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Reden wir von der Liebe

Florian Russi (Hrsg.)

Liebe ist ein Thema, das jeden berührt...Ein manchmal ernüchterndes und zugleich poetisches Buch.

Carl Friedrich Mylius

Carl Friedrich Mylius

Ralph Zade

Eine Fotografie von Mylius
Eine Fotografie von Mylius

Keine Porträts schaffe Carl Friedrich Mylius, bloß leblose Gegenstände fotografiere er, meinte der Philosoph Arthur Schopenhauer 1858 etwas abschätzig, als er von Mylius im Auftrag der „Leipziger Illustrirten Zeitung“ fotografiert werden sollte. Etwas Lebloses, nämlich nicht ein Porträt Schopenhauers, sondern dessen Denkmal war dann ironischerweise Gegenstand des letzten von Mylius bekannten, 1898 geschaffenen Bildes. Die Porträtfotografen der damaligen Zeit sind weitgehend vergessen, Carl Friedrich Mylius dagegen nicht. Denn sein Oeuvre bildet eine einzigartige Bestandsaufnahme des Gesichts der Stadt Frankfurt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Mylius war geborener Frankfurter, er kam 1827 als jüngster Sohn eines Uhrmachers zur Welt. Er besuchte die Katharinenschule und begann Anfang der 40er Jahre eine Ausbildung als Lithograf. Vermutlich kam er im Rahmen dieser Ausbildung zum ersten Mal mit der Fotografie, einer damals neuen Technik, in Berührung, denn Bernhard Dondorf, sein Lehrherr, hatte hieran Interesse, was sich unter anderem darin manifestierte, dass er sich Ende der 30er Jahre eine Daguerre-Kamera aus Paris besorgt hatte. Zeitweilig studierte Mylius danach am Städel, wo er bei dem seinerzeit bekannten Genremaler Jakob Becker die Grundlagen harmonischer Bildkomposition erlernte, allerdings ohne Abschluss. Mylius begann dann eine Wanderschaft, die ihn nach Karlsruhe, Nürnberg, Leipzig, Wien und Antwerpen führte, bevor er 1854 nach Frankfurt zurückkehrte, um sich in seiner Geburtsstadt niederzulassen. Er sollte bis zu seinem Tod 1916 in Frankfurt ansässig bleiben. Sein „Photo-Atelier“ befand sich in der Biebergasse 3 in der Frankfurter Innenstadt. Das Haus ist nicht erhalten.

Anfangs widmete sich auch Mylius, wie die meisten seiner Kollegen, der Porträtfotografie, die in einem von wohlhabenden Bürgern dominierten Umfeld gute Verdienstmöglichkeiten bot. Schon bald kam er davon wieder ab und spezialisierte sich auf Architekturfotografie. Seine Bilder wurden an Touristen verkauft, er übernahm aber auch Auftragsarbeiten für die Stadt Frankfurt und private Auftraggeber, bei denen es manchmal darum ging, ein Haus fotografisch festzuhalten, bevor es abgerissen wurde, manchmal darum, die eigene repräsentative Wohnumgebung adäquat in Szene zu setzen. Dass Mylius 1867 Mitglied des Freien Deutschen Hochstifts geworden war, ermöglichte es ihm nach seiner Ehrenmitgliedschaft 1874, auch im Goethehaus als von Touristen stark frequentiertem Ort, Bilder anzubieten. Der Tourismus nahm in dieser Zeit einen großen Aufschwung, gerade in Frankfurt, das als Stadt der Kaiserkrönungen ein Ort war, an dem man deutsche Geschichte erleben konnte; auch sonst war in der Altstadt viel Geschichte zu erahnen, selbst wenn die Bausubstanz an vielen Ecken bröckelte.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war nicht mehr die Anfangszeit der Fotografie. Dennoch war die Anzahl der Fotografen in Frankfurt überschaubar. Und Mylius hatte mit seiner Spezialisierung – obwohl es auswärtige Fotografen gab, die eine gewisse Konkurrenz darstellten – unter den in der Stadt niedergelassenen Berufsträgern ein Alleinstellungsmerkmal, das es ihm erlaubte, gute Geschäfte zu machen, gleichzeitig aber dazu führte, dass seine Bilder als Dokumentation des damals bestehenden Bauzustands in Frankfurt einmalig sind.

