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Schukowski und Gogol in Frankfurt

Schukowski und Gogol in Frankfurt

Ralph Zade

„Viele Fremde hatten sich eingefunden, um der Enthüllung des Denkmales beizuwohnen, unter ihnen Namen von gutem Klang, wie Dingelstedt, Dräxler-Manfred, der russische Dichter und Lehrer des Großfürsten Thronfolger, v. Schukowski, der Göthe eng befreundete Kanzler von Müller u.s.w.“ So berichtete die Belletristische Beilage des Frankfurter Konversationsblatts 1844, S. 1199, von der Einweihung des Goethe-Denkmals am 22. Oktober 1844, das man seit 2007 wieder auf dem Goetheplatz bewundern kann, nachdem es zwischenzeitlich von ihm verschwunden war.

Die meisten der Namen, die damals einen guten Klang hatten, kennt man heute nicht mehr. Der Name Wassili Schukowskis allerdings, der zur Einweihung eigentlich gar nicht von weit her kam, sondern von 1844 bis 1848 in Frankfurt lebte, ist bei Literaturinteressierten – zumindest solchen, die sich für die russische Literatur interessieren – bis heute bekannt. Wassili Andrejewitsch Schukowski (1783-1852) gilt als Begründer der Literatur der Romantik in Russland. Und so ist Frankfurt, das im Zusammenhang mit der für 2019 geplanten Eröffnung des dem Goethehaus angeschlossenen Romantik-Museums vielfach als Ort der Romantik bezeichnet wurde (was in Bezug auf ihre Bedeutung für die deutsche Romantik Jena, Heidelberg, Berlin oder Dresden wohl eher zukäme), auch ein Ort der russischen Romantik.

Mit deutscher Literatur und auch mit Goethe hatte sich Schukowski schon früh beschäftigt. Der uneheliche Sohn eines Gutsbesitzers aus der Gegend von Tula war von seinem Paten adoptiert worden und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Ende des 18. Jh. hielt er sich zur Ausbildung in Moskau auf und machte dort die Bekanntschaft von Nikolai Michailowitsch Karamsin (1766-1826), einem Schriftsteller und Historiker, der durch seine heute noch gern gelesenen „Briefe eines russischen Reisenden“ bekannt wurde, in denen er die Impressionen von einer Europareise, die ihn v. a. auch nach Deutschland geführt hatte, niederschrieb. Später veröffentlichte er eine sehr erfolgreiche mehrbändige russische Geschichte. Karamsin gab Schukowski die Möglichkeit, an seiner Zeitschrift „Westnik Jewropy“ (Bote Europas) mitzuarbeiten, deren Herausgeberschaft dieser dann 1808 selbst übernahm. Neben eigenen Werken trat Schukowski vor allem als Übersetzer hervor; Übersetzungen aus dem Deutschen spielten dabei eine wichtige Rolle. Durch seine patriotischen Gedichte, die im Umfeld der napoleonischen Kriege entstanden, darunter dem Gedicht „Gott schütze den Zaren“, dessen vertonte Fassung 1833 zur Hymne des Zarenreichs wurde, kam er mit dem Zarenhof in Kontakt und wurde 1826 Erzieher des späteren Zaren Alexander II. Bedeutung für die russische Literatur hat Schukowski auch deshalb, weil er Alexander Puschkin, den wohl bedeutendsten Dichter russischer Sprache, engagiert förderte, wobei er später neidlos anerkannte, dass dieser ihn übertroffen habe.

1820 hatte sich Schukowski auf eine Deutschlandreise begeben und dabei u. a. E.T.A. Hoffmann und Jean Paul kennengelernt. Später lernte er auch Goethe kennen und besuchte ihn mehrfach in Weimar. In Frankfurt besuchte Schukowski 1827 – also schon vor dem Tode Goethes, der dort aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr wohnte – das Goethehaus. Unter den zahlreichen Übersetzungen deutscher Lyrik, die Schukowski anfertigte, waren auch solche Goethes. Darüber hinaus verfasste er auch eine Ode zu Goethes Ehren.

