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Astrid Koopmann/ Bernhard Meier
Kennst du Erich Kästner?

Ist das dort nicht Kästner, Erich Kästner? Ich habe gehört, er war gerade auf großer Reise - Dresden, Leipzig, Berlin, München oder so. Soll ich dich mit ihm bekannt machen? Kästner mal ganz privat! Er hat immer eine Menge spannender Geschichten auf Lager.

Die Europäische Zentralbank

Die Europäische Zentralbank

Ralph Zade

Die Frankfurter Skyline ist seit 2014 um eine Attraktion reicher. Am Ostbahnhof – also abseits von den anderen Wolkenkratzern der Stadt, die im Zentrum das Stadtbild Frankfurts prägen und der Stadt den Spitznamen Mainhattan eingebracht haben – stehen die beiden Türme der Europäischen Zentralbank, kurz EZB genannt, 165 und 185 Meter hoch. Eine ehemalige Großmarkthalle, die von 1928 bis 2004 vor allem dem Obst-und Gemüsehandel gedient hatte, wurde in den Gebäudekomplex einbezogen und beherbergt das Konferenzzentrum. Der 1,3 Milliarden Euro teure Bau basiert auf Plänen des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au, das den entsprechenden Wettbewerb gewonnen hatte. Der Bau, für den die Planungen dann mehrfach verändert wurden, ist durch charakteristische Schrägflächen gekennzeichnet; die beiden Türme sind durch ein Atrium verbunden. Für eine bessere Verkehrsanbindung wurde zudem noch eine – allerdings schon länger geplante – neue Brücke über den Main gebaut; die 2013 eröffnete Osthafenbrücke. Das Gebäude bietet Platz für 2500 Arbeitsplätze. Der Bau dauerte von 2010 bis 2014, erste Ausschachtungsarbeiten hatten schon 2008 begonnen.

Bankenstadt war Frankfurt schon immer und einige Bankhäuser wie die Bethmann-Bank und die Metzler-Bank haben eine jahrhundertealte Tradition. Dass die Währung großer Teile der EU von Frankfurt aus gesteuert wird, ist allerdings noch nicht lange her. Die Zentralbank, die 1997/98 aus dem Europäischen Währungsinstitut hervorging (und so schon einige Jahre vor der Einführung des Euro als Bargeld Anfang 2002 entstand), hatte bis zum Umzug ihren Sitz im Eurotower am Willy-Brandt-Platz in der Innenstadt. Dieser Turm blieb mit 145 Metern Höhe hinter dem neuen Gebäude um Einiges zurück und reichte bei ständig steigendem Personalbestand dann nicht mehr aus. Frankfurter erinnern sich vor allem an den Informationsladen, in dem man – mit Ausnahme der Kleinstaaten Vatikan, San Marino und Monaco – die Euro-Kursmünzensätze aller Euro-Länder erwerben konnte; auch eine Buchhandlung mit ausländischen Büchern gab es, die vor allem den Beschäftigten der Bank dienen sollte, aber auch der Öffentlichkeit offenstand.

Mario Draghi
Mario Draghi

Die EZB bildet den Kern eines Systems, das die Währung von 19 EU-Mitgliedstaaten managt. Die nationalen Zentralbanken – darunter auch die Deutsche Bundesbank, die ihren Sitz ebenfalls in Frankfurt hat, bei den Miquelanlagen, einem der ruhigsten Parks Frankfurts im Nordwesten der Stadt – sind nicht mehr selbstständig, sondern Teil des Europäischen Systems der Zentralbanken. Grundlegende geldpolitische Beschlüsse werden im EZB-Rat gefasst. Dieser besteht aus dem Exekutivorgan der EZB, dem EZB-Direktorium, dem neben dem derzeitigen Chef der EZB, dem Italiener Mario Draghi, fünf weitere Mitglieder angehören, und den Präsidenten der Nationalbanken der EU-Länder, die den Euro eingeführt haben. Ein Erweiterter Rat umfasst auch die Präsidenten der Nationalbanken der Länder, die den Euro noch nicht eingeführt haben, hat aber vor vor allem beratende Funktion. Neben der Mitwirkung ihrer Präsidenten im EZB-Rat kommen den nationalen Zentralbanken vor allem organisatorische und ausführende Kompetenzen zu – ein erheblicher Machtverlust für die Bundesbank im Vergleich zu D-Mark-Zeiten, in denen sie als eigenständige Notenbank eine unabhängige Geldpolitik machen konnte.