Mylius ging bei seiner Dokumentation der Altstadt planmäßig und systematisch vor. Er kümmerte sich nicht nur um Bauten, die in seiner Zeit neu errichtet wurden, sondern vor allem auch um den bestehenden Baubestand. Dabei stehen Bilder von zentralen Plätzen und bekannten Bauten, die sich natürlich bei Touristen gut verkauften, neben solchen von Nebenstraßen und von Architekturdetails. Anders als etwa bei Carl Theodor Reiffenstein, der das Frankfurt seiner Zeit als bildender Künstler dokumentierte, sind die Bilder von Mylius nicht romantisierend, sondern von Realismus geprägt. Er wollte zeigen, was es zu sehen gab, nicht mehr und nicht weniger, und gerade das macht seine Bilder heute so wertvoll. Denn die Zeit, in der Mylius aktiv war, war eine Zeit großer Veränderungen. Mitte des 19. Jahrhunderts zählte Frankfurt noch 70.000 Einwohner, 1900 400.000. Dieses enorme Bevölkerungswachstum kam durch wirtschaftlich begründeten Zuzug zustande, aber auch durch anhaltend hohe Geburtenraten bei gleichzeitiger Verbesserung der medizinischen Möglichkeiten, die dazu führte, dass weniger Kinder starben. Der Bevölkerungszuwachs führte zwangsläufig zu baulichen Veränderungen, nämlich einerseits dazu, dass die Stadt sich immer mehr ins Umland ausdehnte, anderseits aber auch zum Abriss von Häusern in der Altstadt, um diese durch neue und zweckmäßigere zu ersetzen.

Bildende Künstler – mit Ausnahme des bereits genannten Carl Theodor Reiffenstein – gaben oftmals nur Ausschnitte des Stadtbilds wieder, Mylius dagegen erreichte eine gewisse Vollständigkeit. Aus einer Vielzahl an Einzelbildern lässt sich ein Gesamteindruck zusammensetzen. War das von Mylius so gewollt? Zumindest ging sein Interesse an der Dokumentation des Aussehens seiner Heimatstadt über ein rein kommerzielles deutlich hinaus. Definitiv beabsichtigt war die Zusammensetzung eines großen Bildes aus vielen Teilen bei Mylius’ berühmtestem Werk, seinem Panorama beider Frankfurter Mainufer aus den Jahren 1860 und 1861. Dieses ist aus 32 Fotografien zusammengefügt, die ein lückenloses, fast 8 m langes Bild ergeben. Das Exemplar mit 32 Teilbildern befindet sich im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Auch das Frankfurter Städel besitzt ein Exemplar, das aus 31 Bildern besteht. Als weiteres Hauptwerk von Mylius ist seine Dokumentation des Doms mit vielen Architekturdetails zu nennen. Wertvoll für die Rekonstruktion des in Frankfurt vor sich gehenden Wandels ist auch die Tatsache, dass Mylius nicht selten denselben Ort in zeitlichem Abstand noch einmal fotografierte.

Anfang der 90er Jahre gab Mylius seinen Beruf nach und nach auf. Im Ruhestand widmete er sich der Aquarellmalerei, nicht ohne Geschick, aber mit weniger Nachwirkung als in der Fotografie. Viele seiner Fotos schenkte er dem Historischen Museum. Mylius’ Familienleben verlief weniger glücklich als seine künstlerische und geschäftliche Tätigkeit; seine Frau Sophie, die er 1852 geheiratet hatte, und vier seiner fünf Kinder starben vor ihm.

Fotos von Mylius sind in verschiedenen Veröffentlichungen publiziert worden, am leichtesten zugänglich in der modernen Standardmonographie zu seinem Werk von Eberhard Mayer-Wegelin, erschienen 2014, die leider vergriffen ist und eine Nachauflage verdienen würde. Aber auch im Internet lassen sich von ihm geschaffene Bilder finden, die zumindest einen ersten Eindruck von seinem Schaffen vermitteln können.

 

 

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Textquellen:

Mayer-Wegelin, Eberhard (Hrsg.): Das alte Frankfurt am Main: Photographien 1855–1890 von Carl Friedrich Mylius, München: Schirmer/Mosel Verlag, 2014.

Mayer-Wegelin, Eberhard: Mylius, Carl Friedrich in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe) abgerufen von >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/594< am 02.01.2023.

Carl Friedrich Mylius im Städel-Blog abgerufen von >https://blog.staedelmuseum.de/frankfurt-fotografien-von-carl-friedrich-mylius/< am 02.01.2023.

Bericht in der FAZ mit Gegenüberstellungen von Mylius-Fotografien und modernen Fotos der entsprechenden Orte: abgerufen von >https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt-vor-150-jahren-der-einzigartige-bilderschatz-des-carl-friedrich-mylius-14467294.html< am 02.01.2023.

Mylius-Bilder auf museum-digital.de abgerufen von >https://nat.museum-digital.de/objects?s=collection:4856&sort=inventorynumber&order=asc< am 02.01.2023.

Bericht der FNP zu Mylius-Ausstellung im Historischen Museum: >https://www.fnp.de/frankfurt/frankfurt-grossstadt-wurde-10679251.html< am 02.01.2023.

Bericht der FR zur Mylius-Monographie von Eberhard Mayer-Wegelin: abgerufen von >https://www.fr.de/kultur/vaterstadtmensch-11053936.html< am 02.01.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Carl Friedrich Mylius,1896, Urheber: Carl Friedrich Mylius via Wikimedia Commons Gemeinfrei; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

Frankfurt Dom 1866, Urheber: Carl Friedrich Mylius via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Frankfurt Dreikönigskirche 1859, Urheber: Carl Friedrich Mylius via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

 

 

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