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Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Moritz Daniel Oppenheim

Moritz Daniel Oppenheim

Ralph Zade

Heinrich Heine von vorn, versonnen blickend, mit weißem Kragen, der rechte Arm abgestützt, der linke auf den rechten gelegt – dieses wohl verbreitetste Porträt des Dichters, aus dem Jahre 1831 und im Besitz der Hamburger Kunsthalle, ist das heute vielleicht bekannteste Werk seines Schöpfers; man findet es häufig als Illustration, wenn von Heine die Rede ist. Viele kennen es, selbst wenn sie den Maler nicht kennen.

Namentlich ist Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882) heute nicht mehr im Bewusstsein der allgemeinen Öffentlichkeit verankert, obwohl er zu seiner Zeit ein durchaus prominenter Künstler war. Das ist vor allem auf die Nazizeit zurückzuführen, die zum Abbruch der Rezeption und zur Zerstörung eines Teils seines Werks führte. In den letzten Jahren wird Oppenheim, der oft als der erste jüdische Maler bezeichnet wird, aber wieder zunehmend wahrgenommen. Das gilt gerade auch für Frankfurt, das für ihn eine besondere Bedeutung hatte – das Jüdische Museum macht sich um die Wiederentdeckung verdient und zeigt in zwei Sälen Bilder von ihm, die einen Besuch des auch sonst sehr sehenswerten Museums lohnend machen.

Als Oppenheim 1800 im Hanauer Ghetto geboren wurde, erschien die Perspektive einer Karriere als Maler vollkommen unrealistisch, denn die von repressiven Rechtsvorschriften geprägte Situation der jüdischen Bevölkerung, die sich äußerlich im Zwang widerspiegelte, im Ghetto zu wohnen, schien eine solche nicht zuzulassen. Da wenige Jahre später infolge der napoleonischen Umwälzungen der Ghettozwang aufgehoben und die Lage der Juden auch durch andere Liberalisierungen verbessert wurde, änderte sich dies jedoch schnell. Seine jüdische Herkunft blieb für Oppenheim dennoch zeitlebens von zentraler Bedeutung. Seine religiöse Erziehung beeinflusste die Thematik seiner Bilder nachhaltig. Anders als andere Künstler jüdischer Herkunft blieb er dem Judentum treu und konvertierte nicht zum Christentum, obwohl dies seiner Karriere wohl hätte nützlich sein können. Auch seine Themen blieben zeitlebens mit dem Judentum verbunden.

Der „erste jüdische Maler“ war Oppenheim nicht, immerhin aber der erste akademisch gebildete jüdische Maler in Deutschland. Erste künstlerische Impulse erhielt er an der Hanauer Kurfürstlichen Zeichenakademie und nahm schon mit vierzehn Jahren Kopieraufträge wahr. Seine künstlerische Ausbildung setzte er dann in München und in Frankfurt, wohin er 1820 kam, fort. Ein Aufenthalt in Paris 1820/21 verschaffte ihm Weltläufigkeit, war für seine künstlerische Entwicklung aber weniger bedeutsam als ein anschließender mehrjähriger Aufenthalt in Italien, wo er mit den Nazarenern in Kontakt kam – diese Verbindung überrascht zunächst, denn die dezidiert christliche Ausrichtung dieser Künstlergruppe trennte sie von Oppenheim, der nicht nur entschieden am Judentum festhielt, sondern vielfach auch jüdische Themen zum Gegenstand seiner Kunst machte. Oppenheim entfernte sich deshalb dann auch wieder von den künstlerischen Vorstellungen der Nazarener. Als er aus Italien zurückkam, besuchte er Goethe in Weimar, der ihm einen großherzoglich-weimarischen Professorentitel verschaffte, was er wiederum diesem mit der Anfertigung von Illustrationen zu „Hermann und Dorothea“ dankte.

