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Christoph Werner
Um ewig einst zu leben

Roman

Um 1815 zwei Männer, beide Maler - der eine in London, der andere in Dresden; der eine weltoffen, der andere düster melancholisch. Es sind J. M. William Turner und Caspar David Friedrich. Der Roman spielt mit der Verbindung beider.

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Jakob Nussbaum

Jakob Nussbaum

Ralph Zade

Eine breite Uferpromenade am Main, am Ufer aufgereihte Bäume, die sie beschatten, darunter gestutztes Grün. Hinten eine Person auf einer Bank mit Flussblick, hinter der Bank eine zweite, auf der anderen Seite des Promenadenweges stehende Person, auch auf dieser Seite der Promenade Grün. Hinter dem Grün eine Turmspitze, links durch die Bäume hindurch ist die Frankfurter Alte Brücke zu sehen. Der Ort ist klar identifizierbar, auch heute noch, selbst wenn sich die Promenade verändert hat, doch ist es nicht das Ziel des impressionistischen Ölbildes, eine Vedute zu sein, es will die Atmosphäre eines lichtdurchfluteten Tages im Jahre 1903 am Main einfangen, an einem Ort, der nicht weit vom heutigen Jüdischen Museum entfernt ist, das am gegenüberliegenden Mainufer liegt und in dem das Bild – es trägt den Titel „Mainufer mit Blick auf die Alte Brücke“ – heute zu sehen ist.

Jakob Nussbaum (1873-1936), der dieses Bild geschaffen hat, und viele andere Bilder mit Frankfurt-Bezug, wurde in Rhina in Osthessen geboren. Diese Herkunft sollte für seine Kunst prägend sein, denn die ländliche Umgebung bedingte einen Bezug zur Natur, der sich in seiner Malerei widerspiegelte. Nussbaums Vater war Branntweinfabrikant, verlegte aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten 1882 seinen Wohnsitz nach Frankfurt und eröffnete dort in der Obermainstraße das Geschäft „Baruch Nussbaum Spirituosen & Salz“. Jakob begann nach der mittleren Reife eine kaufmännische Lehre. Karikaturen, die er u. a. von seinem Lehrherrn anfertigte, überzeugten seine Eltern dann aber von seinem künstlerischen Talent und er durfte nach München gehen, um sich als Künstler auszubilden. Zunächst wurde er von dem naturalistischen Maler Simon Hollósy (1857-1918) unterrichtet, einem aus Siebenbürgen stammenden Ungarn, danach an der Kunstakademie, u. a. von dem Historienmaler Gabriel von Hackl (1843-1926). Hollósy nahm ihn dann auch mit in die von ihm maßgebliche mitbegründete Künstlerkolonie in Nagybánya (damals, vor dem Ersten Weltkrieg noch Ungarn, seit 1920 unter dem Namen Baia Mare Teil Rumäniens), wo die Freilichtmalerei gepflegt wurde, was auf Nussbaum einen bleibenden Einfluss hatte.

1902 kehrte Nussbaum nach Frankfurt zurück und widmete sich dort der Landschafts- und Porträtmalerei. Über seinen Bezug zur Freilichtmalerei fand er Anschluss an die Berliner Secession. Deren bekanntester Vertreter, Max Liebermann, wurde ihm zum väterlichen Freund und Mentor. Nussbaum pendelte nun zwischen Frankfurt, München und Berlin, am wichtigsten wurde ihm aber Frankfurt, wo er sich niederließ und damit begann, impressionistische Stadtansichten zu malen, die in den Wohnungen vieler Familien hingen, wie etwa das Bild des Frankfurter Opernplatzes, das die Familie von Anne Frank besaß – auch dieses Bild, gemalt 1905, ist heute im Jüdischen Museum zu sehen. Die Frankfurt-Bilder, die Nussbaum bis 1933 malte, waren nicht nur damals beliebt, sondern sind es auch heute wieder – was sich in entsprechenden Preisen niederschlägt. Von Bedeutung für die Frankfurter Kunstgeschichte sind außerdem die Porträts, die Nussbaum von Frankfurter Persönlichkeiten anfertigte. Dabei reicht das Spektrum von Frankfurter Stadthonoratioren bis zur mit ihm befreundeten Malerin Ottilie W. Roederstein (1859-1937), die ihrerseits Nussbaum porträtierte – beide Bilder besitzt heute das Städel.

