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Nickelchestag

Nickelchestag

Sabine Gruber

Die Frankfurter sind zwar traditionell geschäftig und fleißig, aber auch das Entspannen und das Feiern haben in der Stadt durchaus eine Tradition. Dies zeigen nicht zuletzt die stadtspezifischen Feiertage, von denen sich zwei - der Wäldchestag und der Faschingsdienstag - bis heute gehalten haben. Der berühmte Wäldchestag, der mehrfach in literarischen Werken verewigt wurde, wird, wie sein Name vermuten lässt, noch heute am Pfingstdienstag im Frankfurter Stadtwald gefeiert. Auch der Fastnachtsdienstag, der Tag, an dem in Heddernheim der Fastnachtszug „Klaa Paris“ stattfindet, wird in traditionell orientierten Betrieben noch als (halber) Feiertag begangen.

Ein anderer regionaler, eher Offenbacher als Frankfurter Feiertag, der im Gegensatz zu den oben genannten heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, ist der Nickelchestag. Wenn der Tag heute überhaupt noch erwähnt wird, dann meistens im Zusammenhang mit dem Frankfurter Bierkrawall, einer blutigen Auseinandersetzung, die durch eine Erhöhung des Bierpreises ausgelöst wurde und am Nickelchestag des Jahres 1873 stattfand. Aber was ist nun der Nickelchestag und woher hat er seinen Namen? Der Nickelchestag wurde jeweils am Montag der letzten Woche der Frankfurter Messe begangen und war für das Messegeschäft sehr wichtig, weil der Feiertag zu einem bei den Ausstellern sehr willkommenen erhöhten Aufkommen von Besuchern führte.

Ursprünglich handelte es sich beim Nickelchestag lediglich um die mit einem Sonderurlaub verbundene Bonuszahlung eines Fabrikanten an seine Mitarbeiter. Und der Fabrikant war nicht einmal in der Messestadt selbst tätig, sondern im nahegelegenen Offenbach: Nikolaus Bernard (1709-1780), dessen Vorfahren wohl wie die zahlreicher anderer in der Region als Glaubensflüchtlinge aus Frankreich eingewandert waren (nach anderen Überlieferungen stammten seine Vorfahren aus der Schweiz), begann irgendwann seinen Mitarbeitern an jedem Montag der letzten Frankfurter Messwoche freizugeben und ihnen einen Brabanter Taler auszuzahlen, damit sie sich bei ihrem Besuch der Messe etwas leisten konnten. Die Arbeiter begannen daraufhin den Tag nach ihrem Chef zu taufen: Nickelche ist die südhessische Verkleinerungsform für Nikolaus. Johann Nikolaus Bernard hatte 1733 in Offenbach die erste deutsche Tabakfabrik gegründet und seinen Bruder Johann Heinrich Bernard zum Teilhaber gemacht. Die Fabrik produzierte mit Fürstlich Isenburgischem Privileg den damals beliebten Schnupftabak. Die Brüder Bernard waren so erfolgreich, dass sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Filiale in Regensburg eröffnen konnten.

Das Beispiel Bernards machte in Offenbach Schule und nach und nach übernahmen auch andere Offenbacher Arbeitgeber, später auch zahlreiche andere Arbeitgeber aus der Region, die von ihm eingeführte Tradition, ihren Mitarbeitern am letzten Montag der Messe freizugeben und so wurde dieser Tag zu einem der am stärksten besuchten Tage der Frankfurter Messe. Davon profitierten nicht nur die Aussteller der Messe, sondern auch die Frankfurter Läden und Gastronomie. Johann Konrad Friederich (1789-1858) beschreibt es in "Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten" so: "Die Leute gingen an diesem Tag schaarenweis nach Frankfurt, machten sich einen guten Tag, den sie nach ihrem Brodherrn Nickelchestag nannten, und kehrten beim Heimgehen in den Wirthshäusern zu Oberrad ein, wo sie sich unter Tanzen und Trinken bis zum hellen Morgen vergnügten. Dieser Gebrauch wurde nach und nach in der ganzen Umgegend von Frankfurt nachgeahmt, wodurch der Frankfurter Nickelchestag entstand, an dem das Gedränge in den Straßen fast eben so groß als auf den Boulevards zu Paris ist."

Emil Pirazzi (1832-1898) berichtete 1879 in "Bilder und Geschichten aus Offenbachs Vergangenheit" von der "heute noch, und mehr wie je, blühenden Institution des Offenbacher Meßtages, vulgo 'Nickelchestag'", der Nikolaus Bernard "unsterblich gemacht" habe. Ganz so weit her kann es mit der Unsterblichkeit von Bernards Namen allerdings nicht gewesen sein, denn bereits im Mai 1852 findet sich in einem, in der Zeitschrift "Deutsches Museum" erschienenen Korrespondentenbericht aus Frankfurt am Main die Bemerkung, dass "wohl auch Mancher in der alten Reichs- und Krönungsstadt" den Ursprung des Namens nicht mehr kenne "wie es gar oft geschieht, dass im Laufe der Zeiten sich zwar Namen erhalten haben, deren Ursprung aber vergessen ist." Welcher Nikolaus mit dem Nickel gemeint war, dem die Arbeiter und Angestellten der Region ihren freien Tag zu verdanken hatten, war also früh in Vergessenheit geraten, die Institution des Nickelchestages geriet dagegen erst im 20. Jahrhundert in Vergessenheit. Mag auch der regionale Feiertag endgültig nicht mehr an die Johann Nikolaus Bernard erinnern, so erinnert zumindest die Offenbacher Bernardstraße heute noch an die Fabrikantenfamilie, die Offenbach nicht nur durch einen regionalen Feiertag geprägt hat.

 

 

 

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Textquellen

Aus Frankfurt a. M. in: Deutsches Museum, Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben, Hrsg. von Robert Prutz, 2. Jg., 1852, Januar-Juni, S. 954.

Frankfurt-Lexikon: Mit einem Stadtplan herausgegeben von Waldemar Kramer, Sechste, neubearbeitete Ausgabe, Frankfurt a. M., 1973.

[Johann Konrad Friederich]: Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten, Hinterlassene Papiere eines französisch-preußischen Offiziers, 3 Bde, Tübingen, 1848/1849.

Pirazzi, Emil: Bilder und Geschichten aus Offenbachs Vergangenheit: Eine Festgabe zur Hessischen Landes-Gewerbe-Ausstellung in Offenbach am Main, Offenbach, 1879.

>https://de.wikipedia.org/wiki/Gebr%C3%BCder_Bernard< abgerufen am 16.01.2023.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Bernard schmalzlerfranzl hi, 2008, Urheber: Oimel via Wikimedia Commons  CC BY-SA 3.0.

Johann Nikolaus Bernard Gruender der Schnupftabakfabrik Bernard, eigene Reproduktion 2009 via Wikimedia Commons gemeinfrei.

Offenbach, Bernardstraße 15-17, 2017, Urheber: Karsten11 via Wikimedia Commons CC0 1.0.

 

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