1828 ließ sich Oppenheim in Frankfurt als Maler nieder – einer Stadt, der er bis zu seinem Tode treu bleiben sollte und deren Bürgerrecht er 1851 erwarb. Die Voraussetzungen für die Begründung einer wirtschaftlich tragfähigen Existenz als freischaffender Künstler waren günstig, da sich durch die Judenemanzipation, die die napoleonischen Reformen in Gang gesetzt hatten, ein wohlhabendes jüdisches Bürgertum entwickeln konnte, das eine Käuferschicht für seine Gemälde bildete. Dabei malte Oppenheim nicht nur Porträts jüdischer Persönlichkeiten und ihrer Familien, sondern stellte auch das bürgerliche Leben jüdischer Familien dar. Seine Bilder, die dazu beitragen sollten, das jüdische Bürgertum gesellschaftlich auf eine Stufe mit dem christlichen zu bringen, in dem vergleichbare repräsentative Darstellungen üblich waren, integrierten häufig Verweise auf die Religion der Dargestellten. Türöffner für den Zugang zu entsprechenden Kundenkreisen war für Oppenheim die Tätigkeit für den Bankier Carl Mayer von Rothschild (1788-1855). Oppenheim sprach später davon, dass er „Maler der Rothschilds und Rothschild der Maler“ gewesen sei.

Internationale Bekanntheit erlangte Oppenheim in der Spätphase seiner Karriere mit dem in den 60er Jahren begonnenen Zyklus „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben“, Genreszenen, in denen unter Bezugnahme auf religiöse Bräuche in jüdischen Familien gelebte bürgerliche Tugenden versinnbildlicht wurden. Die ursprünglich farbigen Bilder malte Oppenheim als Grisaillen neu, um sie reproduzierbar zu machen. Die in den 80er Jahren als Heliogravüren vervielfältigten Bilder fanden in ihrer Zeit große Verbreitung, komplette Bände der mehrfach nachgedruckten Bildersammlung sind heute allerdings Raritäten. Ob es ein bürgerliches Leben jüdischer Familien, wie hier implizit behauptet, schon vor der Judenemanzipation in ähnlicher Form wie bei Christen gegeben hat, mag man angesichts der geltenden Restriktionen bezweifeln und den nostalgischen Charme der Bilder für etwas beschönigend halten. Am kulturhistorischen Wert der Darstellungen ändert dies jedoch nichts.

Moritz Daniel Oppenheim starb am 25.2. 1882 in Frankfurt. Sein Grabstein steht auf dem Alten jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße. In der Nazizeit ging etwa ein Drittel seines Oeuvres verloren, weitere Bilder wurden von ihren Besitzern mit ins Exil genommen, sodass heute das Jewish Museum in New York und das Israel Museum in Jerusalem über Bilder von ihm verfügen. Wer im Rhein-Main-Gebiet Bilder von Oppenheim sehen möchte, kann dies außer im Jüdischen Museum Frankfurt auch in seiner Geburtsstadt Hanau tun – der Ludwig-Rosenthal-Saal des Historischen Museums Hanau Schloss Philippsruhe ist Bildern von ihm gewidmet. Die dortige Ausstellung ist die größte Oppenheim-Dauerausstellung weltweit.

 

 

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Textquellen:

Moritz Oppenheim: Erinnerungen, Frankfurter Verlags-Anstalt, 1924.

Gathof, Isabel;  Graf, Esther: Moritz Daniel Oppenheim: Maler der Rothschilds und Rothschild der Maler, Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich Verlag, 2019.

Dröse, Ruth; Eisermann, Frank; Kingreen, Monica; Merk, Anton: Der Zyklus „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben“ und sein Maler Moritz Daniel Oppenheim, Hanau: CoCon-Verlag, 1996.

Webseite des Jüdischen Museums Frankfurt zu Moritz Daniel Oppenheim abgerufen von >https://www.juedischesmuseum.de/sammlung/bildende-kunst/detail/moritz-daniel-oppenheim-1800-1882/< am 01.06.2023.

Frost, Reinhard: Oppenheim, Moritz: Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe) abgerufen von >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/699< am 01.06.2023.

Webseite zu Kinodokumentation über Moritz Daniel Oppenheim von Isabel Gathof abgerufen von >http://moritzdanieloppenheim.com/< am 01.06.2023.

Moritz Oppenheim in der Allgemeinen Deutschen Biographie abgerufen von >https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Oppenheim,_Moritz< am 01.06.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Moritz Daniel Oppenheim - Self-Portrait - Google Art Project, 1814-1816 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Heinrich Heine-Oppenheim, 1831 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Moritz Daniel Oppenheim - The Return of the Volunteer from the Wars of Liberation to His Family Still Living in Accordance wit... - Google Art Project, 1833/34 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

 

 

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