Ein älterer Mann mit einem Anflug von Lächeln im schmalen Gesicht, in schwarze Amtstracht gekleidet, mit weißem Beffchen im Halsausschnitt und weißen Rüschen an den Ärmeln, eine Amtskette um den Hals, die rechte Hand mit schmalen Fingern an die Hüfte gelegt, die linke von hinten den Körper stützend, eine würdevolle, dabei aber zurückhaltende Erscheinung – so hat Jakob Andreas Scheppelin Johann Wolfgang Textor (1693-1771) 1763 gemalt. Das Bild hängt heute im Freien Deutschen Hochstift. Eine Erscheinung, zu der die folgende Beschreibung passt:
„Alle diese Gartenarbeiten betrieb er ebenso regelmäßig und genau als seine Amtsgeschäfte: denn eh er herunterkam, hatte er immer die Registrande seiner Proponenden für den andern Tag in Ordnung gebracht und die Akten gelesen. Ebenso fuhr er morgens aufs Rathaus, speiste nach seiner Rückkehr, nickte hierauf in seinem Großvaterstuhl, und so ging alles einen Tag wie den andern. Er sprach wenig, zeigte keine Spur von Heftigkeit; ich erinnere mich nicht, ihn zornig gesehen zu haben. Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe ich niemals irgendeine Neuerung wahrgenommen. Seine Bibliothek enthielt außer juristischen Werken nur die ersten Reisebeschreibungen, Seefahrten und Länderentdeckungen. Überhaupt erinnere ich mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.“
So charakterisiert Johann Wolfgang von Goethe im Ersten Buch seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ seinen Großvater mütterlicherseits, nach dem er seine Vornamen erhalten hatte, ebenso wie sein Großvater nach seinem eigenen Großvater, Johann Wolfgang Textor dem Älteren (1638-1701) benannt worden war. Textor der Ältere, der aus Hohenlohe stammte, war wie schon sein Vater Wolfgang Textor (1588-1650) Jurist, sein Großvater aber noch Weber, was auch mit dem Familiennamen übereinstimmte, der durch Wolfgang Textor latinisiert wurde. Von da an waren alle Vorfahren Juristen, so auch der Sohn Johann Wolfgang Textors des Älteren und Vater Johann Wolfgang Textors des Jüngeren, Christoph Heinrich Textor (1666-1716), der Advokat war.
Das erste Familienmitglied, das nach Frankfurt kam, war Johann Wolfgang Textor der Ältere, der 1691 einen Ruf als Syndikus und Rechtsberater dorthin annahm, nachdem er vorher Professor in Altdorf (bei Nürnberg) und dann in Heidelberg gewesen war, das durch den Pfälzischen Erbfolgekrieg, in dem französische Truppen größere Teile Südwestdeutschlands verheerten, zu einem unangenehmen Aufenthaltsort wurde. Er wurde 1701 in der Frankfurter Katharinenkirche begraben. Sein Sohn Christoph Heinrich war als Jurist etwas weniger erfolgreich als sein zu seiner Zeit auch durch juristische Veröffentlichungen sehr bekannter Vater, brachte es aber immerhin zum pfälzischen Hofgerichtsrat.
Dass auch Johann Wolfgang Textor der Jüngere Jurist wurde, war bei dieser Familiengeschichte selbstverständlich. Nach dem Besuch des Frankfurter Gymnasiums nahm er 1712 das Jurastudium an der Universität Altdorf auf, an der sein Großvater gelehrt hatte. 1717 ging er ans Reichskammergericht in Wetzlar, um dort Praktikant und dann Advokat zu werden; im nahegelegenen Gießen wurde er promoviert. Anna Margaretha Lindheimer (1711–1783), die er 1726 heiratete, war die Tochter eines Frankfurter Juristen. 1727 ging er nach Frankfurt zurück und wurde sogleich in den Rat der Stadt gewählt, was zu Protesten führte, denn er war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Bürger der Stadt. Es schadete ihm nicht dauerhaft, denn seine juristische Kompetenz war gefragt – 1731 wurde er Schöffe; angeblich hatte er das vorausgesehen; wie Goethe berichtet, wurden ihm seherische Fähigkeiten zugeschrieben – 1738, 1741 und 1743 Älterer Bürgermeister, d. h. formal Oberhaupt der Freien Reichsstadt Frankfurt. 1747 wurde er dann – auch das soll er laut Goethe vorausgesehen haben – Reichs- und Stadtschultheiß, d. h. Vertreter des Kaisers in Frankfurt und höchster Beamter der Stadt; das Amt behielt er bis kurz vor seinem Tod bei. Mehr konnte man im damaligen Frankfurt kaum erreichen.
Unumstritten war Textor freilich nicht. Johann Christian Senckenberg, Arzt und Begründer der Dr. Senckenbergischen Stiftung, erklärte ihn in seinem Tagebuch (das in einer frei zugänglichen Online-Ausgabe vorliegt) für korrupt. Während der französischen Besetzung Frankfurts 1759, im Siebenjährigen Krieg, wurde die kaisertreue Haltung Textors, die einer Familientradition entsprach, zum Problem. Österreich war mit Frankreich verbündet, nicht wenige Frankfurter, wenn auch nicht die Mehrheit, standen auf der anderen Seite – der Preußens. So auch Johann Caspar Goethe, Goethes Vater und Textors Schwiegersohn, der 1760 darüber mit ihm in einen heftigen Streit geriet, bei dem Textor ein Messer nach Johann Caspar geworfen haben soll – ganz so immun gegenüber Zornesausbrüchen, wie von Johann Wolfgang von Goethe dargestellt, war Textor offenbar doch nicht. Der verschiedentlich gegen ihn erhobene Vorwurf, er habe Frankfurt an die Franzosen verraten, entsprach allerdings nicht der Realität.
Das Textorsche Anwesen an der Ecke der Kleinen Friedberger Straße 7 wurde 1796 bei der nächsten kriegerischen Auseinandersetzung mit Frankreich beschädigt und 1863 abgerissen. Einen Eindruck davon, wie die dortige Atmosphäre war, vermittelt Goethe in „Dichtung und Wahrheit“. Johann Wolfgang Textor hatte mit seiner Frau neun Kinder, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten; der einzige Überlebende von vier Söhnen, Johann Jost Textor (1739–1792) wurde ebenfalls Jurist und brachte es zum Schöffen und Jüngeren Bürgermeister; dessen Sohn (1767–1831) hieß wieder Johann Wolfgang Textor und war ebenfalls Schöffe und einflussreich in der Frankfurter Stadtpolitik.
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Textquellen:
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Textkritisch durchgesehen und mit Anmerkungen versehen von Erich Trunz, Hamburg: Christian Wegner, 1948 ff. Band 9, S. 38
Frost, Reinhardt; Hock Sabine: Textor, Johann Wolfgang (1693-1771). Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon abgerufen von >https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1468< am 07.05.2026
Johann Wolfgang Textor in der Deutschen Biographie abgerufen von >https://www.deutsche-biographie.de/sfz22701.html#ndbcontent< am 07.05.2026
Johann Wolfgang Textor im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen abgerufen von >https://www.lagis-hessen.de/pnd/103114025< am 07.05.2026
Johann Wolfgang Textor im Heraldik-Wiki abgerufen von >https://www.heraldik-wiki.de/wiki/Johann_Wolfgang_Textor< am 07.05.2026
Tagebücher Johann Christian Senckenbergs abgerufen von >https://www.ub.uni-frankfurt.de/senckenberg/< am 07.05.2026
Bildquellen:
Vorschaubild: Retrato de Johann Wolfgang Textor, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons gemeinfrei