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Wilfried Bütow
Kennst du Heinrich Heine?

Kunstfertig in vielen Genres, geht Heine souverän mit den Spielarten des Komischen um, erweist sich als ein Meister der Ironie und der Satire und weiß geistreich und witzig zu polemisieren.
Doch hatte er nicht nur Freunde. Erfahre mehr vom aufreibenden Leben Heines, wie er aus Deutschland fliehen musste, in Paris die Revolution von 1830 erlebte und den großen Goethe zu piesacken versuchte.


Der Gerechtigkeitsbrunnen

Der Gerechtigkeitsbrunnen

Sabine Gruber

Wie jede größere Stadt verfügte auch Frankfurt in früheren Jahrhunderten über eine Vielzahl von öffentlichen Brunnen, denn private Brunnen waren rar und nur in sehr wohlhabenden Haushalten vorhanden. Auch heute noch finden sich im Stadtgebiet zahlreiche dieser Brunnen. Viele davon sind allerdings nicht mehr in Betrieb. Von den mittelalterlichen Ziehbrunnen, die im 18. Jahrhundert vielfach durch modernere Pumpenbrunnen im Rokokostil ersetzt wurden, sind nur noch wenige erhalten. Der ausladende Gerechtigkeitsbrunnen (auch Justitiabrunnen genannt) auf dem Römerberg, der vor allem im Sommer mit seinem Blumenschmuck sofort ins Auge fällt, ist insofern eine Besonderheit als er vermutlich der älteste Springbrunnen der Stadt ist. Das Wasser für die Brunnenanlage wurde von einer Anhöhe am damaligen Stadtrand in die Innenstadt geleitet.

Als der erste Gerechtigkeitsbrunnen im Jahr 1543 eingeweiht wurde, hatte er wegen seiner prominenten Lage in der Mitte des Römerbergs vermutlich nicht nur eine praktische, sondern auch bereits eine repräsentative Funktion. Schließlich sahen ihn nicht zuletzt die neu gewählten Kaiser und ihr Gefolge beim Ein- und Auszug zur Krönung. Dennoch war der Brunnen damals noch sehr einfach, in spätgotischen Formen gehalten, wurde jedoch in der folgenden Zeit immer wieder erneuert und nach dem jeweiligen Zeitgeschmack verschönert. Bereits 1594 wurde der Wassertrog erneuert. Im 17. Jahrhundert erhielt der Brunnen neue Röhren und wurde mit einer Sandsteinfigur im Stil der Renaissance verziert, die die christliche Tugend der Gerechtigkeit verkörperte. Am Brunnensockel wurden Quellnymphen angebracht, aus denen das Wasser sprudelte (später wie heute aus wasserspeienden Masken). An den Seiten der Brunnensäule zeigten nun Reliefs neben der Justitia die weiteren christlichen Tugenden der Caritas (Liebe), Spes (Hoffnung) und Temperantia (Mäßigung). Von der Tugend der Mäßigung wurde bei den Kaiserkrönungen auch einmal abgesehen und es sprudelte – zur Freude der Anwohner, die sich hier kostenlos bedienen konnten – Wein anstatt Wasser aus dem Brunnen. Später ergoss sich der Wein, um den Gerechtigkeitsbrunnen zu schützen, dann aus einem anderen Brunnen, der provisorisch für die Kaiserkrönungen errichtet wurde.

Im 19. Jahrhundert wurde die Pflege des Brunnens wie überhaupt der umliegenden Altstadtgebäude vernachlässigt, sodass vor allem die Figur der Justitia Schaden nahm, ihren Arm mit der Waage verlor und wegen ihres desolaten Zustands 1874 samt der Brunnensäule ganz entfernt werden musste. Daran, dass ausgerechnet die Gerechtigkeit in Sichtweite des Römers ihren Arm mit der Waage verloren hatte, knüpfte sich viel Spott der Frankfurter Bürger. Dank einer großzügigen Spende des Weinhändlers Manskopf konnte die „Gartenlaube“ im Frühling 1887 berichten: „Am 10. Mai dieses Jahres, dem 16. Jahrestage des Frankfurter Friedens, fand in Frankfurt am Main auf dem althistorischen Römerberge die Enthüllung des von dem Frankfurter Bürger Gustav D. Manskopf, Associé der berühmten Weingroßhandlung Manskopf und Söhne, neu hergerichteten Justitiabrunnens statt. […] Möge der Justitiabrunnen als ein Denkmal patriotischen Bürgersinnes Jahrhunderte lang von der Stadt Frankfurt behütet und erhalten werden.“ Die beschädigte alte Justitiafigur war durch eine wertvolle Bronzekopie von Friedrich Schierholz ersetzt worden. Auch die Brunnensäule war jetzt aus der beständigeren Bronze und nur der Sockel noch aus Sandstein. Rund um den Brunnen wurde als Zierde, aber auch zum Schutz, ein von Alexander Linnemann angefertigtes schmiedeeisernes Gitter errichtet.

Als eines von wenigen historischen Zeugnissen in der Frankfurter Altstadt überstand der Gerechtigkeitsbrunnen den Zweiten Weltkrieg. Theodor W. Adorno berichtete über seine Rückkehr an diesen Ort in einem Brief vom 3. November 1949: „Die Altstadt ist ein nightmare, ein Angsttraum in dem man alles an der falschen Stelle sieht, so den ganzen Dom, vom Römerberg aus. Der einsam erhaltene Gerechtigkeitsbrunnen auf dem verwüsteten Römerplatz. Erst auf dem Eisernen Steg kam mir das Phantastische des Ganzen recht ins Gefühl; mir war als wäre ich nicht da.“

Heute ist die albtraumhafte Szenerie von damals verschwunden und Vieles vom damals Zerstörten am und rund um den Römerberg wieder aufgebaut. Der authentische alte Brunnen in der Mitte des Platzes ist aber immer noch etwas Besonderes und nicht nur ein beliebtes Fotomotiv, sondern auch eines der Wahrzeichen der Stadt.

 

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Textquellen

Adorno, Theodor W.: Tagebuch einer großen Reise, Oktober 1949: Aufzeichnungen bei der Rückkehr aus dem Exil in: Frankfurter Adorno-Blätter VIII, S. 95-110.

Blätter und Blüthen in: Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt 1887, S. 803.

Frankfurt am Main und seine Bauten, Hg. vom Frankfurter Architekten- und Ingenieurverein, Frankfurt a. M., 1886.

Frankfurt-Lexikon: Mit einem Stadtplan herausgegeben von Waldemar Kramer, Sechste, neubearbeitete Ausgabe, Frankfurt a. M., 1973.

Picard, Tobias: Frankfurt am Main in frühen Farbdias 1936 bis 1943, Erfurt, 2011.

>https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/sehenswuerdigkeiten/fuer-historisch-interessierte/gerechtigkeitsbrunnen< abgerufen am 04.04.2022.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeitsbrunnen_(Frankfurt_am_Main< abgerufen am 04.04.2022.

>https://www.kunst-im-oeffentlichen-raum-frankfurt.de/de/page153.html?id=99< abgerufen am 04.04.2022.

 

Foto: Carolin Eberhardt; © Bertuch Verag.

 

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