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Die Liebe in Mythen und Sagen

Florian Russi

Broschüre, 24 Seiten
EUR 2,00

Liebesglück und Liebesleid beschäftigen die Menschen seit Jahrhunderten. Ihren Ausdruck fanden sie in zahlreichen Mythen und Legenden, vom frühen Altertum bis in die frühe Neuzeit.

Die neue Frankfurter Altstadt

Die neue Frankfurter Altstadt

Ralph Zade

„Von dem alten Zeug haben wir in der Stadt genug.“ soll Frankfurts Oberbürgermeister Franz Adickes gesagt haben, als 1904-06 dem Bau der Braubachstraße weit über hundert historische Häuser zum Opfer fielen. Die Frankfurter Altstadt war eine der größten und besterhaltenen Altstädte Europas. Historische Bausubstanz hatte man also in großem Umfang, und den engen, schlecht belüfteten Gassen, die zudem durch winklige Anbauten vielfach blockiert und dadurch auch nicht immer ansehnlich waren, durch einen Straßendurchbruch, der den Verkehrsnotwendigkeiten der neuen Zeit entsprach – auch wenn es noch kaum Autos gab – etwas Luft zu verschaffen, schien eine gute Idee zu sein.

Vierzig Jahre später ließen die Luftangriffe von 1944 von der Frankfurter Altstadt kaum noch etwas übrig. Letzte Reste von Gebäuden, deren Ruinen der Planung einer autogerechten Stadt im Wege standen, wurden sogar nach dem Krieg noch abgerissen. Wieder aufgebaut – nicht in allen Details originalgetreu, aber immerhin mit Wiedererkennungswert – wurde nur ein kleiner Teil der Altstadt, vor allem die Bebauung am Römerberg. Die Bausubstanz zwischen Römerberg und Domplatz dagegen rekonstruierte man nicht. Jahrzehntelang lag das Gelände brach, bevor ab 1970 der Bahnhof Dom/Römer der U-Bahn gebaut wurde, außerdem 1972-1974 als Sitz der technischen Ämter der Stadt das Technische Rathaus, ein monumentaler und nach Ansicht vieler Frankfurter hässlicher Bau in unmittelbarer Nähe des Doms, der auf den historischen Straßenverlauf keine Rücksicht nahm. Das Gebäude war schon bei seinem Bau umstritten und dieser von Bürgerprotesten begleitet, stand dann aber bis 2010.

Das sogenannte Dom-Römer-Projekt, für das der Grundstein im Jahre 2012 gelegt wurde, das aber schon vorher kontrovers diskutiert worden war, hat die zwischen Römerberg und Dom gelegenen Straßenzüge nun wiederhergestellt. Damit ist die Frankfurter Altstadt, d.h. der Teil der Altstadt, der eine historische Anmutung hat – auch fast alle bisher stehenden Altstadtbauten sind ja Rekonstruktionen – deutlich vergrößert worden. 2018 wurden die Baumaßnahmen abgeschlossen und das neue Viertel eröffnet.

Das könnte man nun als großen Erfolg werten. Das Projekt ist aber nach wie vor sehr umstritten. Dabei geht es zunächst um die Sinnhaftigkeit einer Rekonstruktion historischer Bauten, die schon anderswo in Deutschland, etwa beim Berliner Stadtschloss, kontrovers diskutiert wurde (anders als etwa in Polen, wo die historischen Innenstädte von Warschau, Danzig und Breslau nach dem Krieg ebenfalls großflächig rekonstruiert wurden, was heute allgemein als Erfolg gilt). Schon bei den Rekonstruktionen, die in Frankfurt nach dem 2. Weltkrieg vorgenommen wurden, z. B. beim Goethehaus, hatte man entsprechende Diskussionen geführt, die neben dem generellen Sinn der Rekonstruktion historischer Bausubstanz auch die Frage betrafen, ob man angesichts der deutschen Kriegsschuld die Zerstörungen, die deren Folge seien, rückgängig machen solle und dürfe. Darüber hinaus wird die Qualität der Rekonstruktion – bei der noch vorhandene Fassadenteile nicht integriert wurden, bei der Vereinfachungen vorgenommen wurden, und die auch Häuser umfasst, die es historisch so nicht gegeben hat – in Zweifel gezogen. Die vor dem 2. Weltkrieg vielfach als problematisch empfundene Enge und Verwinkelung der Gassen, die zu unhygienischen Verhältnissen führte und die nun wiederaufgebauten Straßenzüge teils zu einem eher von ärmeren Bevölkerungsteilen bewohnten Gebiet machte, wurde natürlich ohnehin nicht nachempfunden – die aktuell bestehenden Baurechtsvorschriften mussten beachtet werden. Insofern wird gesagt, dass hier ein Idyll entstanden sei, das es historisch so nie gegeben habe. Schließlich wird das Projekt wegen der hohen Kosten kritisiert, die unangemessen seien, da es in Frankfurt einen Mangel an preisgünstigem Wohnraum für Familien gibt, die Wohnungen, die – neben Läden – im neuen Viertel entstanden sind, aber im Hochpreissegment verortet sind.


