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Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Texten.

Ingeborg Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesungen

Ingeborg Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesungen

Ulrike Unger

Anfängliche Irritationen der bis heute stattfindenden Poetikvorlesungen

 

„Eine neue Sprache muß eine neue Gangart haben, und diese Gangart hat sie nur, wenn ein neuer Geist sie bewohnt."

(aus Ingeborg Bachmanns 1. Poetikvorlesung, 25. November 1959)

Die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität wartete im Wintersemester 1959/60 mit einer Neuheit auf. Sie initiierte in diesem Zeitraum zum allerersten Mal eine Poetikdozentur, für die sie fortan namhafte Dichterinnen und Dichter einlud, ein Semester lang zu einem bestimmten Thema zu sprechen. Es war ein anspruchsvolles Projekt, das es so in Deutschland noch nicht gegeben hatte. Die erste Dichterin, die vor das Auditorium trat, war Ingeborg Bachmann.

Damals war die 33-jährige Bachmann bereits ein Star der literarischen Öffentlichkeit und gehörte zu den angesehensten Vertretern ihrer Kunst. Schon Tage vorher nahmen sich Presse, Radio und Fernsehen des Ereignisses an und provozierten einen regelrechten Medientumult bei der Ankunft der Schriftstellerin.
Die große Dichterin, die die ganze Mainmetropole in helle Aufregung versetzte, hatte zur Premiere Max Frisch mitgebracht, mit dem sie zu dieser Zeit liiert war. Er saß in der ersten Reihe im Publikum und schien sich sichtlich unwohl zu fühlen. Neben Studenten und Wissenschaftlern waren auch hochrangige Verlagsvertreter aus Frankfurt anwesend wie der Verleger Siegfried Unseld.

Bachmann wollte sich zur Thematik „Probleme zeitgenössischer Dichtung" äußern. Eine ehrgeizige Aufgabe, der sie da zustimmte. So referierte sie in den insgesamt fünf Vorlesungen unter anderem über „Das schreibende Ich", den „Umgang mit Namen" oder „Literatur als Utopie". Das Spektrum an Autoren in ihren Ausführungen reichte von Hugo von Hofmannsthal, über Franz Kafka und James Joyce bis zu Robert Musil.

Für die junge Autorin war die Annahme dieser Gastdozentur wahrlich eine Herausforderung. Die Schwierigkeiten dieser Vorlesungsreihe bestanden in Folgendem: Ingeborg Bachmann hatte sich darauf vorbereitet, ihre persönlichen Erfahrungen um das Dichten kundzutun, in die sie die Erkenntnisse der von ihr gelesenen Lektüre einfließen ließ. Ihre Vorlesungen sollten nicht Literaturtheorie zum Inhalt haben. Die Studenten hingegen erwarteten etwas anderes.

Bachmann besaß aber weder den souveränen Professoren-Gestus noch die kräftige Rednerstimme, die es bei einer so zahlreich erschienenen Hörerschaft vielleicht gebraucht hätte. Auch hatten die Studenten wohl mit einer selbstbewussten, glamourösen Prominenten gerechnet. Stattdessen sprach Ingeborg Bachmann leise, fast ein bisschen monoton. Zudem irritierten sie die anwesenden Journalisten.

Ihr außergewöhnliches Interesse an sämtlichen Details ihres Auftritts, an Kleidung und Frisur, verstärkten dieses Gefühl der Verunsicherung noch. Bachmanns Verlegenheit hatte bald Auswirkungen auf ihr Publikum, welches ihr zunehmend zwiegespalten lauschte. Sie störte sich nicht daran, ihre eigenen Sprachzweifel zwischen die Zuhörer zu streuen. Sie konfrontierte sie mit ganz persönlichen Reflexionen einer Dichterproblematik. Sie stellte Fragen, auf die sie keine Antwort gab. All das überforderte die Studenten. Denn die meisten, die an den insgesamt fünf Veranstaltungen teilnahmen, waren angehende Deutschlehrer, die nur bedingt dichterische Ambitionen gehabt haben dürften. Im letzten sich an die jeweiligen Vorlesungen anschließenden Seminar warf einer der Studenten ihr sogar „esoterisches Getue" vor. Man erwartete Inhaltslogik nach akademischen Regeln und fand sich darum in Bachmanns Ausführungen nicht zurecht, die eher Inspiration vermitteln, Sensibilisierung für das, was moderne Dichtung ausmachte, wecken wollten. Was viele womöglich zu wenig bedachten: Ingeborg Bachmann war eine Poetin, keine Wissenschaftlerin. Die Erleichterung über das Ende der Vortragsreihe zeigen ihre Briefwechsel: „Ich möchte nie wieder Professor sein", schrieb sie an den befreundeten Autor Hermann Kesten.

Nicht alle Ereignisse während Bachmanns Frankfurt-Aufenthalt waren derart nervenaufreibend und unangenehm. Denn hier hatte die Schriftstellerin endlich die Möglichkeit, den hochgeschätzten Theodor W. Adorno in persona kennenzulernen. Auf diese Begegnung folgten später intellektuell-anregende Korrespondenzen, verbunden mit gelegentlichen gegenseitigen Besuchen.

Der populären Tradition der bis heute stattfindenden Poetikvorlesungen taten die anfänglichen Irritationen keinen Abbruch.

 

 

***** 

Quellen:
• Andrea Stoll: Ingeborg Bachmann. Der dunkle Glanz der Freiheit. Biografie. München: C. Bertelsmann 2013.

Bildquelle: 

Johann Wolfgang Goethe-Universität im Jahr 1958, Bundesarchiv, B 145 Bild-F005759-0014 / Schlempp / CC-BY-SA