Frankfurt-Lese

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Gestaltungsoptionen für einen zukunftsfähigen Arbeits- und Gesundheitsschutz im Pflege- und Dienstleistungssektor

P. Fuchs-Frohnhofen, T. Altmann, S. Schulz, L. M. Wirth, M. Weihrich (Hg.)

Die Pflegebranche ist für die Arbeitsforschung aus mehrern Gründen pragmatisch: Es existieren hohe Belastungen, dabei auch nach wie vor erhebliche körperliche, doch vorallem psychische. Zusätzlich steht die Pfegebranche vor dem Problem, dass immer mehr pflegebedürftige Menschen einer sinkenden Anzahl von Pflegefachkräften gegenübersteht. In der Publikation werden die Ergebnisse einer Zusammenstellung von Verbundprojekten aus dem BMBF mit dem Förderschwerpunkt "Präventive Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von morgen" bereitgestellt.

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Wasserhäuschen

Wasserhäuschen

Ralph Zade

Wasser trinken an einem Wasserhäuschen heute die Wenigsten. Die meisten Besucher trinken Bier. Manche sogar mehr, als ihnen bekommt. Das ist eine Ironie der Geschichte, denn die Wasserhäuschen – die Frankfurter Form des Kiosks mit Getränkeausschank, anderswo Trinkhalle genannt – hatte im 19. Jahrhundert ihren Ursprung darin, dass man die Bevölkerung vom Alkoholtrinken abhalten wollte. In einer Zeit, in der das Trinken von Leitungswasser zu Gesundheitsproblemen führen konnte, da dieses nicht keimfrei war, wurde in den ärmeren Schichten Frankfurts vielfach Alkohol getrunken – vor allem Bier. Mineralwasser war nämlich teurer. Als es technisch möglich wurde, Mineralwasser in Flaschen zu füllen, ohne dass die Kohlensäure entwich, förderte die Stadt Frankfurt die Einrichtung von „Wasserhäuschen“, von denen preiswerte nichtalkoholische Getränke angeboten wurden. Das war besagtes Mineralwasser, das auf Frankfurterisch „Bitzelwasser“ hieß, aber auch Limonade in Kugelverschlussflaschen, die nach dem Verschluss „Kugelwasser“ genannt wurde. Für die Häuschen bildete sich eine halbrunde Bauweise aus Holz heraus. Bald waren sie nicht mehr nur Orte für den Getränkekauf, sondern wurden zu Nachbarschaftstreffpunkten, an denen man sich aufhalten und Kontakte knüpfen konnte.

Eine maßgebliche Rolle bei der Weiterentwicklung der Wasserhäuschen spielte die Familie Jöst. 1908 gründeten Adam Jöst und die Firma Jakob Latscha gemeinsam die „Jöst-Reform-Gesellschaft“, die alkoholfreie Getränke herstellte und Wasserhäuschen erwarb, um ihre Produkte darin zu vertreiben. Bis 1914 erwarb das Unternehmen 20 Häuschen. Als das Unternehmen 1914 in eine Krise geriet, nutzte Jöst die Gelegenheit, um die Anteile der Partnerfirma zu erwerben. Aus der Frühzeit der „Reform-Gesellschaft“, nämlich aus dem Jahre 1912, stammt das älteste, heute noch erhaltene Wasserhäuschen, das an Franziusplatz am Osthafen steht und als „Jöst Nr. 1“ bezeichnet wird. Auch andere Eigentümer betrieben Häuschen.

Nach dem Ersten Weltkrieg gerieten die Frankfurter Wasserhäuschen in Schwierigkeiten, weil sie von dem allgemein herrschenden Rohstoffmangel betroffen waren. Man verkaufte deshalb nun nicht mehr nur Getränke, sondern etwa auch Zeitungen, Tabak und Obst. Auch die Firma Jöst diversifizierte sich. Zunächst wurde sie um einen Kohlenhandel erweitert, dann kamen Spezialgeschäfte für den Verkauf von Tabak und Wein hinzu, später auch Weinstuben und schließlich eine Süßmosterei. Bei der Stadt waren die Wasserhäuschen nicht allzu beliebt, weil man fand, dass sie das Stadtbild verschandeln würden. Auf der anderen Seite nahmen sie eine Versorgungsfunktion wahr und boten auch Kriegsinvaliden Arbeit, was dazu führte, dass sie toleriert wurden.

In der Nazizeit änderte sich das. Viele Wasserhäuschen wurden abgerissen. Allerdings stand die Firma Jöst mit den neuen Machthabern auf gutem Fuße, was dazu führte, dass sie ihre Häuschen weitgehend unbehelligt weiterbetreiben und im Jahre 1938 auch noch ein neues, in zentraler Lage an der Konstablerwache gelegenes, eröffnen konnte. Im Zweiten Weltkrieg wurden dann aber viele Wasserhäuschen zerstört.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Häuschen vorübergehend einen Aufschwung. Im kriegszerstörten Frankfurt wurden sie zeitweise zu wichtigen Versorgungspunkten. Teilweise baute man sie aus den Trümmern zerbombter Häuser neu. Die Anzahl der Häuschen nahm stark zu, zeitweise soll es bis zu 800 gegeben haben. Zu ihrem Erfolg trug auch bei, dass sie nicht an die normalen – damals noch recht restriktiven und in der Regel um 18 Uhr endenden – Ladenöffnungszeiten gebunden waren und damit eine Funktion übernahmen, wie etwa die „Spätis“ in Berlin.

