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Der Maler Johann Andreas Graff und seine beiden Töchter Johanna Helena Herold und Maria Dorothea Henrica Gsell

Der Maler Johann Andreas Graff und seine beiden Töchter Johanna Helena Herold und Maria Dorothea Henrica Gsell

Sabine Gruber

Dass der ebenfalls als Maler tätige Ehemann einer Malerin des 17. und frühen 18. Jahrhunderts drei Jahrhunderte später nur noch Fachleuten ein Begriff ist, während seine Frau weit über die Fachwelt hinaus immer noch eine Berühmtheit ist, kommt nicht häufig vor. Aber genauso war es im Fall von Maria Sibylla Merian und ihrem Ehemann Johann Andreas Graff. Über Merian kann man sich in zahlreichen, auch aktuellen Publikationen, informieren, während ein zwei neueren Online-Ausstellungen über das Werk des Malers gewidmeter Beitrag von Margot Lölhöffel und Sebastian Heider "Der Vergessene" betitelt wurde. Der Gerechtigkeit halber soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass auch die beiden durchaus talentierten und als Malerinnen und Kupferstecherinnen tätigen Töchter des Paares, Johanna Helena Herold und Maria Dorothea Henrica Gsell, heute in der Regel im Zusammenhang mit ihrer berühmten Mutter erwähnt werden und, wie ihr Vater, erst in den letzten Jahren als Künstlerinnen neu entdeckt wurden.

Der Maler und Radierer Johann Andreas Graff wurde 1637 in Nürnberg geboren und starb im Dezember 1701 in seiner Geburtsstadt. Er zeigte schon früh künstlerisches Talent, aber auch eine überdurchschnittliche intellektuelle Begabung, weshalb sein Patenonkel, der ihn anstatt der früh verstorbenen Eltern erzog, dafür sorgte, dass er die Hochschulreife erwarb. Graff entschloss sich dann aber doch, Künstler zu werden und wurde zunächst in Nürnberg bei Leonhard Heberlin (auch Häberlin geschrieben, 1584-1656) ausgebildet und später in Frankfurt am Main bei Jacob Marrell (1614-1681). Anders als sein Frankfurter Lehrer, der sich vor allem als Maler von Blumenstillleben einen Namen gemacht hatte, zeigte Graff mehr Interesse an architektonischen Darstellungen. Während eines mehrjährigen Italienaufenthaltes bildete er sich weiter und fertigte vor allem in Rom zahlreiche Architekturzeichnungen an.

 

1664 reiste er zunächst zurück nach Nürnberg, zog aber nicht lange danach wieder nach Frankfurt. Dort heiratete er 1665 die ebenso attraktive wie begabte Stieftochter Marrells und leibliche Tochter Matthäus Merians des Älteren (1595-1650), die erst 18 Jahre alte Maria Sibylla Merian (1647-1717). Nach nur wenigen Jahren in Frankfurt und der Geburt der Tochter Johanna Helena im Jahr 1668 zog Graff mit seiner Familie nach Nürnberg, wo 1678 die zweite Tochter Maria Dorothea Henrica geboren wurde. Als Marrell 1681 verstorben war, reiste die Familie Graff-Merian wieder nach Frankfurt, um die Erbangelegenheiten zu regeln. Das Eheglück war nicht von Dauer und die Eheleute trennten sich 1684 endgültig voneinander. Der Verfasser eines Lexikons Frankfurter Künstler aus dem 19. Jahrhundert, Philipp Friedrich Gwinner, kommentierte das Scheitern der Ehe mit "Beide Ehegatten waren aber, wie es scheint, von unsteter Natur." Die Hauptrolle bei der Trennung spielte jedoch die an den Frankfurter Aufenthalt anschließende Zeit, die die Familie gemeinsam mit Merians Mutter bei Merians Stiefbruder Caspar verbrachte, der sich der in den Niederlanden ansässigen Labadisten-Sekte angeschlossen hatte. Maria Sibylla Merian wollte bei ihren Verwandten und den Labadisten bleiben, wo Graff jedoch keinen Anschluss finden konnte.

Graff nutzte die Trennung von seiner Familie für Reisen durch die Niederlande, um schließlich in seine Heimat zurückzukehren, wo er nach der Scheidung 1694 Anna Maria Hofmann heiratete. Unter Fachkundigen ist Graff heute vor allem als akribischer Architekturzeichner und -stecher bekannt, der kein Detail außer Acht ließ und "mit seinen Stadtansichten das Bild des barocken Nürnbergs prägte wie kein zweiter" (Lölhöffel/Heider). Graffs künstlerischem Talent ist aber auch eine in Zusammenarbeit mit seinem Lehrer Marrell angefertigte Radierung des Frankfurter Römerbergs zu verdanken. In Frankfurt interessierten ihn nicht nur die Architektur, sondern auch bewegte Szenen wie ein Umzug der Frankfurter Schreiner. Das Frankfurter Städel-Museum besitzt von Graff eine Rötel-Zeichnung, die er noch als Geselle in der Werkstatt Marrells von der Stiefschwester seiner späteren Frau, Sara Marrell, anfertigte, die zu sehen ist, wie sie sich in eine Stickarbeit vertieft. Nach Graffs Tod dienten seine Zeichnungen anderen Künstlern als Vorlagen für Stiche.