Unabhängig davon, wie man diese Fragen beurteilt: Der neue Altstadtteil ist für die Frankfurter Innenstadt schon heute mit prägend. Wiederhergestellt wurde die Bebauung zwischen dem Domplatz und dem Römerberg in einem Areal, das durch die immer noch als Verkehrsachsenschneise fungierende Braubachstraße und die Kunsthalle Schirn begrenzt wird. Den Kern bildet der Alte Markt, kein Platz, sondern eine Gasse, durch die der historische Krönungsweg verlief. Dazu kommen der Hühnermarkt – das ist ein echter Platz –, die Straßenzüge Hinter dem Lämmchen und Neugasse. Unter den wiederhergestellten Bauten, die teilweise auch Innenhöfe umfassen, ragt das mittelalterliche Haus zu Goldenen Waage heraus, das mit seiner Renaissancefassade bis zum Zweiten Weltkrieg eine Sehenswürdigkeit war. Im teilweise rekonstruierten Hof Rebstock am Markt (von dem Teile bereits dem Bau der Braubachstraße zum Opfer gefallen waren und nicht wiederhergestellt wurden) wurde (in einem nicht rekonstruierten Teil) der Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze geboren. Nach diesem benannt ist der Stoltze-Brunnen, der nun auf dem wiederhergestellten Hühnermarkt – vielleicht dem schönsten Ort im neuen alten Viertel – steht, nachdem er lange Zeit bei der Katharinenkirche platziert war. Ein weiterer Messehof, das Goldene Lämmchen, wurde ebenfalls wiederaufgebaut, so wie eine Reihe weiterer Bauten, die als „schöpferische Nachbauten“ neu erstanden sind. Diese Bauten haben durchweg eine lange, gut dokumentierte Geschichte. Dass keine reine Rekonstruktion, sondern ein Mix aus alt und neu entstanden ist – was vielfach kritisiert wurde – wird am Stadthaus deutlich, einem am Südrand des neuen Viertels neu konzipierten Bau, unter dem sich der Archäologische Garten befindet, wo Funde aus der Stadtgeschichte zu sehen sind.

Obwohl die neue Altstadt, die die neueste Altstadt weltweit ist, erst seit einigen Monaten eröffnet ist, und die vorgesehenen Läden noch einziehen müssen, ist sie bei Touristen schon sehr beliebt. Ob die Besucher aus aller Welt in einigen Jahren, wenn die Bausubstanz etwas Patina gewonnen hat, noch merken werden, dass es sich hier nicht um „echte“ Altbauten handelt, ist fraglich, und das umso mehr, als ja auch das angrenzende ältere Altstadtareal aus Rekonstruktionen besteht. Insofern ist das neue Viertel zumindest aus der Sicht der Tourismusförderung schon jetzt ein Erfolg und selbst dann, wenn man ihm kritisch gegenübersteht, ganz sicher einen Besuch wert.


*****

Textquellen:

Webseite mit Informationen zum Dom-Römer-Projekt, virtuellem Rundgang u.a.m. https://www.domroemer.de/

Tietz, Jürgen: Märchenstunde am Main in: NZZ, 20.03.2017 (kritischer Artikel zum Projekt) abgerufen von

> https://www.nzz.ch/feuilleton/frankfurts-rekonstru... <

Guratzsch, Dankwart: Aber bitte richtig alt in: Die Welt, 08.04.2015 (positive Würdigung des Projektes) abgerufen von

> https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/arti... <


Bildquellen:

Vorschaubild: Blick vom Domturm auf das Dom-Römer-Areal (April 2018), Urheber: Silesia711 via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Schöpferischer Nachbau des Hauses zur Goldenen Waage (Januar 2018), Urheber: Flibbertigibbet via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Frankfurt am Main, Markt Blick vom Haus "zu den drei Römern" Richtung Dom, Urheber: Flibbertigibbet via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.