Die Blüte der Wasserhäuschen war aber nicht von allzu langer Dauer. Der Wiederaufbau Frankfurts führte vielfach zu einer Veränderung des Straßenverlaufs und damit zur Notwendigkeit, Häuschen abzureißen. In Bezug auf Späteinkäufe entwickelte sich zunehmend eine Konkurrenz durch Tankstellen mit angeschlossenem Ladenteil. Außerdem gab es – da die Häuschen nunmehr nicht mehr in erster Linie als Bezugsquelle für nichtalkoholische Getränke genutzt wurden, sondern entgegen ihrem ursprünglichen Entstehungszweck auch für Alkoholeinkäufe, die dann gleich vor Ort und in Gesellschaft anderer Käufer in feuchtfröhlichen Runden konsumiert wurden – zunehmend Beschwerden von Anwohnern wegen Lärmbelästigung durch Betrunkene. Dazu kam, dass die meisten Wasserhäuschen nicht über Toiletten verfügten, was zu unangenehmen Gerüchen im Umfeld führte. Deshalb verlängerte die Stadt viele Konzessionen nicht. Die Firma Jöst konnte als großes Unternehmen Auflagen wie Toilettenbau immerhin leichter bewältigen als kleinere und gewann deshalb an Dominanz. Zeitweise gab es an den Häuschen sogar die Marke „Jöst-Cola“. 1971 verkaufte Kurt Jöst, ein Sohn von Adam Jöst, die wesentlichen Liegenschaften der Firma Jöst, darunter 80 Wasserhäuschen, dann aber an die Henninger Bräu KG. Auch viele andere Wasserhäuschen – heute gibt es davon noch knapp 300, davon 40-60 historische – gehören Brauereien oder anderen Getränkeherstellern, die sie verpachten, damit dort nicht zuletzt eigene Produkte verkauft werden können.

Seit Mitte der 80er Jahre hat sich die Wahrnehmung der Wasserhäuschen – nicht zum ersten Mal in deren Geschichte – gedreht. Man nimmt sie nicht mehr als Schandflecke und Ursachen für Belästigung wahr, sondern sieht sie als Orte einer Tradition, die es außerhalb Frankfurts so nicht gibt. Probleme wie fehlende Toiletten sind heute vielerorts behoben. Der Blick auf die Häuschen ist heute vielfach ein nostalgischer. Schriftsteller wie Martin Mosebach setzten sich für sie ein, der Verein „Linie 11“ hat vieles für ihren Erhalt getan, in den Jahren 2017 und 2021 gab es jeweils einen „Tag der Wasserhäuschen“, ein Fest quer durch die Stadt, und es wurden mittlerweile zwei Quartetts mit Bildern Frankfurter Wasserhäuschen veröffentlicht. 2021 übernahm die Stadt Frankfurt die Verpachtung von 34 Wasserhäuschen, die vorher durch die Radeberger-Brauerei verwaltet wurden, in Eigenregie. Nach einer längeren Krisenzeit sieht es heute für den Erhalt der Frankfurter Wasserhäuschen als traditionellem Teil der Stadtarchitektur wieder gut aus.

 

 

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Textquellen:

Neeb, Ursula: Wasserhäuschen: Eine Frankfurter Institution, Fachhochschulverlag, 2005.

Seite auf frankfurt.de zu Wasserhäuschen abgerufen von >https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/typisch-frankfurt/wasserhaeuschen< am 24.07.2023.

Seite zu Wasserhäuschen-Quartett abgerufen von >http://wasserhäuschen.eu/< am 24.07.2023.

Seite des Vereins „Linie 11“ zu Wasserhäuschen abgerufen von >https://linie11.org/< am 24.07.2023.

Wasserhäuschen-Liste des Vereins „Linie 11“ abgerufen von >https://linie11.org/wasserhaeuschen-liste/<

Seite zu neun Frankfurter Wasserhäuschen abgerufen von >https://frankfurtdubistsowunderbar.de/die-neun-wasserhaeuschen< am 24.07.2023.

Bericht der Frankfurter Rundschau zur Übernahme der Verpachtung von 34 Wasserhäuschen durch die Stadt abgerufen von >https://www.fr.de/frankfurt/wasserhaeuschen-in-frankfurt-gute-nachrichten-fuer-buedchen-betreiber-90482087.html< am 24.07.2023.

Seite des Instituts für Stadtgeschichte zu Wasserhäuschen und der Familie Jöst abgerufen von >https://www.stadtgeschichte-ffm.de/de/stadtgeschichte/archivschaetze/themen-a-z/archivschaetze-firma-joest/vermaechtnis-trinkhalle-wie-die-frankfurter-familie-joest-das-stadtbild-praegte< am 24.07.2023

Seite zum ältesten noch existierenden Wasserhäuschen am Osthafen abgerufen von >https://www.genussmagazin-frankfurt.de/gastro_news/Kuechengefluester-26/Einbruch-im-aeltesten-Wasserhaeuschen-Frankfurts-Die-fetten-Jahre-sind-vorbei-am-Franziusplatz-35593.html< am 24.07.2023.

Bericht in der Frankfurter Rundschau zum zweiten Tag der Wasserhäuschen 2021 abgerufen von >https://www.fr.de/frankfurt/stimmung-an-den-frankfurter-buedchen-90839519.html< am 24.07.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Diba wasserhaeuschen offenbach, 2005, Urheber: diba via Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0 DE.

Galluswarte Trinkhallen, 2014, Urheber: Metroskop via Wikimedia Commons CC BY 3.0.

 

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