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Georg Friedrich, Karl und Hermann Grotefend

Georg Friedrich, Karl und Hermann Grotefend

Sabine Gruber

In Frankfurt haben über die Jahrhunderte hinweg häufig mehrere Generationen derselben Kaufmanns-, Bankiers-, Künstler- und Gelehrtenfamilien ihre Spuren hinterlassen. Eine dieser Familien ist die eigentlich aus Niedersachsen stammende Gelehrtenfamilie Grotefend. Es begann mit dem Großvater Georg Friedrich Grotefend, der 1775 in Münden (heute: Hannoversch Münden) als Sohn einer Handwerkerfamilie geboren wurde und der bereits als junger Gymnasiallehrer von sich reden machte, weil es ihm gelungen war, die Keilschrift zu entziffern.

Nach dem Besuch der städtischen Lateinschule hatte Grotefend mit 16 Jahren seine Heimatstadt verlassen und seine Ausbildung am Pädagogium in Ilfeld fortgesetzt. Danach studierte er an der Universität Göttingen Theologie und Philosophie und arbeitete ab 1797 gleichzeitig im Schuldienst. Bevor er 1803 Prorektor am Städtischen Gymnasium in Frankfurt wurde, war ihm 1802 in wissenschaftlicher Hinsicht ein „großer Wurf“ gelungen, für den er allerdings mehr postum als bereits zu Lebzeiten berühmt wurde. Die Entdeckung begann ganz unkonventionell mit einer Wette. Grotefend hatte mit seinem Freund Wilhelm Johann Raphael Fiorillo (1776-1816), Sekretär der Königlichen Bibliothek, darüber diskutiert „ob der Inhalt von Schriften festgestellt werden könne, deren Alphabet und Sprache gänzlich unbekannt seien“ und er selbst habe behauptet, da er „schon von früher gewohnt war Sätze der heimischen Sprache, die mit unbekannten Zeichen geschrieben waren, zu deuten, daß das sicherlich möglich sei. Als jener entgegnete, ich könne ihm das am besten beweisen, wenn ich z. B. eine vom den Keilinschriften deuten könnte, versprach ich das zu tun, wenn er mir helfen würde, indem er mir alles mitteilte, was zur Information über diese Inschriften dienen könnte.“ (Zitate nach Messerschmidt). Das war sehr kühn, denn er verfügte kaum über Kenntnisse altorientalischer Sprachen.

Grotefend verglich drei Abschriften, die Carsten Niebuhr (1733-1815) und Cornelis de Bruyn (1652-1727) in Persepolis angefertigt hatten, ohne zu wissen, was sie beinhalteten. Dass sich nur eine beschränkte Anzahl von 40 verschiedenen Zeichen fand, sprach dafür, dass es sich um eine Buchstabenschrift handelte, denn eine Silbenschrift wäre nicht mit so wenigen Zeichen ausgekommen. Da ihm als Griechischlehrer die Namen der persischen Könige bekannt waren, fokussierte sich Grotefend auf diejenige der Schriften, bei der es sich nach Erkenntnissen anderer Wissenschaftler um Altpersisch handelte. Er ging davon aus, dass der Text Folgen von Königen wiedergab und konnte auf diese Weise Teile der Inschrift entschlüsseln und damit eine Grundlage für weitere Entschlüsselungen der Keilschrift legen. Die Ergebnisse seiner Studien legte Grotefend am 4. September 1802 der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften vor. Seine bahnbrechenden Arbeiten wurden aber aufgrund seiner mangelnden orientalistischen Kenntnisse nur wenig rezipiert und so galt lange Zeit Henry Creswicke Rawlinson (1810-1895) als erster Entschlüsseler der Keilschrift.

