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Frank Meyer

Es war mir ehrlich gesagt völlig egal

 „Ich ging zur Beerdigung. Denn immerhin war ich es ja, der ihn erschlagen hatte.“

Sie schlagen sich so durch — die Jungs in Frank Meyers Geschichten. Dabei lassen sie sich von weiblichen Hosenanzügen beirren, stellen ihre grenzenlose Coolness beim Moped-Trinken unter Beweis und sorgen dafür, dass der Großvater fast die Sportschau verpasst.

Jakob Arjouni

Jakob Arjouni

Ralph Zade

Frankfurt streitet sich mit Berlin um den Titel der Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate Deutschlands. Mal liegt Frankfurt in der Statistik vorn, mal die Hauptstadt. 1985, als der erste Kriminalroman von Jakob Arjouni erschien, dürfte Frankfurt die Nase vorn gehabt haben. Ganz sicher aber ist, wo damals die Kriminalitätsrate innerhalb Frankfurts am höchsten war, nämlich im damals wie heute als Standort von Prostitution und Drogenszene verschrienen Bahnhofsviertel, wo denn auch Teile der Handlung von „Happy Birthday, Türke!“ – so der Titel des Buchs – spielen, neben anderen, die in Kronberg am Taunus angesiedelt sind, dem Wohnort der oberen Zehntausend, dem sozialen Gegenpol dazu.

Arjouni, der 2013 im Alter von 48 Jahren gestorben ist, hatte einiges mit Kemal Kakankaya, dem Helden seiner Kriminalromane, gemeinsam. Beide stammten aus Frankfurt, beide trugen einen Namen, der auf einen Migrationshintergrund schließen lässt, waren aber deutsch sozialisiert. Beide brachen ein Studium ab und lebten dann erst einmal von Gelegenheitsarbeiten, beide kannten sich im Frankfurter Bahnhofsviertel aus, wo Arjouni Billard spielte und Kakankaya ermittelte – Zufall sind diese Parallelen natürlich nicht. Am Ende wurde Arjouni Schriftsteller und der von ihm erfundene Kakankaya Privatdetektiv.

Bei Arjouni, der 1964 als Jakob Michelsen in der Mainmetropole geboren wurde, ist der Name auf seine marokkanische Ex-Frau zurückzuführen, die Musikmanagerin Kadisha Arjouni, deren Namen er als Pseudonym wählte, weil er als Autor nicht mit seinem Vater Hans Günter Michelsen in Verbindung gebracht werden wollte, der als Dramatiker im Kulturbetrieb gut bekannt war, und in dessen Werken es u. a. um die Auswirkungen der Traumatisierung von Soldaten des Zweiten Weltkriegs in der Nachkriegszeit geht – eine Thematik, die von den Sujets seines Sohnes denkbar weit entfernt ist. Kemal Kakankaya ist von der Abstammung her, wie der Name vermuten lässt, tatsächlich Türke, kam aber mit drei Jahren zu einer deutschen Pflegefamilie, sodass, wie bei seinem Schöpfer, Deutsch seine Muttersprache ist – Türkisch beherrscht er gar nicht, dennoch hat seine türkische Abstammung in den Romanen eine Bedeutung.

Mit zwölf Jahren las Arjouni nach eigener Aussage zum ersten Mal den Roman „Rote Ernte“ (Red Harvest) von Dashiell Hammett, von dem er schon damals begeistert gewesen sei, ohne freilich alles zu verstehen. Die Begeisterung blieb nicht folgenlos. Dieser und andere Hardboiled-Detective-Romane, vor allem die von Raymond Chandler, wurden zum Vorbild für Arjounis eigene Krimis, nicht nur in Bezug auf einen vom Leben gebeutelten, zum Zyniker gewordenen Privatdetektiv als Hauptfigur – Kemal Kakankaya wurde von der Kritik vielfach mit Chandlers Ermittler Philip Marlowe und Hammetts Sam Spade in Verbindung gebracht – sondern auch in Bezug auf die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, die in Arjounis Romanen wie in den Vorbildern ein wichtiges Element bildet.