Die Einführung des Euro sollte die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion vollenden und den Europäischen Einigungsprozess unumkehrbar machen. Grundsätzlich dürfen alle EU-Staaten den Euro einführen – und müssen dies auch – sobald sie vier rechtlich festgelegte wirtschaftliche Stabilitätskriterien erfüllen. De facto kann trotz dieser Rechtslage kein Land wirklich zur Einführung der Gemeinschaftswährung gezwungen werden. Hat ein Land sie eingeführt, dann ist eine Rückkehr zu einer eigenen Währung zwar theoretisch denkbar, wegen der ökonomischen Folgewirkungen aber nur unter größten Schwierigkeiten möglich.

Am 18. März 2015 war Frankfurt im Ausnahmezustand. An diesem Tag wurde der EZB-Neubau offiziell eröffnet. Das nahm das linksgerichtete Blockupy-Bündnis zum Anlass massiver Proteste, die punktuell auch in Gewalt umschlugen und zum Einsatz Tausender Polizeibeamter mit Fahrzeugen und Hubschraubern sowie massiven Verkehrsbeeinträchtigungen aufgrund von Straßensperrungen führten. Die Proteste waren Ausdruck eines in der Gesellschaft weit verbreiteten Unbehagens. War der Euro – und die ihm zugrundeliegende Europäische Zentralbank – ursprünglich als völkerverbindendes Projekt gedacht und Frankfurt als internationalste Stadt Deutschlands deshalb als Standort für die Notenbank auch symbolisch geeignet, so ist er in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geraten.

Die Kritik von Blockupy ist dabei fundamental und richtet sich gegen ein als menschenverachtend empfundenes Finanzsystem, in dem die Interessen der Wirtschaft im Zweifel den Vorrang vor allem anderen hätten. Vor allem an der Behandlung Griechenlands, das in den letzten Jahren zu massiven – die Bevölkerung stark belastenden und in Teilen in die Armut treibenden – Sparmaßnahmen gezwungen wurde, um die Euro-Währung behalten zu können, hat entsprechenden Unmut ausgelöst. Die EZB wird insofern als Symbol einer Wirtschafts- und Finanzordnung empfunden, die zutiefst ungerecht sei. Kritik gibt es aber auch aus anderer Richtung. Die Politik des „billigen Geldes“, die die EZB seit einiger Zeit betreibt, um die europäische Wirtschaft anzukurbeln, hat dazu geführt, dass es für Sparguthaben kaum noch Zinsen gibt, was vor allem deutsche Sparer schon Milliarden gekostet hat. Die Problematik, die darin besteht, dass Länder mit völlig unterschiedlichen volkswirtschaftlichen Voraussetzungen nun eine gemeinsame Währung haben und die Geldpolitik nicht mehr eigenständig den nationalen Bedürfnissen entsprechend gestalten können, hatte man unterschätzt, als man den Euro als politisches Projekt zur weiteren Einigung Europas plante. Viele sagen nun, dass er eher spaltet als einigt. Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings auch, dass die Einheitswährung nicht nur für die grenzüberschreitend tätige Wirtschaft, sondern auch für Reisende und im Ausland Einkaufende große Vorteile bringt und somit zum Bewusstsein von der Einheit Europas beigetragen hat.

Frankfurt wird auch in Zukunft noch Schauplatz von Protesten sein – die beiden EZB-Türme aber bleiben ein Symbol dessen, was immer schon eine Facette Frankfurter Identität war: Stadt des Handels, der Finanzen und des Geldes zu sein. Nur ist das eben nicht alles: Soziale Probleme gibt es in Frankfurt ebenso – und auch eine Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit sozialen, ökonomischen und politischen Fragen.

Adresse:

Sonnemannstraße 20,60314 Frankfurt am Main

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Quellen:

https://www.ecb.europa.eu/ecb/html/index.de.html

Vertrag über die Europäische Union (EUV)

Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV)

http://www.coop-himmelblau.at/architecture/projects/the-new-premises-of-the-european-central-bank-ecb/

https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_gegen_die_Er%C3%B6ffnung_des_Neubaus_der_Europ%C3%A4ischen_Zentralbank

https://www.bundesbank.de


Bildquellen:

Frankfurt am Main: Gebäudekomplex der Europäischen Zentralbank, von Nordwesten. Urheber: Epizentrum via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Mario Draghi, President, European Central Bank, Frankfurt is captured during the special address session at the Annual Meeting 2013 of the World Economic Forum in Davos, Switzerland, January 25, 2013. . . Copyright by World Economic Forum. . swiss-image.ch/Photo Remy Steinegger Urheber: World Economic Forum via Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0