich mit ihren Kindern zu der christlichen augsburgischen Confession bekennen und bei denselben den Chor mitsingen regieren und versorgen müssen, zu Dienst und zum Besten; Bürgermeistern und Rath gewidmet." Die Vorrede machte deutlich, dass es nicht nur für den spezifischen Gebrauch in Frankfurt am Main, sondern für alle deutschsprachigen evangelischen Gemeinden gedacht war. Bereits 1584 folgte ein weiteres, diesmal von Siegmund Feyerabend verlegtes und von Eucharius Zinkeißen zusammengestelltes, Gesangbuch, dessen ebenfalls langer Titel – stark verkürzt – "Kirchengesänge" lautet. Auch dieses Buch war nicht nur für den Gebrauch in den Frankfurter evangelischen Kirchen gedacht.

Bei weiteren Gesangbüchern, die während des 16. Jahrhunderts in Frankfurt erschienen, handelte es sich um Privat-Gesangbücher ohne offizielle Genehmigung. Interessant ist darunter vor allem ein 1571 erschienenes Buch, das "christlich, moraliter und sittlich" veränderte "Gassenhauer, Reiter- und Bergliedlein" enthielt. Dieses Buch sollte eine populäre, aber – nach Ansicht der Herausgeber – die Sitten gefährdende Liedgattung durch Lieder mit denselben Melodien, aber religiösen Texten ersetzen. Dass der Autor der sittlichen Lieder, der Jurist Heinrich Knaust, zugleich "kaiserlich gekrönter Poet" war, war dem Absatz des Buches sicher förderlich.

In der Barockzeit wurden die Gesangbücher umfangreicher, die Lesefähigkeit nahm besonders in großen Städten wie Frankfurt zu, und auch Laien besaßen immer häufiger ein eigenes Gesangbuch. Oft war es allerdings das einzige Buch, das sie besaßen. Ein frühbarockes Gesangbuch, das etliche, nicht mehr populäre oder auch vom Herausgeber nicht mehr für gut befundene Lieder wegließ, erschien in Frankfurt erstmals 1625. Während der Barockzeit wurden dort außerdem zahlreiche Ausgaben eines zunächst in Berlin gedruckten Gesangbuches, das deutschlandweit populär war und lange Zeit genutzt wurde, herausgegeben. Gemeint ist die "Praxis pietatis melica". Das erstmals 1647 in Berlin erschienene Gesangbuch mit dem deutschen Untertitel "Übung der Gottseligkeit in christlichen und trostreichen Gesängen" stammte von Johann Crüger. Es wurde vor allem durch die zahlreichen von Crüger vertonten Lieder Paul Gerhardts bekannt, die es enthielt. Weil das Buch so außerordentlich populär war, wurde es bald auch an anderen Orten gedruckt. Gegen die zahlreichen Frankfurter Editionen versuchte der Berliner Drucker der "Praxis pietatis melica" rechtlich vorzugehen, hatte damit jedoch keinen Erfolg. Die erste Frankfurter Ausgabe erschien 1656, die letzte fast ein halbes Jahrhundert später, um 1700.

Als erstes Gesangbuch, das vorwiegend für den Frankfurter Gebrauch gedacht war, erschien 1668 das "Frankfurtisch Gesangbüchlein". Es war für die damaligen Verhältnisse nicht besonders umfangreich und enthielt nur 135 Lieder. Interessant ist, dass es mit Rücksicht auf seine vorwiegende Zielgruppe, ältere Leute mit Sehschwäche, in größerer Schrift gedruckt wurde. In der späten Barockzeit, im Jahr 1731 erschien ein an alle Frankfurter Gläubigen adressiertes Gesangbuch mit dem Titel "Vollständiges Frankfurter Gesangbuch nebst beigefügten Gebeten". Es hatte den großen Umfang von 1054 Liedern. Das Konsistorium verordnete damals erstmals, dass in den Frankfurter Gottesdiensten ausschließlich Lieder aus diesem Buch gesungen werden sollten. Neue Auflagen des Gesangbuchs erschienen bis in das späte 18. Jahrhundert. Es geriet mit der beginnenden Aufklärungszeit jedoch zunehmend in die Kritik. So führt Georg Lange in seiner 1837 erschienenen "Geschichte der freien Stadt Frankfurt am Main", den verbreiteten Aberglauben, "alle Arten von Teufels- und Gespensterfurcht" vor allem auf die damals üblichen, im Frankfurter Gesangbuch von 1731 versammelten Kirchenlieder, zurück, die "größtentheils Drohungen mit Gottes Zorn, Strafe, Fluch und Verderben, jüngstem Gericht, Verdammniß, Hölle, Teufel und Gespenstern in buntem Gemisch" enthalten hätten.