Die amerikanischen Vorbilder – man könnte noch die Romane von Ross MacDonald nennen – stammen bereits aus den 30er und 40er Jahren, in Deutschland war die entsprechende Art des Schreibens von Kriminalromanen, obwohl die amerikanischen Originale durchaus geschätzt wurden, ebenso wie der Film noir, deren Entsprechung im Bereich des Kinos, aber lange Zeit nicht heimisch. Insofern kann man Arjouni als Pionier bezeichnen. Dabei sind seine Bücher keine Pastiche oder Persiflage, sondern versetzen die Elemente der Vorbilder 1:1 von der Großstadtszenerie in Los Angeles ins für deutsche Verhältnisse nicht weniger großstädtische Frankfurter Milieu. Eine Besonderheit ist es dabei allerdings, dass bei Arjouni migrantische Milieus porträtiert werden, die es in den USA so nicht gibt. Kakankaya ist zwar von seiner Sozialisation her kein Türke, aber es reicht auch, wie ein Türke auszusehen, um als solcher wahrgenommen zu werden. Die Polizisten und sonstigen Zeitgenossen, mit denen er zu tun hat, sind nicht nur korrupt, wie in den Vorbildern, sondern auch in einer deutschen Xenophobie wiedergebenden Weise fremdenfeindlich. Insofern können Arjounis Bücher auch als Wiedergabe migrantischer Befindlichkeiten gelesen werden, selbst wenn sie keine Migrantenliteratur im engeren Sinne sind. Übrigens besteht eine Parallele zwischen den amerikanischen Hardboiled-Romanen und denen von Arjouni auch darin, dass sich im deutschen Sprachraum der Diogenes-Verlag um sie verdient gemacht hat; teilweise sind sie in derselben Taschenbuchreihe erschienen.

Dem ersten Band „Happy Birthday, Türke!“ (1985) folgten vier weitere: „Mehr Bier“ (1987), „Ein Mann, ein Mord“ (1991), nach einer längeren Pause, „Kismet“ (2001) und, nach einer weiteren Pause „Bruder Kemal“ (2012). Dabei entfernen sich die letzten beiden Romane – in „Kismet“ geht es um einen Bandenkrieg zwischen deutschen, türkischen, albanischen und kroatischen Gangs, in „Bruder Kemal“ ermittelt Kakankaya in bürgerlichen Milieus außerhalb des Bahnhofsviertels – zunehmend von den Hardboiled-Vorbildern, an die sich die ersten drei Bände noch sehr eng angelehnt hatten. „Happy Birthday Türke“ wurde 1992 von Doris Dörrie verfilmt, wobei sie einige komödiantische Akzente setzte. Von ihr stammt auch das Drehbuch, nachdem es mit Arjouni, der hieran erst mitwirkte, Unstimmigkeiten gab. Die beiden letzten Romane wurden auch zu Hörspielen verarbeitet,

Das Werk Jakob Arjounis erschöpft sich nicht in den fünf Kakankaya-Romanen – er hat nicht nur fünf weitere Romane verfasst, von denen „Magic Hoffmann“ (1996), ein Berlin-Roman, vielleicht der bekannteste ist, sondern auch drei Theaterstücke und zwei Kurzgeschichten – ein Gesamtwerk, das angesichts seines frühen Krebstods durchaus umfangreich zu nennen ist. Vor allem bleiben werden aber wohl die Kakankaya-Romane, die mittlerweile auch in einer gebundenen Sammelausgabe vorliegen, und deren Lektüre sich gerade für Leser lohnt, die Frankfurt kennen oder ein Interesse an der Stadt haben.

 

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Textquellen:

Besprechung der Kakankaya-Romane auf literaturkritik.de abgerufen von >https://literaturkritik.de/id/20340< am 04.10.2023.

Nachruf auf Arjouni im Tagesspiegel abgerufen von >https://www.tagesspiegel.de/kultur/zum-tode-des-genialen-krimi-autors-jakob-arjouni-6666241.html< am 04.10.2023.

Nachruf auf Arjouni im Spiegel abgerufen von >https://www.spiegel.de/kultur/literatur/zum-tode-jakob-arjounis-a-878192.html< am 04.10.2023.

Aust, Robin M.: Grenzüberschreitungen: Jakob Arjounis Kayankaya-Romane zwischen hardboiled detective und Migrationsthematik, Germanica 58 (2026), S. 199-210.

Autorenseite von Arjouni beim Diogenes-Verlag abgerufen von >https://www.diogenes.ch/leser/autoren/a/jakob-arjouni.html< am 04.10.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Arjouni, 2006, Urheber: Hans Weingartz via Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0 de.

Jakob Arjouni - Friedhof Heerstraße, 2017, Urheber: Mutter Erde via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

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