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Roland Opitz
Kennst du Fjodor Dostojewski?

Das Leben Dostojewskis glich einer Achterbahnfahrt: stetig pendelnd zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen Erfolg, Spielsucht und Geldnot. Mit 28 Jahren wurde er wegen revolutionärer Gedanken des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, landet dann aber im sibirischen Arbeitslager.
Er gilt als Psychologe unter den Schriftstellern, derjenige der hinab schauen kann in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Biografie ist gespickt mit Auszügen aus seinen Meisterwerken sowie mit einigen seiner Briefe, die einen offenherzigen Menschen zeigen.

Die Ballonfahrt von Blanchard

Die Ballonfahrt von Blanchard

Sabine Gruber

Die Frankfurter waren schon immer begeistert von den technischen Errungenschaften der Moderne. Schon seit 1839 gab es mit der Taunusbahn eine viel genutzte Bahnverbindung zum Rheingau, 1861 führte Philipp Reis in Frankfurt sein neu entwickeltes „Telephon“ vor, 1924 wurde am Rebstock der erste Flughafen eingerichtet und nach dem Zweiten Weltkrieg entstand nach und nach die Hochhaussilhouette, die Frankfurt den Spitznamen „Mainhattan“ einbrachte. Auch im 18. Jahrhundert gab es schon ein großes Interesse an technischen Innovationen. Deshalb verwundert es nicht, dass Jean-Pierre François Blanchard für seine erste Ballonfahrt in Deutschland am 3. Oktober 1785 einen Startplatz nahe Frankfurt wählte. Hier konnte er mit großer Aufmerksamkeit rechnen. Blanchards Ballonfahrt zog vermutlich eine noch größere Menge an Schaulustigen an als er erwartet hatte. Zehntausende sollen es gewesen sein, die fasziniert und vielleicht auch ein wenig erschreckt den Auftritt des Flugpioniers verfolgten.

Die „Bayreuther Zeitung“ berichtete über die Vorbereitungen des Ereignisses, das die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzte, den Frankfurter Hoteliers bereits im Vorfeld nie gekannte Einnahmen bescherte und die überraschten Frankfurter schon damals die Auswirkungen des späteren Massentourismus spüren ließ: „Der berühmte Luftschiffer Blanchard lockt weit und breit Fremde nach Frankfurt, so daß es dermalen daselbst so lebhaft wie bey einer Krönung seyn soll. Alle Gasthäuser sind schon seit 8 Tagen ganz besetzt, und logiren schon dato zweymal mehr Fremde bey der Burgerschaft als in den Wirthshäusern logiren können: man fordert für ein Zimmer täglich 5 fl. [Gulden] und zahlen die Fremden dieß gerne und noch mehr, und sind nur froh, daß sie unter Dach kommen. Künftigen Sonntag, den 25ten dieß gegen Mittag wird Blanchard vor dem Thor auf einer Wiese, am Grindbrunnen genannt, in die Luft fahren. Wie ihm der Wind am günstigsten ist, fährt er hin.“

Der Mann, der in Frankfurt im Frühherbst 1785 mit so großer Spannung erwartet wurde, Jean-Pierre François Blanchard, wurde 1753 in Les Andelys in der Normandie geboren. Schon früh träumte er davon zu fliegen und tüftelte an verschiedenen Flugapparaten, die sich jedoch als nicht flugtauglich erwiesen. Seit dem 80er Jahren startete er mit Ballons wie sie unter anderem von den Brüdern Montgolfier entwickelt worden waren. Im Januar 1785 unternahm er mit dem Amerikaner John Jeffries eine viel beachtete Ballonfahrt von England nach Frankreich über den Ärmelkanal. Die Fahrt gestaltete sich turbulent: die beiden Passagiere konnten nur dadurch einen Absturz verhindern, dass sie alles abwarfen und sich sogar ihrer Kleidung entledigten. Immerhin blieb die erste bekannte Luftpost mit an Bord.