Seine berufliche Karriere setzte Grotefend ab 1803 als Prorektor am Frankfurter Gymnasium fort. Schon 1806 wurde er dort Konrektor, erhielt 1811 die philosophische Doktorwürde der Universität Marburg und wurde 1812 zusätzlich zum Professor für klassische Literatur am Lyceum Carolinum berufen. Bei dem Lyceum Carolinum handelte es sich um ein ehrgeiziges Projekt Karl Theodor von Dalbergs (1744-1817), der es als Landesuniversität für das neue Großherzogtum Frankfurt gegründet hatte. 1814 wurde die Landesuniversität jedoch bereits wieder geschlossen. Das Städtische Frankfurter Gymnasium war während der Zeit, als Grotefend dort arbeitete, im Kreuzgang des ehemaligen Barfüßerklosters ansässig. Es befand sich dort, wo heute die Paulskirche steht. Privat wohnte Grotefend, wie der Staatskalender von 1820 verzeichnet, Hinter der Rose, einer heute nicht mehr vorhandenen Gasse, die zwischen der Schäfergasse und der Schlimmen Mauer lag. Er engagierte sich über seine Laufbahn als Lehrer hinaus in der Stadt und gründete 1817 zum 300. Reformationsjubiläum den Frankfurter Gelehrtenverein für deutsche Sprache. 1819 war er Mitbegründer der Gesellschaft zur Herausgabe der „Monumenta Germaniae Historica“. 1821 verließ Grotefend Frankfurt, weil ihn das Städtische Lyzeum in Hannover zum Direktor berufen hatte. Dort ging er 1849 als Schulrat in den Ruhestand und starb 1853. Auch sein Sohn Karl schlug eine Gelehrtenlaufbahn ein und besuchte zunächst das Frankfurter Gymnasium und nach dem Umzug seines Vaters nach Hannover das dortige Lyzeum. Wie sein Vater studierte er in Göttingen Altertumswissenschaften und – anders als sein Vater, aber vermutlich von ihm inspiriert – orientalische Sprachen. Auch er wurde Gymnasiallehrer, zunächst in Hildesheim und später in Hannover. 1853 entschied er sich jedoch, aus dem Schuldienst auszuscheiden, und wurde Archivar am Königlich Hannoverschen Archiv. 1871 beendete er seine Laufbahn als Geheimer Archivrat und starb 1874 in Hannover.

Karl Grotefends 1845 geborener Sohn Hermann setzte die Frankfurter Tradition der Familie fort, studierte aber zunächst an der Universität Göttingen, erst Medizin, dann Geschichte. 1870 wurde er promoviert. Wie sein Vater schlug er eine Archivlaufbahn ein, zunächst in Breslau, dann in Aurich und seit 1876 in der Geburtsstadt seines Vaters, in Frankfurt am Main. Dort blieb er von 1876 bis 1887, doch zunächst war dort weniger seine geschichtswissenschaftliche Bildung und mehr sein organisatorisches Talent gefragt, denn das Stadtarchiv war damals an verschiedenen Orten in der Stadt verstreut, und ein neues Archiv im neogotischen Stil der Gründerzeit befand sich am Weckmarkt neben dem Leinwandhaus noch im Bau. Sein privates Domizil hatte Grotefend, wie das Frankfurter Adressbuch von 1877 festhält, am Röderbergweg 195 in Bornheim. Das Haus, das er bewohnte, ist nicht erhalten.