Nussbaums Leben in Frankfurt wurde durch verschiedene Ereignisse unterbrochen, zunächst durch einige Reisen – schon 1904 fuhr er nach Tunesien, und dort das Licht für seine Malerei zu nutzen, 1908 mit Liebermann in die Niederlande, 1909 nach Algerien, 1912 nach Teneriffa und Madeira, jeweils mit entsprechendem künstlerischem Ertrag. Dabei schuf er nicht nur Gemälde, sondern auch Druckgrafiken, teils in Serien. 1914 wurde er als Soldat an die Westfront eingezogen und dann, mit Unterstützung Liebermanns, zum Kriegsmaler ernannt. Anders als andere Maler und Illustratoren stellte er das Grauen des Krieges vor allem anhand der durch Kriegseinwirkungen zerstörten Landschaft dar – hier zeigt sich wiederum sein starker Naturbezug.

1917 heiratete Nussbaum Marie Grünbaum. Da sie aus wohlhabender Familie stammte, war er fortan materiellen Nöten enthoben. Sein gesellschaftlicher Rang in Frankfurt war nun unbestritten. Die in dieser Zeit entstandenen Bilder zeigen teilweise Charakteristika des Realismus und der Neuen Sachlichkeit, vor allem Auftragsarbeiten, bei denen genaue Wiedergabe gefragt war. 1922 war Nussbaum Mitbegründer der „Frankfurter Künstlerhilfe“, die sich der Unterstützung in Not geratener Künstler widmete. 1932 wurde er als Lehrer an die Frankfurter Städelschule berufen. Sein Engagement dort war nur von kurzer Dauer. Kurz nach der Machtergreifung der Nazis wurde er entlassen und in die Emigration getrieben. Er siedelte sich mit seiner Familie in Kinneret am See Genezareth an. Nur drei Jahre später starb er an den Folgen einer Bauchoperation.

In der Paul-Ehrlich-Straße 41 in Sachsenhausen, am Wohnsitz von Nussbaum und seiner Familie, wurden 2022 Stolpersteine für Jakob Nussbaum, seine Frau Marie und ihre drei Kinder Bernhard, Elisabeth und Reinhold verlegt, die mit ihnen nach Palästina geflohen waren. Das ist ein wichtiges Gedenken, noch wichtiger aber ist es, dass Jakob Nussbaum zunehmend wieder den Rang erhält, der ihm aufgrund der künstlerischen Qualitäten seines Werkes zukommt. Ein Anfang dafür wurde schon 1973 gemacht, als das Städel Nussbaum die erste Einzelausstellung in Deutschland nach dem Krieg widmete. Wesentliche Verdienste um die Wiederentdeckung und auch um die Vermittlung von Bildern und Nachlass an das Jüdische Museum hat die Kunsthistorikerin Claudia Müller-Proskar, die auch eine Dissertation zu Nussbaum mit Werkverzeichnis verfasst hat. Wer in Frankfurt Nussbaum-Bilder sehen möchte, sollte dementsprechend zuerst ins Jüdische Museum gehen. Aber auch das Städel ist ein Anlaufpunkt. In diesem Sinne ist Nussbaum heute nach Frankfurt heimgekehrt.

 

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Textquellen:

Müller, Claudia C. (= Claudia Müller-Proskar): Jakob Nussbaum (1873-1936), Ein Frankfurter Maler in Spannungsfeld der Stilrichtungen, Studien zur Frankfurter Geschichte, Band 47.

Müller-Proskar, Claudia: Nussbaum, Jakob in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe): abgerufen von >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/647< am 15.05.2023.

Seite des Jüdischen Museums zu Jakob Nussbaum: abgerufen von >https://www.juedischesmuseum.de/sammlung/bildende-kunst/detail/jakob-nussbaum-impressionist/< am 15.05.2023.

Jakob Nussbaum in der Digitalen Sammlung des Städel: abgerufen von >https://sammlung.staedelmuseum.de/de/person/nussbaum-jakob< am 15.05.2023.

Webseite der Gemeinde Haunetal (zu der Nussbaums Geburtsort heute gehört) zu Nussbaum: abgerufen von >https://www.haunetal.de/seite/161485/jakob-nussbaum.html< am 15.05.2023.

Information zu 2022 verlegten Stolpersteinen (s. Seite 17): abgerufen von >https://www.stolpersteine-frankfurt.de/media/pages/aktuell/6a381f32f2-1651736462/biografien_stolpersteine_mai_2022.pdf< am 15.05.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Jakob Nussbaum - Selbstbildnis, 1927 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Ottilie Roederstein: Bildnis des Malers Jakob Nussbaum (1909) via Wikimedia Commons Gemeinfrei; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

Paul-Ehrlich-Straße 41, 2, Sachsenhausen, Frankfurt am Main, 2022, Urheber: GeorgDerReisende via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Stolpersteinlage, 1, Paul-Ehrlich-Straße 41, Sachsenhausen, Frankfurt am Main, 2022, Urheber: GeorgDerReisende via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

 

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