Seit 1783 wurde an einem neuen Frankfurter Gesangbuch gearbeitet, das aus den zahlreichen Liedern des Gesangbuchs von 1731 eine Auswahl derjenigen treffen sollte, die in häufigem Gebrauch waren und mit den Grundsätzen des aufgeklärten Protestantismus vereinbar. Wie in der Aufklärungszeit üblich, wurden auch Texte von in das Buch aufgenommenen Liedern verändert. 1789 waren die Arbeiten abgeschlossen und an Ostern 1790 wurde das neue Buch, das nur noch 666 Lieder enthielt, eingeführt. Die zahlreichen Reformierten, die sich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankfurt angesiedelt und es dort zum Teil zu großem Wohlstand gebracht hatten, wurden von den lutherischen Frankfurter Patriziern lange Zeit politisch und religiös diskriminiert. So konnten beispielsweise erstmals 1787 innerhalb der Stadt reformierte Bethäuser errichtet werden. Die Reformierten hatten ihre eigene Gesangbuchtradition, weil sie lange Zeit ausschließlich den Genfer Psalter Johannes Calvins (für deutschsprachige Gemeinden in der Übersetzung von Ambrosisus Lobwasser) als Gesangbuch benutzen durften. Keine kleine Sensation war deshalb die Einführung des neuen Gesangbuchs von 1825, an dessen Vorarbeiten erstmals auch die deutschsprachigen Frankfurter Reformierten beteiligt waren und das sowohl in lutherischen als auch in reformierten Gemeinden verwendet wurde. Der Entwicklung einer eigenständigen katholischen Frankfurter Gesangbuchtradition stand entgegen, dass die katholischen Frankfurter Gemeinden seit dem Westfälischen Frieden lange Zeit zum Erzbistum Mainz gehörten und die dort gebräuchlichen Gesangbücher verwendeten. Sie konnten dabei von der reichen katholischen Gesangbuchtradition des Erzbistums profitieren. Erwähnt sei hier nur das "Mainzer Cantual", das im 18. Jahrhundert immerhin den doppelten Erscheinungsort Mainz und Frankfurt im Titel trug. Seit dem 19. Jahrhundert gab es jedoch auch in Frankfurt katholische Gesangbücher, die ausschließlich zum Gebrauch in der Messestadt gedacht waren, wie das "Katholische Gesangbuch" von 1846 oder die 1871 erschienenen "Gesänge und Andachten zur Feier des katholischen Gottesdienstes in der Dom- und St. Leonhardskirche zu Frankfurt a. M."

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchte man auch im Bereich der Gesangbücher die regionale Zersplitterung innerhalb Deutschlands zu überwinden und strebte im Bereich der evangelischen Kirche die Herausgabe eines einheitlichen evangelischen Gesangbuchs für sämtliche Gemeinden in Deutschland an sowie im Bereich der katholischen Kirche die Herausgabe einheitlicher Gesangbücher für die Diözesen. Mit dem seit 1950 erscheinenden "Evangelischen Kirchengesangbuch" und dem seit 1994 erscheinenden "Evangelischen Gesangbuch" für alle evangelischen Kirchengemeinden endete die Tradition eigenständiger Frankfurter Gesangbücher – allerdings nicht ganz, denn im Regionalanhang für die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau findet sich auch das eine oder andere Lied, das in Frankfurt populär war und ist. Die Frankfurter Katholiken nutzten das Gesangbuch für das 1827 gegründete Bistum Limburg, zu dem jetzt auch die Messestadt gehört. Die Ausgaben für das Bistum Limburg des seit 1975 erscheinenden "Gotteslob" für alle deutschsprachigen Bistümer erscheinen in Frankfurt. Auch dessen Anhang für das Bistum greift die eine oder andere Frankfurter Liedtradition auf.

 

 

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Textquellen

Bachmann, Johann Friedrich: Zur Geschichte der Berliner Gesangbücher: Ein hymnologischer Beitrag, Berlin, 1856.

Becker, Karl Christian: Beiträge zu der Kirchengeschichte der evangelisch lutherischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main, 1852.

Bunners, Christian: Johann Crüger (1598-1662) – Berliner Musiker und Kantor, Lutherischer Lied- und Gesangbuchschöpfer: Aufsätze, Bildnisse, Textdokumente, Berlin, 2012.

Lange, Georg: Geschichte der freien Stadt Frankfurt am Main, von ihrem Anfang bis auf die neuesten Zeiten, Darmstadt, 1837.

Stahlmann, Joachim: Kommentar zu: 187. Unser Vater in dem Himmel in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Hahn, Gerhard;  Henkys, Jürgen (Hrsg.), Heft 6/7, Die liturgischen Gesänge, Göttingen, 2003, S. 92f.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Erfurter_Enchiridion< abgerufen am 05.09.2022.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Gesangbuch< abgerufen am 05.09.2022.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Praxis_Pietatis_Melica< abgerufen am 05.09.2022.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-reformierte_Kirche_(Frankfurt_am_Main)< abgerufen am 05.09.2022.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: 

Evangelische Gesangbücher, 2011, Urheber: 4028mdk09 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Praxis Pietatis Melica, Titelblatt der 39. Auflage, 1721, Urheber: Johann Crüger via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

 

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