Grotefend glückte die schwierige Zusammenführung der Archivbestände und deren Verzeichnung. Erst nachdem er gleich zu Beginn seiner neuen Arbeitsstelle vor allem Organisationstalent hatte beweisen müssen, trat er wie sein Großvater in Frankfurt als Gelehrter hervor – vor allem im Bereich der geschichtlichen Hilfswissenschaften. In mühevoller Arbeit entstand sein „Handbuch der historischen Chronologie des deutschen Mittelalters und der Neuzeit“ (1872) und das umfangreichere Nachfolgewerk „Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit“ (1891-1894). 1898 folgte schließlich das kürzere „Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit“, ein Werk, das wohl jede/r Geschichtsstudent/in deutlich mehr als nur einmal in der Hand hatte. Auch der Frankfurter Geschichte widmete er sich in Werken wie „Christian Egenolff, der erste ständige Buchdrucker zu Frankfurt a. M. und seine Vorläufer“ (1881) oder „Die Bestätigungsurkunde des Domstifts zu Frankfurt a. M. von 882 und ihre Bedeutung für das Stift“ (1884). Er krönte seine Laufbahn als Archivar mit der Berufung zum Leiter des Geheimen und Hauptarchivs in Schwerin und den Titeln „Geheimer Archivrat“ (1899) und Archivdirektor, (1920). 1931 starb er in Schwerin. Anders als sein Großvater, dem zu Lebzeiten der Ruhm für seine bahnbrechenden Erkenntnisse über die Keilschrift verwehrt blieb, konnte Hermann Grotefend noch erleben, dass seine Arbeiten über die Chronologie weit „über die Grenzen Deutschlands hinaus […] bekannt geworden“ (Ulrich) sind. Allein sein Taschenbuch der Zeitrechnung hat zu seinen Lebzeiten sechs Auflagen erlebt.

 

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Textquellen:

Adreß-Buch von Frankfurt a. M: mit Bockenheim, Bornheim, Oberrad und Niederrad 1877, Krug, Georg Friedrich (Hrsg.), Frankfurt a. M., 1877.

Die große Chronik Weltgeschichte: Neuordnung Europas und Restauration, 1793-1849, Gütersloh/München, 2008.

Edzard, Dietz Otto: Grotefend, Georg Friedrich in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 164-165 abgerufen von >https://www.deutsche-biographie.de/pnd118718991.html#ndbcontent< am 04.09.2023.

Vaan, Michiel De; Lubotsky, Alexander: Altpersisch in: Sprachen aus der Welt des Alten Testaments, Gzella, Holger (Hg.): Darmstadt, 2009, S. 160-174.

Frankfurt-Lexikon: Mit einem Stadtplan herausgegeben von Waldemar Kramer, Sechste, neubearbeitete Ausgabe, Frankfurt a. M., 1973.

Jung, Rudolf: Das historische Archiv der Stadt Frankfurt am Main: Seine Bestände und seine Geschichte, Mit Unterstützung der Stadt Frankfurt am Main herausgegeben von dem Verein für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt am Main, Frankfurt a. M., 1896.

Messerschmidt, Leopold: Die Entzifferung der Keilschrift: Mit 3 Abbildungen, Zweite verbesserte Auflage, Leipzig, 1910.

Staats-Calender der Freien Stadt Frankfurt. 1820, Frankfurt a. M., o. J.

Stuhr, Friedrich: Hermann Grotefend zum Gedächtnis in: Mecklenburgische Jahrbücher, Band 95 (1931), S. I-XII.

Ulrich, Theodor: Grotefend, Hermann in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 165-166 abgerufen von >https://www.deutsche-biographie.de/pnd116874732.html#ndbcontent< am 04.09.2023.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_Grotefend< abgerufen am 04.09.2023.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Ludwig_Grotefend< abgerufen am 04.09.2023.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Grotefend< abgerufen am 04.09.2023.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Lessing-Gymnasium_(Frankfurt_am_Main)< abgerufen am 04.09.2023.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Stadtgeschichte_(Frankfurt_am_Main)< abgerufen am 04.09.2023.

>https://hdbg.eu/koenigreich/index.php/ereignisse/index/herrscher_id/1/id/9< abgerufen am 04.09.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Georg Friedrich Grotefend, ca. 1802, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei; Karl Ludwig Grotefend, etwa 1870, Urheber: Bernd Schwabe via Wikimedia Commons Gemeinfrei; Hermann Grotefend, 1920, Urheber: Heuschtel, Schwerin via Wikimedia Commons Gemeinfrei; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

Georg Friedrich Grotefend, ca. 1802, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Karl Ludwig Grotefend, etwa 1870, Urheber: Bernd Schwabe via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Hermann Grotefend, 1920, Urheber: Heuschtel, Schwerin via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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