Die ältere, in Frankfurt geborene Tochter des Paares, Johanna Helena, ging wie ihre Schwester vor allem bei ihrer Mutter in die Lehre, zuvor aber auch bei ihrem Vater, und lernte von ihrer Mutter die überaus detailreiche Darstellung von Insekten und Blumen. Wie ihre Mutter war sie auch als Wissenschaftlerin tätig. Mit ihrem Ehemann, dem Kaufmann Jacob Herolt (Herold), einem Anhänger der Labadisten, und ihrer Mutter lebte sie später in Amsterdam. In neuerer Zeit konnten mehrere Werke, die wegen des sehr ähnlichen Stils vorher als Werke ihrer Mutter galten, Johanna Herolt zugeschrieben werden. 1698 schuf Herolt für den Braunschweiger Hof ein Blumenbuch. 1711 zog sie mit ihrem Mann nach Surinam, wo sie 1730 starb. Ihre jüngere, bereits in Nürnberg geborene Schwester Maria Dorothea Henrica begleitete ihre Mutter auf deren Reisen nach Surinam und arbeitete dort nicht als Tochter, sondern als eigenständige und ebenso begabte Kollegin mit ihr zusammen. In erster Ehe heiratete sie den Heidelberger Arzt Philip Hendriks und in zweiter Ehe einen Malerkollegen, den aus der Schweiz stammenden verwitweten und geschiedenen Porträtisten und Stilllebenmaler Georg Gsell (1673-1740). Mit Gsell zog sie 1717 nach St. Petersburg, als er dort Hofmaler wurde. Von ihren Eltern hatte sie ein großes Interesse an der Wissenschaft geerbt. Unter anderem war sie sehr sprachbegabt und erlernte die hebräische Sprache. In St. Petersburg wurde sie Lehrerin an der Akademie der Wissenschaften und Kuratorin der naturgeschichtlichen Sammlung. 1743 starb Maria Dorothea Henrica Gsell in St. Petersburg. Von Johanna Helena Herolt und ihrer Schwester besitzt das Städel-Museum Pflanzendarstellungen.

 

 

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Textquellen

Albus, Anita: Blumen und Insekten: Die Grillen der Maria Sibylla Merian in: Die großen Frankfurter:  Sarkowicz, Hans (Hrsg.), Frankfurt a. M./Leipzig, 1994, S. 40-48.

Allgemeines Künstler-Lexicon: Leben und Werke der berühmtesten bildenden Künstler, Dritte umgearbeitete und bis auf die neueste Zeit ergänzte Auflage, Vorbereitet von Hermann Alexander Müller, Hrsg. v. Hans Wolfgang Singer, 2. Bd. 1. Hälfte, G-J, Frankfurt a. M., 1896.

Andresen, Andreas: Handbuch für Kupferstichsammler oder LEXICON der Kupferstecher, Maler-Radirer und Formschneider aller Länder und Schulen nach Massgabe ihrer geschätztesten Blätter und Werke, Auf Grundlage der zweiten Auflage von Heller's pract. Handbuch für Kupferstichsammler neu bearbeitet und um das Doppelte erweitert, 1. Bd., Leipzig, 1870.

Frankfurt-Lexikon: Mit einem Stadtplan herausgegeben von Waldemar Kramer, Sechste, neubearbeitete Ausgabe, Frankfurt a. M., 1973.

Gwinner, Philipp Friedrich: Kunst und Künstler in Frankfurt am Main vom 13. Jahrhundert bis zur Eröffnung des Städel'schen Kunstinstituts: Mit zwei Bildnissen und einer Stammtafel, Frankfurt a. M., 1862.

Lemberger, Ernst: Die Bildnis-Miniatur in Deutschland von 1550 bis 1850, München, 1909.

Lölhöffel, Margot; Heider, Sebastian: Der Vergessene: Aus dem Leben des Johann Andreas Graff abgerufen von >https://museenblog-nuernberg.de/2019/10/08/johann-andreas-graff/< am 07.02.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Stich - Jakobsmarkt Nürnberg - Johann Andreas Graff, 1699 via Wikimedia Common Public Domain.

Johann Andreas Graff Vanitas, 1680-1690 via Wikimedia Commons Public Domain.

White Cyclamen, 1690, Urheber: Maria Sibylla Merian via Wikimedia Commons Public Domain Mark 1.0.

Two Tulips and Two Irises, ca. 1700. Urheber: Johanna Helena Herolt via Wikimedia Commons Public Domain.

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