Blanchards erster Versuch, in Frankfurt zu starten, den so viele Menschen seit Tagen mit Spannung erwartet hatten, schlug fehl und man fragt sich, ob daraufhin die ersten Gäste frustriert wieder abreisten oder ob die Spannung nur noch stieg. Jedenfalls scheinen viele verärgert gewesen zu sein, denn die „Staats-Relation derer neuesten Nachrichten und Begebenheiten auf das Jahr 1785“ berichtete von einem Rechtfertigungsschreiben, das „einige anwesende hohe Herrschaften“ für Blanchard aufgesetzt hatten. „Wir Unterzeichnete behaupten, daß der 25ste Tag dieses Monaths so stürmisch war, daß Hr. Blanchard, der seinen 15ten aerostatischen Versuch auf diesen Tag angekündigt hatte, sich genöthigt fand, solchen unter Verhoffung stillerer Witterung auf den andern Tag auszusetzen: Sturm und Regen aber vermehrten sich vielmehr dergestalt, daß gegen Abend die Zelten umgeschmissen und zerrissen wurden, die Umfassung auch zum Theil nähmliches Schicksal hatte, u grossen Schaden litte, so daß es unserm Aeronauten unmöglich war, den Versuch auszuführen.“ hieß es darin unter anderem.

Erst Tage später, am 3. Oktober, die Frankfurter Herbstmesse hatte schon begonnen und – wenn das noch möglich war – noch mehr Fremde in die Stadt gezogen, gelang Blanchard von der Bornheimer Heide aus (heute überbaut und im Frankfurter Stadtteil Nordend gelegen) der Aufstieg. „Wie ihm der Wind am günstigsten ist, fährt er hin“ hatte die Bayreuther Zeitung angekündigt, und Blanchard fuhr nachdem ihm der Aufstieg gelungen war über Bockenheim, wo er an einem Fallschirm einen kleinen Hund zu Boden schweben ließ, der dort gesund ankam, und landete – ein ganzes Stück von Frankfurt entfernt – im hessischen Weilburg. Bei seiner Rückkehr nach Frankfurt wurde Blanchard von einer begeisterten Menschenmenge empfangen und vom Rat der Stadt geehrt.

Im folgenden Jahr unternahm Blanchard einen weiteren Ballonflug in Deutschland – diesmal von Hamburg aus. 1787 startete er in Nürnberg und 1788 in Braunschweig und Berlin. 1809 verstarb Blanchard. Im Jahr nach seinem Tod konnte man erneut den Namen Blanchard in den Frankfurter Zeitungen lesen, und wieder warteten zahlreiche Schaulustige dort auf einen Ballonflug. Diesmal war es Blanchards Witwe Madeleine (Armant-)Blanchard, die in Frankfurt mit ihrem Ballon startete. Sie startete am 16. September 1810, und wenn man ihren Start aus der Nähe verfolgen wollte, konnte man vorher Eintrittskarten erwerben. Auch den Ballon konnte man gegen Eintrittsgeld zuvor besichtigen. In Frankfurt-Bockenheim, wo Blanchard damals den Hund zu Boden schweben ließ, erinnert seit seinem 100. Todestag 1909 die Blanchardstraße an den Flugpionier.

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Textquellen

Baedekers Allianz-Taschenbücher: Frankfurt am Main: Stuttgart/Freiburg, 1983.

Bayreuther Zeitung. Anhang zu Nummer 115. Montag, 26. September 1785 Bockenheimer Straßen erzählen von gestern, heute und morgen. Hrsg. von den Freunden Bockenheims e. V. - Verein für Ortsgeschichte. Text: Marie-Luise Latsch. Mammendorf 2006

Leben in Frankfurt am Main: Auszüge der Frag- und Anzeigungs-Nachrichten (des Intelligenz-Blattes) von ihrer Entstehung an im Jahre 1722 bis 1821: gesammelt, geordnet und den Bürgern dieser Stadt gewidmet von Maria Belli, geb. Gontard, Bd. 9: Frankfurt a. M. , 1850.

Staat-Relation derer neuesten Nachrichten und Begebenheiten auf das Jahr 1785: Ein historisches Journal: Regensburg, o. J.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Pierre_Blanchard (zuletzt geöffnet: 25.05.2018).


Bildquellen

Vorschaubild: Blanchard steigt am 3. Oktober 1785 von der Bornheimer Heide mit seinem Gasballon auf (Zeitgenössischer Stich, anonym), 2009, anonym via Wikimedia Common Gemeinfrei.

Jean-Pierre Blanchard, 1785, Urheber: S. Hooper via Wikimedia Commons Gemeinfrei.