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Winckelmann im Kreise der Gelehrten

Klaus-Werner Haupt

Das Gemälde "Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek" von Theobald Reinhold Anton Freiherr von Oer steht im Mittelpunkt dieser Abhandlung über Winckelmann. Es dient dem Autor als Vorlage für eine kurze szenische Darstellung, in der die Geisteshaltungen und die Kontroversen der zwölf Gelehrten sichtbar werden.
Insgesamt besteht das Heft aus drei Teilen. Einem Kurzabiss zum Maler von Ohr, dessen Bild im Mittelpunkt steht, dann der szenischen Abhandlung, die das Bild zum Leben erweckt. Anschließend wird in einem wissenschaftlichen Abriss Winckelmann als Wegbereiter der Weimarer Klassik abgehandelt.

E.T.A Hoffmanns

E.T.A Hoffmanns "Meister Floh" und Frankfurt

Ralph Zade

Frankfurt bekommt ein Romantik-Museum – 2020 soll es eröffnet werden, sein Richtfest hat es schon gefeiert. Am Anfang war das Projekt nicht unumstritten, nicht nur wegen der lange Zeit ungesicherten Finanzierung, sondern auch, weil der Romantik-Bezug Frankfurts als wesentlich schwächer eingeschätzt wurde, als der Jenas, Heidelbergs, Berlins oder Dresdens. So ganz falsch ist das auch nicht, doch findet man bei genauerem Hinsehen mehr als den Frankfurt-Bezug der Familie Brentano mit den Dichtergeschwistern Clemens und Bettine. Man findet z. B. den russischen Romantiker Schukowski, der jahrelang in der Villa Metzler am Schaumainkai logierte, und man findet den Verleger Friedrich Wilmans, der keiner der ganz großen der Zeit war, aber nicht nur Clemens Brentanos „Godwi“ (als das Verlagshaus noch in Bremen war) und in Taschenbüchern Beiträge von Karoline von Günderrode und von August Wilhelm Schlegel sowie die von Friedrich Schlegel herausgegebene Zeitschrift „Europa“ (ebenfalls mit Beiträgen von dessen Bruder August Wilhelm) verlegte, sondern im Jahre 1822 auch E. T. A. Hoffmanns „Meister Floh“. Und der hat einen doppelten Frankfurt-Bezug, denn die Stadt war nicht nur Verlagsort, sondern ist auch Schauplatz dieses Märchens, des letzten Werks seines Autors, in dem es heißt:

Es ist schon gesagt worden, daß der Vater des Herrn Peregrinus Tyß ein sehr reicher angesehener Kaufmann war, und wenn noch hinzugefügt wird, daß derselbe ein sehr schönes Haus auf dem freundlichen Roßmarkt besaß, und daß in diesem Hause und zwar in demselben Zimmer, wo dem kleinen Peregrinus stets der Heilige Christ einbeschert wurde, auch diesmal der erwachsene Peregrinus die Weihnachtsgaben in Empfang nahm, so ist gar nicht daran zu zweifeln, daß der Ort, wo sich die wundersamen Abenteuer zutrugen, die in dieser Geschichte erzählt werden sollen, kein anderer ist, als die berühmte schöne Stadt Frankfurt am Main.“

Wie in anderen Märchen Hoffmanns spielt sich die Geschichte vom „Meister Floh“ auf mehreren Ebenen ab, einer realen und einer Phantasieebene, die aber eng miteinander verschränkt sind. Die Stadt Frankfurt – schon damals eine Messestadt und Handelsmetropole und damit eine Stadt nüchtern rechnender und romantischer Phantasie eher abholder Kaufleute – fungiert dabei als Kontrast zur märchenhaften Phantasiewelt. Ein Gegensatz zwischen nüchterner Kaufmannssicht und der Sicht des versponnenen, der Kinderwelt zugeneigten Romantikers ergibt sich auch zwischen dem Helden des Werks, Peregrinus Tyß, und seinem Vater, einem typischen Frankfurter Kaufmann:

Herr Tyß hatte den Grundsatz, daß der reichste Mann ein Geschäft und durch dasselbe einen bestimmten Standpunkt im Leben haben müsse; geschäftslose Leute waren ihm ein Greuel, und eben zu dieser Geschäftslosigkeit neigte sich Peregrinus, bei allen Kenntnissen, die er nach seiner eigenen Weise erwarb, und die chaotisch durcheinanderlagen, gänzlich hin. Das war nun des alten Tyß größte und drückendste Sorge. – Peregrinus wollte von der wirklichen Welt nichts wissen, der Alte lebte nur in ihr, und nicht anders konnt' es geschehen, als daß sich daraus, je älter Peregrinus wurde, ein desto ärgerer Zwiespalt entspann zwischen Vater und Sohn, zu nicht geringem Leidwesen der Mutter, die dem Peregrinus, der sonst gutmütig, fromm, der beste Sohn, sein ihr freilich unverständliches Treiben in lauter Einbildungen und Träumen herzlich gönnte und nicht begreifen konnte, warum ihm der Vater durchaus ein bestimmtes Geschäft aufbürden wollte.“

Insofern eignete sich Frankfurt, zu dem der Autor sonst keine spezifische Beziehung hatte, als Schauplatz, um einen Kontrast und einen Gegensatz zur streckenweise irrationalen Märchenhandlung zu bilden, besonders gut. Und es werden auch konkrete Orte benannt, vom Roßmarkt über die Kalbächer Gasse (heute Teil der Fressgass) bis hin nach Sachsenhausen.

Das Märchen, dessen verwickelte und in Teilen disparate Handlung hier nicht im Einzelnen nacherzählt werden soll – eine Rolle spielen neben dem über die Flöhe herrschenden Meister, der Peregrinus ein Gerät zum Gedankenlesen schenkt, die Prinzessin Gamaheh, die im realen Leben Dörtje Elverdink heißt, George Pepusch, der behauptet, eine Distel zu sein, und die (tatsächlich existierenden) niederländischen Naturforscher L(e)euwenhoek und Swammerdam – war in verschiedener Hinsicht problematisch. Erstens, weil eine Nebenhandlung, die sogenannte Knarrpanti-Episode, den realen preußischen Polizeidirektor Karl Albert von Kamptz persiflierte, was dazu führte, dass die entsprechenden Passagen zensiert wurden und in der bei Wilmans erschienenen Erstausgabe nicht enthalten sind (das vollständige Werk erschien erst 1908). Und zweitens, weil die Handlung manchen Lesern disparat und wirr erschien, was auf die Krankheit des Autors, der kurz darauf starb, zurückzuführen sein könnte, wie andere sagen aber so gewollt ist und in gewisser Weise vielleicht auch mit der genannten Zensurepisode zu tun hat, die den intendierten Text zunächst verstümmelte.

Jedenfalls machte das Märchen erst einmal dem Senat der Stadt Frankfurt Ärger, der aufgrund der Intervention eines preußischen Agenten, der – nicht zu Unrecht – behauptete, Hoffmann habe verbotenerweise aus Prozessakten zitiert und überdies monierte, das Werk beleidige den König von Preußen, das Manuskript beschlagnahmen ließ. Dann konnte das Buch zensiert doch erscheinen. Und ist heute, in wieder hergestellter Form, eines der bedeutenden Werke seines Autors und einer der Höhepunkte Frankfurter Literaturgeschichte. Das gegen Hoffmann, der in Preußen Richter war, angestrengte Disziplinarverfahren wurde aufgrund seines Todes eingestellt.


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Bildquellen:

Vorschaubild: Illustration zu Meister Floh, 1922, Urheber: Aleksei Iljitsch Kravchenko; bereitgestellt von Shakko via Wikimedia Commons.

Meister Floh mit Stiefeln, Talar und Fackel (Abbildung auf der Umschlagsrückseite der 2. Auflage von 1826), Urheber: E.T.A. Hoffmann; bereitgestellt von:Magnus Manske via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

E. T. A. Hoffmann, 1822, Urheber: E.T.A. Hoffmann; Quelle: Alte Nationalgalerie; bereitgestellt von: Alonso de Mendoza via Wikimedia Commons Gemeinfrei.


Textquellen:

Text des Märchens: abgerufen von >http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz% C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Meister+Floh/Erstes+Abenteuer< am 27.01.2019.

Faksimile der Erstausgabe: abgerufen von >http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/hoffmann_floh_1822< am 27.01.2019.

Beitrag zum juristischen Nachspiel des Märchens von Hartmut Mangold: abgerufen am >https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/leben-und-werk/jurist/meister-floh/< am 27.01.2019.

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