Die enge Bindung Schukowskis an Deutschland wurde noch verstärkt, als er 1841 Elisabeth von Reutern, die Tochter des seinerzeit bekannten Malers Gerhardt Wilhelm von Reutern, heiratete und – mit einer komfortablen Rente ausgestattet – zur Familie seiner Frau nach Düsseldorf zog. 1844 siedelte das Paar dann nach Frankfurt über – u. a. weil Schukowski von einem Hanauer Arzt seine Gesundheitsbeschwerden behandeln lassen wollte – und bezog am Schaumainkai 15 die Villa Metzler (so hieß die Villa allerdings erst später, nachdem sie 1851 von der Bankiersfamilie Metzler erworben worden war). Die 1802-4 von dem Apotheker Peter Salzwedel erbaute klassizistische Villa ist heute – mit zwischenzeitlich erfolgten Umbauten – Teil des Museums Angewandte Kunst.

Nachdem sich sein Gesundheitszustand verbessert hatte, setzte Schukowski seine russische Nachdichtung von Homers „Odyssee“ fort, die unter Verwendung der Interlinearübersetzung eines deutschen Gelehrten entstand und wegen ihrer poetischen Qualitäten als eines seiner Hauptwerke gilt. In der großzügig angelegten Villa führte er einen offenen Haushalt und nahm 1844/45 u. a. Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809-52) für einige Monate auf. Gogol, der an Nachruhm Schukowski noch weit übertrifft und der nach Puschkin wohl bedeutendste russische Schriftsteller seiner Zeit war, arbeitete im 2. Stock am 2. Band seines Hauptwerks „Die toten Seelen“, schloss diesen jedoch nie ab. Gogols Beziehung zu Frankfurt ist wenig bekannt – schon 1836 und 1841 war er hier gewesen; die Kommentare, die er in Briefen über die Stadt abgegeben hat, fallen durchweg sehr positiv aus.

1848 verließ Schukowski Frankfurt und zog nach Baden-Baden. Grund dafür war u. a. die prominente Rolle, die Frankfurt in der Revolution von 1848 spielte. Die Revolution war dem sozialkonservativen Dichter, der darin „die Hand Satans“ am Werk sah, ein Gräuel.

An Wassili Schukowski und Nikolai Gogol erinnert an der Villa heute eine Plakette.

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Textquellen:

Frankfurter Konversationsblatt 1844, Belletristische Beilage

W. A. Schukowski, Sobranie sotschinenij w tschetyrech tomach (Werksammlung in vier Bänden), Moskau, Leningrad 1959

Schukowski im Frankfurter Personenlexikon: abgerufen von > http://frankfurter-personenlexikon.de/node/4577 < am 31.05.2018.

Jurjew,Oleg : Mit Homer gegen die Revolution. Tagesspiegel, 13.7.2008:abgerufen von > https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/jurjews-klassiker-mit-homer-gegen-die-revolution/1278270.html < am 31.05.2018.

Balke,Florian: Der Nabel Europas. FAZ, 12.5. 2012: abgerufen von >http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/wassili-schukowski-und-nikolai-gogol-der-nabel-europas-11743613.html < am 31.05.2018.

Gedenktafel an der Villa Metzler auf Wikimedia.org: abgerufen von > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gedenktafel-Schukowski-Gogol-Metzler-Villa-Frankfurt-2012-Ffm-262.jpg < am 31.05.2018.

Seite des Kunstgewerbevereins zur Villa Metzler: abgerufen von > https://www.kgv-frankfurt.de/die-villa/ < am 31.05.2018.


Bildquellen:

Vorschaubild: Erinnerungstafel, an den Aufenthalt von Wassilij Schukowski und Nikolaj Gogol (1844 bis 1848) an der Villa Metzler in Frankfurt am Main, 2012, Urheber: Simsalabimbam via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Wassili A. Schukowski um 1850, 1902, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Villa Metzler, Schaumainkai 15, flankiert von Ginkgo (links) und Urweltmammutbaum (rechts), 2009, Urheber: Emmaus via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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